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Daliah Lavi „Ich war nicht besonders glücklich“

Die israelische Sängerin Daliah Lavi wird 70 Jahre alt. Ihre Lebensgeschichte ist geprägt von Träumen, einer steilen Karriere und der Sehnsucht nach Frieden in ihrem Heimatland.

11.10.2012 21:28
Elmar Kraushaar
„Frieden in Israel“ – der große Wunsch der Musikerin. Foto: dpa

Die israelische Sängerin Daliah Lavi wird 70 Jahre alt. Ihre Lebensgeschichte ist geprägt von Träumen, einer steilen Karriere und der Sehnsucht nach Frieden in ihrem Heimatland.

Singend in das Land, aus dem ihre Mutter fliehen musste, in das Land der Täter? Daliah Lavi zögert vor ihrem ersten Gesangsauftritt in Deutschland. Was wird ihre Mutter dazu sagen? „Ich vertraue dir“, antwortet die. Ihre Mutter Ruth, eine Breslauerin, war in den 1930er-Jahren nach Palästina gekommen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Russen Reuben Lewinbuk, lebt sie mit anderen Einwanderern, vor allem aus dem Schwäbischen, in Shavi Zion, unweit von Haifa. Hier wird Daliah 1942 geboren. Dass ihre Großeltern und andere Verwandte Opfer der Shoa wurden, davon erfährt sie erst viele Jahre später.

Rauchige Stimme

Und in diesem Land, in dem ihre Familie so gelitten hat, will sie Karriere machen. Daliah Lavi macht Karriere in Deutschland, wird zu einer der populärsten Sängerinnen der 70er-Jahre. In einem Interview 2008 erinnert sie sich: „Für mich waren die Konzerte in Deutschland fantastisch. Ich konnte dadurch in Kontakt kommen zu den jungen Leuten. Und diese jungen Leute trugen keine Schuld am Holocaust.“

Gesangskarriere? Als kleines Mädchen hat Daliah Lewinbuk einen ganz anderen Traum, sie möchte Tänzerin werden. Gerade mal zehn Jahre alt, kommt ihr der Zufall zu Hilfe, der Hollywood-Star Kirk Douglas ist zu Filmaufnahmen in ihrem Dorf und erfährt von dem großen Wunsch des kleinen Mädchens. Er schenkt ihr ein Ballettkostüm und vermittelt ihr ein Stipendium an der Königlichen Ballettschule in Stockholm. Und in Schweden steht sie 1955 auch zum ersten Mal vor der Kamera für den Film „Hemsöborna“. Aber bald muss das Mädchen wieder zurück in ihre Heimat, sie hat gesundheitliche Probleme und für das klassische Ballett wird sie zu schnell zu groß.

Ihr Vater ist inzwischen gestorben, und sie muss zum Unterhalt der Familie beitragen, der attraktive Teenager verdient sein Geld als Fotomodell und Mannequin. Und wieder soll es ein Zufall sein, der Daliah Lavi zur nächsten Karriere verhilft. Ein Produzent sieht ein Foto von ihr in einem Schaufenster in Tel Aviv und engagiert sie umgehend für seinen Film, die deutsch-israelische Co-Produktion „Brennender Sand“. Das ist der Einstieg ins Filmgeschäft, es folgt ein Streifen auf den nächsten. Daliah Lavi filmt in Italien, Frankreich und Deutschland, in London und Hollywood. Mehr als 25 Filme sollen es werden, an der Seite von Gert Fröbe und Kirk Douglas, von Christopher Lee und Lilli Palmer, von Lex Barker und Curd Jürgens, von James Mason und Dean Martin. Nie die ganz großen Rollen, nie die ganz großen Erfolge, Daliah Lavi wird zumeist als „exotische“ oder „rassige“ Schönheit besetzt.

1969 lädt sie der bekannte israelische Schauspieler Chaim Topol in eine BBC-Show ein, sie soll ein paar hebräische Lieder singen. Diese Aufgabe ist neu für sie, und ihre markante, rauchige Stimme scheint nicht für den Gesang geeignet. Doch gerade damit fällt sie auf, ein Produzent bietet ihr auf der Stelle einen Plattenvertrag an, ihre erste Single „Love’s Song“ wird ein internationaler Erfolg in England, Frankreich und Italien, auch in Deutschland, hier heißt der Song „Liebeslied jener Sommernacht“. Das deutsche Publikum schließt sie sofort ins Herz, ein Hit folgt auf den nächsten. Sie ist nicht die erste israelische Sängerin auf deutschen Showbühnen, Carmela Corren war schon vor ihr da, ebenso wie Esther Ofarim und Elisa Gabbai. Doch dass sie aus Israel kommt, Jüdin ist, wird bei ihr so wenig thematisiert wie bei ihren Vorgängerinnen. Darüber spricht man nicht, und singt sie doch einmal ein Lied auf hebräisch wird das unter dem damals aktuellen Folklore-Trend konsumiert.

In einem taz-Interview wird sie viele Jahre später einmal gefragt, ob sie in Deutschland Antisemitismus erfahren habe. „Nein“, antwortet sie darauf, „weil ich es auch nicht zuließ“. Und weiter: „Ich habe ihnen nicht das Gefühl gegeben, dass sie mich angreifen könnten. Hätten sie es versucht“, fügt sie hinzu, um gleich darauf anzumerken, sie mache nur einen Witz, „hätte ich ihnen das Genick gebrochen.“

Ihre Bühnenerscheinung lässt keine Respektlosigkeit zu, schön und stolz trägt sie ihre Lieder vor, allesamt Schlager mit dem Hang zu Sinn und Inhalt, zu Ironie und manchmal einem bisschen Schwermut. „Ich war damals nicht besonders glücklich“, erinnert sie sich Jahre später, „drei Ehen scheiterten, mir ging es nicht gut.“

„Ich mag Botox“

Dabei wird sie mit Preisen ausgezeichnet, erhält den „Otto“ der Jugendzeitschrift Bravo, das Fachblatt Schallplatte kürt sie zur beliebtesten Sängerin, und ihre Interpretation des Herb-Alpert-Titels „Jerusalem“ wird selbst im Iran veröffentlicht. Die musikalischen Erfolge halten an, doch Anfang der 80er-Jahre zieht sich Daliah Lavi langsam aus dem Showgeschäft zurück. Bereits 1977 heiratet sie erneut, mit Ehemann Nummer vier, dem US-amerikanischen Industriellen Charles Gans, lebt sie seitdem in den Bergen von North Carolina, in Asheville. „Dort lieben sie mich um meiner selbst willen“, sagt sie, „nicht den Star.“

Ende 2008 kommt Daliah Lavi noch einmal zurück nach Deutschland, in das Land ihrer größten Erfolge. Noch einmal produziert sie eine Platte, zeigt sich im Fernsehen, geht auf Tournee, stellt sich noch einmal den Fragen der Journalisten. „Sie sind fünffache Großmutter, sehen blendend aus“, konstatiert die Bunte. „Ich will so gut aussehen wie möglich“, antwortet sie darauf, „ich mag Botox, meditiere, bin mit mir im Reinen.“ „Und – haben Sie noch einen Traum?“, fragen alle Journalisten, denen sie noch einmal begegnet. „Ja, Frieden in Israel“, antwortet sie immer wieder, „für mich ist das mein größter Traum, dass ich den Frieden mit unseren Nachbarn noch erlebe.“

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