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Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker Dummschwätzer mit Saarland-Dialekt

Mit Heinz Becker hat der Kabarettist Gerd Dudenhöffer die Karikatur des kleinen Mannes erschaffen - eine spießig und ignorant. Wen würde Becker bei der Landtagswahl im Saarland wählen? Dudenhöffer weiß es.

21.03.2012 17:19
Gerd Dudenhöffer eckt mit seiner Karikatur eines saarländischen Spießbürgers auch schon mal an - besonders im Saarland.

Dummschwätzer mit Dialekt und dauernörgelnder Ehemann von „es Hilde“ – Heinz Becker gilt vielen als Prototyp des Saarländers. Was so natürlich nicht stimmt. In Wirklichkeit ist Heinz Becker, die Kunstfigur des Kabarettisten Gerd Dudenhöffer, die Karikatur des kleinen Mannes aus dem kleinen Volk ganz im äußersten Südwesten der Republik. Eine Komposition aus Spießertum, Kleingeist und Ignoranz, wie sie auch anderswo in der Republik gedeiht. Und nur zufällig mit Saar-Dialekt ausgestattet. Im Interview erzählt Gerd Dudenhöffer, wen Heinz Becker am Sonntag bei der Landtagswahl im Saarland wählen würde. Und wen er selbst wählen wird.

Herr Dudenhöffer, das Saarland gilt als „Landmasse ohne positives Image“. Warum ist das so?

Verstehe ich auch nicht. Es ist so schön hier.

Wenn irgendwo ein Ölteppich ist, heißt es: Der ist „so groß wie das Saarland“. Oder eine verstrahlte Zone – auch „so groß wie das Saarland“ ...

Wenn das stimmt, ist es halt so. Viele Saarländer ärgern sich über diese Vergleiche. Der Saarländer bezieht immer alles auf sich. Deswegen spiele ich meine Figur Heinz Becker auch nicht mehr im Saarland. Viele hier denken, ich mache mich auf ihre Kosten lustig. Aber ich spiele mit Heinz Becker nicht den typischen Saarländer. Sonst hätte ich in Hamburg, Köln, Leipzig, Passau oder Köln gar keine Chance. Heinz Becker spricht Mundart, es ist die, in die ich hineingeboren bin. Zufällig ist es Saarländisch.

Saarländisch in milder Version.

Das liegt daran, dass ich aus dem östlichen Saarland komme, aus der Saar-Pfalz. Das Saar-Pfälzische ist näher am Hochdeutschen dran als der härtere Dialekt, den man ihn in Saarbrücken oder Saarlouis spricht. Weiter im Norden, Richtung Eifel, geht es dann richtig los. Das hört sich an, wie wenn Wölfe miteinander reden.

„Saarland, schön, dass Du da bist“ – so steht es an der Autobahn, wenn man reinfährt. Stimmt das?

Und wie! Ich bin ein überzeugter Saarländer. Es schmerzt mich tief, wenn ich daran denke, wie wenig daraus gemacht wird. Wenn der Bayer so etwas Schönes hätte wie die Saar-Schleife – das wäre auf der bayerischen Fahne drauf. Wir haben tolles Bier, das Karlsberg. Und erst die Lyoner, das ist eine Wurst, die ist wie Champagner. Aber dann heißt es im Saarland: Wir dürfen nicht immer auf dem Lyoner-Image herumreiten. Sagen sie das mal einem Bayern: Ihr sollt nicht immer auf dem Weißbier-Image rumreiten. Das gehört dort zur Kultur.

Im Saarland nicht?

Schon. Essen und Trinken ist wichtig, aber man zelebriert es nicht genug. Es gibt ja den Satz „Hauptsach gut gess, geschafft hann mir schnell“. Das wird oft negativ dargestellt, aber für mich ist das nur positiv. Essen ist für uns nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern vor allem auch Genuss und Gelegenheit zur Kommunikation. Und wenn man gut gegessen hat, macht die Arbeit Spaß, und die Arbeit geht umso schneller von der Hand.

Was raten Sie?

Ich schlage vor. Alle Saarländer fassen sich an der Hand und rufen: „Wir haben ein tolles Land!“ Denn es ist wirklich ein schönes Fleckchen Erde. Natürlich gibt es auch die Schwerindustrie, die Hütten, die Kraftwerke. Aber ist das schlecht? Die gibt es auch im Ruhrgebiet. Nur: Grönemeyer schreibt dann ein Lied darüber. Wir im Saarland brauchen mehr Selbstbewusstsein. Grund genug dafür hätten wir. Die Leute im Saarland sind kloor.

Wie bitte?

Kloor.

Wie schreibt sich das?

Es gibt keine eindeutige Schreibweise.

Was heißt es?

In ganz besonderer Weise witzig, interessant. Man kann es nicht übersetzen.

Die bunte Jamaika-Koalition im Saarland brachte dem Saarland 2009 doch ein neues Image. Jamaika – da denkt man an Karibik, Bob Marley, etwas zu rauchen ...

Völlig falsch. Das Exotischste an Jamaika war der Name. Die Saar-CDU hat nichts Exotisches, die Saar-Grünen nicht mehr und die Saar-FDP schon gar nicht. Jamaika war eine Notmaßnahme der Union, um sich an der Regierung zu halten. Jetzt soll eine große Koalition kommen. Das wird gemacht, um das nächste Experiment zu verhindern, bei dem Tiefrote, Grüne, Piraten und vielleicht auch noch irgendwelche Graue mitmischen. Die Saarländer finden das gut. Die Leute wollen auch mal ihre Ruhe haben. Das ist doch verständlich.

Jamaika im Saarland

Hatte Jamaika im Saarland denn eine Chance?

Nein. Der Jamaika-Erfinder, CDU-Ministerpräsident Peter Müller, wusste, dass es nicht lange hält. Er dachte, ich mache das, damit wir nicht in die Opposition müssen. Aber sobald ein Posten am Verfassungsgericht winkt, bin ich weg. So kam es ja auch. Müller hat geahnt, dass Jamaika Probleme bekommen würde. In so einem kleinen Land gibt es nicht genügend politische Kapazitäten. Ein Bundespolitiker, der ins Saarland müsste, fühlte sich strafversetzt. Das liegt am Image.

Das Jamaika-Ende kam wegen der FDP.

Die FDP-Leute waren auf die Posten in der Regierung scharf. Der Antrieb war Eitelkeit, nicht Politik. Die Quittung ist: Sie haben noch zwei Prozent Zustimmung. Heinz Becker sagt dazu: Das ist weniger als bei einem dünnen Riesling, den kippt man bei uns weg. Da hat er recht.

Hat die FDP noch Chancen?

Wenn die FDP-Leute sich noch Chancen ausrechnen, sind sie realitätsfremd. Die FDP hat niemanden, der das Steuer herumreißen könnte. Dem FDP-Auto haben sie die Reifen abmontiert. Das fährt nicht.

Ist die große Koalition, die CDU und SPD jetzt fest angepeilt haben, denn das Richtige für das Land nach Jamaika?

Ich sehe keine andere Möglichkeit. Das Ergebnis große Koalition steht praktisch schon fest. Die vielen Wahlplakate, mit denen die Straßen zugepflastert sind, hätte man sich sparen können. Zumal die Plakate schlecht gemacht sind; das sage ich als gelernter Grafiker. Sie haben einen Haufen Geld gekostet. Das hätte man besser krebskranken Kindern zukommen lassen. Oder sonst jemandem, der es wirklich braucht.

Die SPD könnte auch mit den Linken regieren. Die Saar-Linken kommen zum großen Teil aus der SPD. Und die Prozente würden reichen.

Ja, das traue ich denen glatt zu.

Sie dürfen nicht koalieren?

Das Ausgrenzen der Linken und das Nicht-mit-ihnen-Reden ist undemokratisch. Jede demokratische Partei, die gewählt wird, kann Koalitionen eingehen. Aber mir fehlt bei den Linken das Konstruktive. Ihr Chef Oskar Lafontaine gefällt sich darin, gegen Windmühlen zu kämpfen. Er hat einen Fehler gemacht, als er 1999 das Amt des SPD-Bundesfinanzministers hingeschmissen hat. Danach hat er die Kurve nie mehr gekriegt. Ein Politiker muss Land und Leuten dienen und darf nicht die Brocken einfach hinschmeißen.

Große Koalitionen sind in der Demokratie nur ein Notnagel, es fehlt dann eine schlagkräftige Opposition.

Im Saarland wäre sie das kleinere Übel, auch wenn es groß ist. Man kann sich hier auf die kleineren Parteien nicht verlassen Sie haben das Geschäft der Politik nicht gelernt.

Die früheren Saar-Ministerpräsidenten haben das Land stark dominiert, zuletzt Lafontaine und dann Müller. Nun heißen die Spitzenleute Annegret Kramp-Karrenbauer und Heiko Maas. Was bedeutet das?

Die beiden müssen sich erst noch beweisen. Der SPD-Mann Maas versucht jetzt zum dritten Mal, ganz nach oben zu kommen. Man weiß nicht: Kann er es, kann er es nicht? Oder will er vielleicht gar nicht wirklich? Kramp-Karrenbauer ist lockerer. Ich glaube, die schafft es. Sie kann verhandeln, geht auf die Leute zu, ist besonnen. Wenn sie die Neuwahlen gewinnt, kann sie die Landesmutter-Statur bekommen. Dann wird sie sehr schnell von allen geliebt. Aber sie darf nicht überziehen.

Kurt Beck sagt "Heinz"

Die Gefahr besteht?

Sie besteht. Bei jedem. Denken sie an den rheinland-pfälzischen SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck. Er war der überaus beliebte Landesvater, wollte aber unbedingt nach Berlin, was Höheres werden, Chef der Bundes-SPD. Wir saßen mal zusammen, bei Bier und Schnaps. Ich habe Beck gewarnt: Das geht schief. Ich habe ihm gesagt: Rheinland-Pfalz ist doch ein so schönes Land. Ihr habt gute Bodenschätze, Wurst und Wein, Kartoffeln und Spargel, es wohnen nette Leute da, und du wirst geliebt. Er wollte es nicht hören. Er hat gesagt, trinken wir lieber noch einen, Heinz ...

Er hat Heinz gesagt?

Ja, aber es war schon nach dem zweiten oder dem dritten Schnaps. Beck ist ein grundsolider Mensch, der es ehrlich meint. Aber in Rheinland-Pfalz sind die Bandagen, mit denen gekämpft wird, aus Samt, und in der Bundespolitik sind sie aus Stahl. Das hat er unterschätzt.

Ihr Rat an Kramp-Karrenbauer und Maas? Schön im Land bleiben?

Genau. Berlin ist zu gefährlich. Da werden sie vom Zug überrollt.

Kramp-Karrenbauer ist bekennende Fassenachterin. Sie ist die „Putzfrau Gretel“. Damit kommt man in Berlin nicht an.

Richtig. Aber für das Saarland passt es. Sie hat erkannt: Auch die Politik braucht einen gewissen Unterhaltungswert. Das funktioniert. Sie ist ihrem Konkurrenten Maas dabei um Längen voraus. Der sitzt sogar bei der Fastnachtssitzung stocksteif am Tisch. Man glaubt fast, er ist eingeschlafen. Man möchte ihm raten, viel zu üben, damit es wenigsten so aussieht, als würde er lachen. Die Saarländer fragen sich: Ob man mit dem mal ein Bier trinken kann? Das ist sein Problem.

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Wen würde Heinz Becker wählen?

Heinz Becker ist CDU-Stammwähler. Er arbeitet zwar auf der Hütte, er ist ein Arbeiter, aber er wählt CDU. Der Großvater und der Vater haben schon konservativ gewählt, und er geht auch in die Kirche, das gehört dazu. Er ist eigentlich Sozialist, aber die CDU und Kirche geben halt doch den Halt im Leben. Das ist was Ordentliches. Die anderen, das sind die Kommunisten. Die kann man nicht wählen. Eigentlich ist es ihm aber gar nicht so wichtig, wer nachher regiert. Er glaubt: Die machen ja doch, was sie wollen.

Eine andere Partei kommt nicht infrage?

FDP und Grüne keinesfalls. Wenn die SPD wieder jemanden hätte wie Oskar Lafontaine, der aber verlässlich ist, könnte Heinz irgendwann mal umschwenken. Heinz gefällt es gut, wenn etwas angepackt wird und es gut läuft. Der SPD-Mann müsste dann noch was für die kleinen Leute tun, dann könnte es passieren.

Was wählt Gerd Dudenhöffer? Das sagen Sie nicht, oder?

Doch. In der jetzigen Situation: Kramp-Karrenbauer. Sie ist sympathisch, für CDU-Verhältnisse sehr sozial, ich traue ihr zu, dass sie eine große Koalition gut führen kann.

Maas arbeitet sich an Lafontaine ab, dessen politisches Ziehkind er war.

Lafontaine war halt „der Oskar“, der Landes-Übervater.

War – oder ist?

War. Seine Beliebtheit nimmt ab. Die Linken hatten 2009 über 20 Prozent, jetzt stehen sie bei 15. Ich glaube, die Saarländer trauen es Lafontaine nicht mehr zu, die Sache herumzureißen.

CDU und SPD könnten es?

Eher. Profilieren könnten sie sich an der Frage: Bleibt das Saarland selbstständig oder fusioniert es mit Rheinland-Pfalz. Die Saarländer haben Angst vor einer Fusion. Sie denken: Dann werden wir Pfälzer. Und die alten Mütterchen haben Angst: Ach Gott, wenn ich dann einen Stempel auf einem Formular brauche, muss ich nach Mainz fahren. Das ist doch Humbug.

Warum?

Der Saarländer würde auch bei einer Fusion kein Pfälzer. Und der Pfälzer kein Saarländer. Es wäre wie in Europa. Der Italiener wird auch in der EU niemals ein Europäer. Er bleibt Italiener.

Sie selbst sind für die Fusion?

Ich muss da vorsichtig sein. Wenn ich Ja sage, dann heize ich da gleich die Emotionen an.

Sie treten im Saarland doch nicht mehr auf. Da können Sie sich was trauen.

Also gut. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Fusion gut für das Saarland wäre – wegen der größeren Wirtschaftskraft. Es wäre ja nicht so, dass wir dann wie ein Appendix an Rheinland-Pfalz dranhängen würden, so wie auf der anderen Seite der Grenze Lothringen am eigentlichen Frankreich dranhängt. Die Situation in Lothringen ist ziemlich desolat. Den Leuten dort geht es nicht gut. Im Saarland dagegen können Sie in die hinterste Ecke gehen, und Sie sehen: Es ist nicht schlechter als im deutschen Durchschnitt. Lassen Sie sich mit verbundenen Augen irgendwo hinfahren, steigen Sie aus und nehmen die Binde ab. Sie sehen: Das ist kein Armenhaus, das ist halt irgendwo in Deutschland. Außerdem ist es ja, wie gesagt, ein schönes Land.

Keine Auftritte mehr im Saarland

Wenn es so ist, was ist dann der Grund dafür, dass Sie nicht mehr im Saarland auftreten?

Wollen Sie es wirklich wissen? Es ist keine schöne Geschichte.

Ja.

Es hat mit der TV-Familie Heinz Becker zu tun. Gregor Weber, der den Sohn Stefan spielte und dann Tatort-Kommissar war, und „es Hilde“, Alice Hoffmann, kamen eines Tages mit völlig überzogenen Gehaltsforderungen. Als der Produktionsleiter sagte, das können wir nicht zahlen, pokerte Alice Hoffmann weiter – und war draußen. Es hieß dann, ich hätte sie rausgeekelt. Aber das stimmte gar nicht. Dann kam die Saarbrücker Zeitung mit einer Umfrage: „Sind Sie nicht auch der Meinung, dass Heinz Becker die Saarländer als dumm und dumpf darstellt?“ Das war unter der Gürtellinie. Es schaukelte sich hoch. Da habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss. Ich trete hier nicht mehr auf. Es ist so: Wenn ich abends auf die Bühne rausgehe, muss ich für die Leute, die ihr gutes Geld dafür bezahlt haben, überzeugend spielen. Es muss mir Spaß machen. Ich darf nicht so einen Hals haben, weil ich denke, da steht morgen wieder was Blödes in der Zeitung.

Wie lange sind Sie nicht mehr im Saarland aufgetreten?

Fast 15 Jahre.

Ist es nicht Zeit, Gras drüber wachsen zu lassen? Kein Auftritt in Sicht?

Nein. Es ist zwar richtig: Ich müsste eigentlich im Saarbrücken meine Premiere machen, dann durch Saarlouis, Völklingen und Neunkirchen touren, dann draußen in der Republik, „im Reich“, wie die Alten hier noch sagen, meine Schleife ziehen, und dann den Abschluss wieder im Saarland machen. Aber das geht nicht. Die Wunde ist zwar vernarbt, aber sie schmerzt noch.

Sie spielen Heinz Becker jetzt seit über 30 Jahren. Wachen Sie manchmal als Becker auf?

Nein. Die Distanz zu der Figur ist mit der Zeit sogar immer größer geworden. Abends auf der Bühne bin ich Heinz Becker. Ich denke wie der Heinz, ich sitze wie der Heinz, ich huste wie der Heinz. Aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Die Verbeugung, die dann Gerd Dudenhöffer macht, ist mir fast schon unangenehm. Ich habe meine Arbeit gemacht, und dann will ich da weg.

Sie sind jetzt 62. Haben Sie noch genug Stoff für zehn weitere Jahre Heinz Becker?

Auf jeden Fall. Es kommt jeden Tag was Neues dazu.

Gerd Dudenhöffer, geboren 1949 in Bexbach, Saarland, verheiratet, zwei Kinder, ist studierter Grafiker und Designer. Seit 1977 tritt er als Kabarettist auf, 1985 erfolgte der erste Soloauftritt als Heinz Becker. Seither tourt Dudenhöffer regelmäßig durch Deutschland, das aktuelle Programm heißt „Sackgasse“. Von der Fernsehserie „Familie Heinz Becker“ entstanden von 1992 bis 2004 sieben Staffeln.

Das Interview führte Joachim Wille.

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