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Bülent Ceylan "Thilo Sarrazin redet nur Bullshit"

Der deutsch-türkische Comedian Bülent Ceylan über Thilo Sarrazin, die Freiheit, über Hitler und Türken Witze zu machen und den Rausch, vor 80.000 Zuschauern aufzutreten.

12.05.2012 17:52
Bülent Ceylan macht lieber Groß- als Kleinkunst. Foto: dpa

Er kommt auf uns zu, wie man ihn aus seinen Bühnen-Shows kennt: ganz in Schwarz gekleidet, die Heavy-Metal-Mähne zum Zopf gebunden. Dazu ein sanfter Händedruck. „Guten Tag, schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben“, sagt Bülent Ceylan, als er uns im Restaurant eines Kölner Hotels begrüßt.

Irgendwie wartet man nach dieser höflichen Eröffnung instinktiv auf den ersten Gag. Am besten in jenem breiten Kurpfälzer Dialekt vorgetragen, mit dem der 36-jährige Mannheimer inzwischen die größten Hallen zwischen Flensburg und München, zwischen Zwickau und Köln bespaßt. Aber der Gag kommt nicht. „Es reicht oft schon, dass ich Monnheimerisch spreche, und die Zuschauer gehen ab wie Schmidts Katze“, sagt Ceylan. Der Deutsch-Türke ist inzwischen die lustigste Integrations-Ikone der Republik, er mokiert sich über krawallige Türken, rassistische Deutsche, phlegmatische Mannheimer oder tumbe Heavy-Metal-Fans. Im Grunde darf er sich über alles und jeden lustig machen.

Was würden Sie sagen, wenn Dieter Hallervorden morgen ankündigte, er wolle demnächst im Berliner Olympiastadion auftreten?

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen: Komiker in Fußballstadien – das kann doch nicht gutgehen. Und ich gebe zu: Daran muss man sich erst noch gewöhnen.

Sie selbst werden am 2. Juni in der Frankfurter Commerzbank-Arena vor mehr als 40.000 Zuschauern auftreten.

Das ist für mich immer noch kurios, ich darf darüber gar nicht so viel nachdenken, sonst wirst Du ja verrückt. Außer Mario Barth und mir hat das ja noch kein Komiker gemacht. Damit möchte ich zwar nicht angeben, aber ich mache es jetzt doch, weil ich sehr stolz darauf bin.

Warum wollen sich so viele Menschen einen Komiker vor so einer riesigen Kulisse ansehen?

Dass ich so erfolgreich bin, könnte daran liegen, dass ich seit Jahren einen sehr engen Kontakt zu meinen Fans habe. Seit ich auf der Bühne bin, gehe ich nach jeder Show raus zu den Leuten, auch nach Auftritten in Zehntausender-Hallen. Ich stehe inzwischen bei jeder Autogrammstunde länger da draußen, als auf der Bühne. Das verbindet. Davon mal abgesehen sind Komiker in Deutschland die neuen Rockstars. Comedy ist in Deutschland keine Kleinkunst mehr.

Sie machen jetzt also Großkunst?

Nein, aber Kleinkunst klingt so abwertend, finden Sie nicht?

Sie haben ja schon ein bisschen Erfahrung mit Auftritten vor Menschenmassen: Im vergangenen Jahr hatten Sie beim Heavy-Metal-Festival in Wacken 80?000 Zuschauer. Wie war das?

Da wurde ja zum ersten Mal in der Geschichte dieses Festivals ein Komiker eingeladen, und zwar, nachdem die Tickets schon verkauft waren. Ich wusste also: Die Leute sind nicht wegen mir da. Ich habe mein Herz noch nie so laut schlagen hören wie kurz vor dem Wacken-Auftritt. Ich hatte Angst, dass sie mich ausbuhen. Bis ich die Rufe hörte: „Wir wollen den Türken sehen.“ Da wusste ich, das wird gut. Ich bin dann in einem Schlauchboot auf die Leute drauf, quasi übers das Publikum geschwommen. Das war so wahnsinnig, ich konnte meinen Text teilweise gar nicht zu Ende sprechen. Diese Erfahrung, dass sich dir 80?000 Leute total hingeben, habe ich einfach nur genossen. Dass ich mich auf so einem Festival mit Rocklegenden wie Ozzy Osbourne messen konnte, war schon toll.

Haben Sie mit Osbourne gewettet, wer von Ihnen das Publikum am meisten zum Lachen bringt?

Nein. Ich habe mich ihm vorgestellt mit den Worten: „Ich bin der Komiker“, darauf sagte er nur: „me too“ – „ich auch“.

In Wacken haben Sie sich weit vorgewagt und sich auch über Hitler lustig gemacht …

Für meine Hitler-Parodie ist es hilfreich, dass ich Türke bin. Man sagt ja auch, ein deutscher Comedian sollte sich nicht über Türken lustig machen. Das sollte lieber ein Türke übernehmen.

Warum eigentlich?

Weil es zum einen einfacher ist, sich über sich selbst lustig zu machen. Wenn ich mich selbst Kanake nenne, können und dürfen die deutschen Zuschauer darüber lachen. Wenn ein deutscher Komiker das sagt, setzt er sich immer dem Verdacht aus, es könnte rassistisch gemeint sein. Und wenn jemand wie ich sich über Hitler lustig macht, indem er ihn nachahmt und parodiert, wissen die Leute: Der ist Türke, der kann kein Nazi sein. Wenn ein Deutscher das machen würde, kommen gleich ganz andere Fragen hoch: Meint der das ernst?

Ganz schön kompliziert.

Das ist eine Besonderheit der deutschen Mentalität. Das kenne ich in dieser Form nicht aus anderen Ländern, diese sehr verkopfte Denkart, dass in jedem Spaß auch ein bisschen Ernst steckt.

Sie können sich als Deutsch-Türke über die Deutschen lustig machen, über die Türken, die Metal-Fans und Hitler und auch mal über den Rassisten von nebenan. Sie genießen nahezu grenzenlose Narrenfreiheit. Wie gehen Sie damit um?

In einer Show habe ich mal einen Behinderten-Werbespot laufen lassen, um zu zeigen, dass alle gleich sind. Darin läuft ein Teddybär durch die Stadt, alle Leute umarmen ihn. Am Ende nimmt er seinen Teddybär-Kopf ab, und ein Mensch mit Down-Syndrom kommt zum Vorschein. Die Message ist: Müssen wir uns erst verkleiden, um einander näher zu kommen? Das hat mit Comedy gar nichts zu tun, aber ich kann meine Show dafür nutzen, ohne dass das lächerlich wirkt.

Eine Gratwanderung, wenn Sie vorher Gags übers Pinkeln, übers „Brunsen“, gemacht haben.

Es gab aber viel positives Feedback dazu. Ich bin stolz darauf, dass die Menschen mich als Komiker akzeptieren, es aber genauso schätzen, wenn ich ein ernsthaftes Anliegen habe. Tragik und Komik gehören für mich zusammen. Das sieht man auch beim französischen Kinohit „Ziemlich beste Freunde“. Ich hätte große Lust, mal etwas Vergleichbares in einem deutschen Kinofilm zu machen, das Tragische mit dem Komischen zu verbinden. In Deutschland gibt es ja entweder nur den Blödelfilm oder den ganz ernsthaften.

*** Seite 2: "Manchmal habe ich Skrupel, Türken zu verspotten" ***

Gibt es auch Momente, in denen Sie Skrupel haben, Ihre türkische Identität mit Spott zu überziehen?

Klar. Es ist mir zu heikel, über Mohammed, die Kopftuchdebatte oder die türkische Flagge Witze zu machen. Man könnte mir jetzt natürlich vorwerfen, dass ich ein Schisser bin. Man könnte aber auch sagen, dass die Zeit noch nicht reif dafür ist. Man könnte sagen, dass diese Zurückhaltung ein verantwortungsvoller Umgang mit meiner Familie und meinen Mitmenschen ist. Über Kranke und Behinderte mache ich mich auch nicht lustig. Wobei mich inzwischen viele Behinderte fragen, warum ich das nicht mache. Sie empfinden nämlich gerade diese Zurückhaltung als Diskriminierung. Aber oft leiden ja auch deren Eltern darunter, wenn ich sowas mache. Etwas anderes ist es, wenn sich ein Behinderter über sich selbst lustig macht. In den USA gibt es einen Komiker, der kommt auf die Bühne und sagt: Scheiße, ich wollte immer Basketball-Spieler werden, aber ich bin einfach zu klein. Dabei sieht jeder Zuschauer, dass er keine Arme hat. Er darf das machen, und die Zuschauer liegen auf dem Boden vor Lachen.

Dieser Logik folgend, müssten Sie sich doch auch über Moslems mokieren dürfen, oder?

Ich bin ja nicht mal Moslem, obwohl viele das denken. Ich glaube an Gott, aber ich gehöre keiner Religion an. Mein türkischer Vater ist Moslem, meine Mutter katholisch. Sie meinten damals, dass ich mich selbst für eine Religion entscheiden soll, wenn ich erwachsen bin. Sehen Sie, wenn ich über den Papst Witze mache, lachen die Leute, obwohl es auch welche gibt, die das unverschämt finden. Aber der Deutsche regt sich auf, und das war’s. In muslimischen Ländern regen sich die Menschen oft eben nicht nur auf. Manche sind super locker, aber es gibt auch Fanatiker, bei denen mehr passiert. Und da frage ich mich, ob diese Reaktionen ein paar Witze wirklich wert sind. Das hat auch mit Fingerspitzengefühl zu tun. Nur weil Deutschland in puncto Toleranz ganz weit vorne ist, ist es doch arrogant, zu meinen, alle anderen Kulturen müssten auch so weit sein.

Sie haben auch Drohbriefe von Muslimen erhalten, die Ihnen vorwarfen, Sie würden sich über die Kultur Ihres Vaters lustig machen. Wie gehen Sie mit so etwas um?

Veränderungen müssen von den Menschen selbst kommen, das können Sie nicht von Komikern erwarten. Viele Kabarettisten denken ja, ihre Äußerungen würden die Welt verändern. Ich denke, man muss die Leute anders überzeugen. Einen Scherz wie „Oh, viele Libanesen hier heute, dann haben wir ja Bombenstimmung“ mache ich auch schon mal. Aber das muss man verpacken, den richtigen Moment abwarten – dann lachen auch die Libanesen. Manchmal sitzen auch Frauen mit Kopftuch im Publikum. Die lachen oft über die versautesten Sachen. Und dann sind es die Deutschen, die die Welt nicht mehr verstehen, weil sie sich nicht erklären können, dass Frauen mit Kopftüchern über schmutzige Witze lachen. Manchmal sage ich auch laut, was die Leute vielleicht gedacht haben. Nur auf diese Weise, wenn ich die Leute dazu bringe, über sich selbst zu lachen, kommen sich unterschiedliche Kulturen näher.

Winfried Kretschmann hat Ihnen kürzlich den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg verliehen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Meine Eltern sind darauf unglaublich stolz. Dass ein Deutsch-Türke mit 36 einen Verdienstorden vom Land kriegt, ist schon eine Ehre. Es ist eine Motivation für mich, so weiterzumachen. Auch für andere Jugendliche mit Migrationshintergrund ist das ein Anreiz. Die sehen mich und sehen, dass man es auch mit einem „Migränehintergrund“, wie ich immer sage, schaffen kann. Wenn ich da neben Kretschmann stehe, bin ich kein Komiker mehr, sondern Integrationsbotschafter.

Welchen Pass haben Sie?

Einen deutschen, schon immer. Ich spreche zwar schlecht Türkisch, aber fühle mich trotzdem verantwortlich für die Türken. Neulich habe ich mich mal mit einem türkischen Taxifahrer über die Jugend und den Zustand des Landes unterhalten. Er hat gesagt: „Sie können zwar kein Türkisch, sind aber mehr Türke als ich. Was Sie alles machen für die Türken.“

*** Seite 3: Bülent Ceylan über Thilo Sarrazin ***

Dieses Interview mit Ihnen erscheint in einer Reihe, in der vor wenigen Wochen auch Thilo Sarrazin befragt wurde. Eine Frage war, ob er aus der Debatte zu seinen Thesen über die mangelnde Integrationsbereitschaft muslimischer Zuwanderer etwas gelernt habe…

Das ist ein schlimmer Mann. Was hat er geantwortet?

Im Prinzip nur, dass er recht und alle anderen unrecht haben.

Sarrazin redet nur Bullshit, und das können Sie genauso drucken. Ich habe mich lange gefragt, ob ich zu seinen Äußerungen überhaupt Position beziehen soll.

Warum?

Ich wollte ihm nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben, von der er ohnehin schon zu viel hatte. Aber als ich merkte, wie sehr in Deutschland lebende und aufgewachsene Türken von seinen Diffamierungen getroffen waren, habe ich meine Zurückhaltung abgelegt. Sarrazin hat vieles kaputt gemacht, und ich muss es jetzt wieder aufbauen.

Wie sieht diese Aufbauarbeit aus?

Ich stelle mich auf die Bühne, bringe Deutsche, Türken, wen auch immer zum Lachen und zeige, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund ganz nett sind. Dass man auch als Türke sympathisch sein und etwas im Kopf haben kann. Dass man den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant kennt, der besagt, dass man die Menschen so behandeln soll, wie man selbst gerne behandelt werden würde.

Das regt Sie auf. Ist bei Sarrazin für Sie Schluss mit lustig?

Nein. In meinem aktuellen Programm baue ich ab und zu ein paar Seitenhiebe auf ihn ein. Wenn einer von mangelnder Intelligenz und Integrationsfähigkeit muslimischer Zuwanderer spricht und das auf deren Gene zurückführt, hat er es verdient, dass ich ihn mir vornehme. Natürlich ärgern mich seine Thesen. Aber wenn ich hingehe und Sarrazin in die Fresse haue, heißt es ja wieder: „Ja, so sind sie eben, die Türken.“ Und das wollen wir ja nicht. Am besten wäre es, ihn zu ignorieren.

Es sieht nicht danach aus: Zurzeit wettert er gegen den Euro, sitzt in Talkshows, Magazine und Zeitungen besprechen sein neues Buch.

Im Grunde müssten ihn alle Medien, selbst sein Buch-Verlag, ignorieren. Das wäre ein gutes Deutschland, wenn alle sagten: Scheiß auf die Kohle, von diesem Menschen wollen wir nichts wissen. Und wo wir gerade über heikle Themen sprechen: Ich finde im Übrigen auch, dass man die NPD verbieten sollte.

Eine ewige Debatte. Würde Rassismus dann nicht in anderer Form fortbestehen?

Vielleicht. Mir geht es um etwas Anderes, Grundsätzliches: Die NPD wird ja auch mit öffentlichen Geldern gefördert. Wenn nur ein einziger Cent meiner Steuern an die NPD geht, ist das schon zu viel. Dann wird diese Partei ja von Türken unterstützt. Das kann doch nicht sein! Das ist Missbrauch von Steuergeldern. In dieser Hinsicht bin ich sehr deutsch. Eine Partei, die Gewalt unterstützt, wird verfassungsrechtlich geschützt und mit Steuergeld gefördert?! Ich finde das schrecklich. Ich weiß, dass ich mir mit solchen Kommentaren auch Feinde mache, aber das ist normal. Immerhin habe ich ja auch schon den einen oder anderen Rassisten überzeugt. Darauf bin ich besonders stolz.

Wie haben Sie das gemacht?

Ein Mann hat mir mal geschrieben, seit er bei meiner Vorstellung war, habe er ein anderes Bild von Türken. „Du bist der erste Türke, den ich mag“, schrieb er mir. Ein paar Monate später kam wieder eine Mail von ihm, in der stand, dass er seit kurzem zwei türkische Freunde habe, Arbeitskollegen, die er bis dahin nie angeguckt hatte. Er war dann bei der Familie zum Essen eingeladen, hat sich über ihre Gastfreundschaft gefreut. Diesen Mann habe ich also durch meine Show überzeugt, das hat er selbst zugegeben. Wenn ich nur einen Rassisten überzeugen kann, habe ich was bewegt. Sympathie ist meine beste Waffe. Wenn sich jemand über mich aufregt und ich trotzdem nett bleibe, dann bekommt der andere ein schlechtes Gewissen.

Ihre sympathische Strahlkraft bewirkt mehr als manche Islamkonferenz?

Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann. Aber offen und nett bleiben, ist das Wichtigste. (Ein Kellner kommt, fragt, ob man noch Wünsche habe. Ceylan lächelt, schüttelt den Kopf: „Nein, danke“). Wo waren wir stehen geblieben?

Bei höflichen Umgangsformen.

Genau. Richtig. Ich hätte jetzt wirklich zu gerne Ihre beiden Gesichter gesehen, wenn ich den Kellner angebrüllt hätte: „Halt die Fresse, du Arsch, siehst du nicht, dass wir beschäftigt sind? Verpiss dich.“

Das wäre in jedem Fall eine überraschende Wendung gewesen.

Sehen Sie. Aber freundlich ist es doch besser.

Das Gespräch führten Grete Götze und Martin Scholz.

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