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Diether Dehm Ein Linker in den Schlagercharts

Der streitfreudige Politiker Diether Dehm gibt sich mit seinem neuen Album „rauchzart“. Auf die Frage, warum ausgerechnet einer wie er einfühlsame Lieder schreibt, muss Dehm nicht lange nach einer Antwort suchen.

Außen hart und stimmlich zart: Dieter Dehm. Foto: dapd

Die Frage kommt ihm offenbar bekannt und keineswegs abwegig vor. „Wer so umgeben ist von Fallenstellerei und Täuscherei des parlamentarischen Betriebes, braucht eine Art seelischen Ausgleichssport“, sagt der linke Bundestagsabgeordnete. „Das sind bei mir das Schreiben von Romanen, Musicals und Liedern.“

Dass der 62-Jährige die Härte des politischen Berlin geißelt, dürfte wiederum jene verblüffen, die ihn näher kennen. Denn er gilt in der Hauptstadt als der Härteste. Das Schlechte dieser Welt vermuten seine Gegner genau bei jenem Mann, der als Musikproduzent, Liedermacher und Politiker geführt wird und von dem der Musiker-Kollege Heinz Rudolf Kunze berichtet, er sei ein „Besserverdiener – und dabei dennoch ein überzeugender Linker“. Dehm sei ein „Denunziant“, schimpfen hingegen Genossen. Und ein „Klimavergifter“. Von wegen, das weiche Wasser bricht den Stein!

Diether Dehm, geboren am 3. April 1950 in Frankfurt am Main, hat – so viel immerhin ist unumstritten – unter den Namen Diadem eine neue Platte herausgebracht. Die CD trägt den Titel „Große Liebe. Reloaded“. Ihr Erscheinen bringt die Widersprüche des Urhebers zum Tanzen. Konstantin Wecker schreibt begleitend, „als Manager und Wahlkämpfer gilt er nicht eben als zartbesaitet“. Doch nun singe dieser Dehm „warm und rauchzart“.

Die CD umfasst 19 Stücke. Das erste Stück heißt „Halt aus“. Darin geht es um Treue im Alter. Dehm sagt zu seinem Motiv: „Alles, was mit Erotik zu tun hat, hat in keiner Weise nachgelassen. Meine frühere Angst war da gewissermaßen verfrüht, was ich jetzt mit 62 erleichtert, ja jubilierend, der Welt mitteilen wollte. Nee, Liebe und Lust haben nix eingebüßt.“ Neben deutschen sind englische Titel eingestreut. Im Ganzen ist die CD so soft und süffig, das man sie in jedem Seniorenheim spielen könnte.

Was wollen wir trinken?

Dehm rühmt sich ja ansonsten, Gassenhauer wie „Was wollen wir trinken sieben Tage lang“ der Gruppe Bots oder „1000 und eine Nacht“ von Klaus Lage geschrieben zu haben. Kunze attestiert ihm obendrein: „Der Mann kann singen.“ Wer Bots, Lage und Kunze nicht verschmäht, der ist hier richtig. Vorausgesetzt, er mag den Sänger. Da türmt sich für manche Zeitgenossen allerdings eine unüberwindliche Hürde auf.

Dehm behauptet: „Ich bin vom Grund her eher harmoniebedürftig. Aber mich ärgert, dass ein paar Elitemenschen auf dieser Welt die wirtschaftliche Macht haben, mit einem Fingerschnick Tausende in Krieg, Hungertod und Ökokatastrophen schicken. Das strapaziert das Gerechtigkeitsgefühl , macht mich seit meiner Jugend auch zornig.“ Natürlich, so räumt Dehm ein, zähle er auch mal Journalisten an, die nur „im Auftrag unterwegs sind, Kapitalismusgegner niederzuschreiben, Linke zu skandalisieren und ansonsten unsere Alternativen zur Zockerbankenmacht totschweigen.“ Notfalls zieht er dafür auch vor Gericht.

Das alles ist freilich bloß die beschönigende Umschreibung dessen, wofür Dehm seit jeher berühmt und berüchtigt ist. Für Politik als Kampfsport. Nicht zuletzt unter Gleichgesinnten.

Der in den Westen ausgesperrte Liedermacher Wolf Biermann ließ etwa in einem Interview wissen: „Auf die Vermittlung meines Freundes Günter Wallraff bekam ich einen Manager: den Stasi-Spitzel Diether Dehm.“ Er wurde lange Jahre als Inoffizieller Mitarbeiter geführt – angeblich ohne eigene Kenntnis. Übrigens kommt Dehm beiläufig gern auf Biermann zurück. Es wirkt wie ein Indiz für ein schlechtes Gewissen.

Als sich Christian Wulff von der CDU und der parteilose Joachim Gauck 2010 um das Amt des Bundespräsidenten bewarben, bezeichnete er das als Wahl „zwischen Stalin und Hitler“. Das fanden sogar in der Linken einige doch leicht übertrieben.

Ach, Weltgeschichte!

2002 hieß es, der ehemalige und im Streit von der SPD geschiedene Sozialdemokrat habe den vorherigen PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch daran hindern wollen, Unterlagen aus der Parteizentrale mitzunehmen. Dehm bestreitet das. 2011 lieferte er sich eine Auseinandersetzung mit der Genossin Rosemarie Hein aus Sachsen-Anhalt. Dehm untersagte ihr per einstweiliger Verfügung die Behauptung, er habe im Parteivorstand erklärt, wer das neue Programm nicht unterstütze, werde bei einer Wiederkandidatur zum Vorstand keine Stimmen aus seiner Wahlheimat Niedersachsen erhalten. Konflikte unter linken Parlamentskollegen juristisch auszutragen, war damals neu.

Anfang des Jahres tat Dehm sein Bedauern kund, nicht wie andere Linke vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. „Ich bitte Euch, nennt mich unter den Bespitzelten!“ Später stellte sich heraus: Er wurde sehr wohl beobachtet. Unliebsame Berichterstatter von FAZ, Spiegel und Tagesspiegel etikettierte er als „Schreibagenten“ und erwähnte sie der Einschüchterung halber beim Namen. Zu all dem wollen die „rauchzarten“ Lieder nicht so richtig passen.

Schrill, schriller, Dehm – und stets möglichst breitbeinig. Manches erinnert an die Geschichten von Rockmusikern, die nach einem Konzert im Affekt das Hotelzimmer verwüsten – ohne Rücksicht auf Verluste und gleichsam als Zeichen ihrer Virilität. Männlichkeit, darauf deutet mit „Große Liebe. Reloaded“ auch das zehnte und vielleicht letzte Album hin, ist diesem Exemplar wichtig.

Dabei, das teilt Dehm mit, sei er „wahrscheinlich der erste deutsche Abgeordnete in der Weltgeschichte (!)“, der in die Schlagercharts eingerückt ist. Auf Platz 47! Die Betonung liegt ganz zweifellos auf Weltgeschichte.

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