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Angela Merkel Die Kanzlerin kriecht aus dem Sommerloch

Der Umgang mit urlaubenden Politikern lässt Rückschlüsse auf den Gemütszustand der Nation zu.

Spanien
Angela Merkel mit ihrem spanischen Amtskollegen Pedro Sánchez im Nationalpark Donana. Foto: afp

Die Deutsche Presse-Agentur verbreitete die Information wie die Antwort auf eine Verlustanzeige: „Sie ist wieder da!“ Es ging um Angela Merkel, die in diesem Jahr aus ihrem Urlaub ein kleines Geheimnis gemacht hat.

Nun wissen alle womöglich besorgten Bürger: Die Kanzlerin besuchte an diesem Sonnabend ihren spanischen Amtskollegen Pedro Sánchez. Für zwei Tage reiste sie auf eine Finca im Nationalpark Donana, nicht weit von Sevilla. Sanchez verbringt dort einige Urlaubstage mit seiner Familie, und so kommt auch Angela Merkel am Ende ihrer Ferien noch in den Genuss von etwas südlicher Sonne – so hätte man das wohl in einem normalen deutschen Sommer geschrieben. Nun, mitten in unserem Hitzesommer, musste man ihr eher wünschen, dass es dort auch ein ordentliches Schattenplätzchen gab.

Knapp drei Wochen hatte die Kanzlerin zuvor vom Politikalltag ausgespannt. „Ich will nicht verhehlen, dass ich mich freue, dass ich jetzt ein paar Tage Urlaub habe und etwas länger schlafen kann“, mit diesen Worten hatte sie sich am 20. Juli bei den Hauptstadtmedien in Berlin abgemeldet. Doch dann löste sie mit der Entscheidung, ihren Ehemann Joachim Sauer anders als üblich nicht zur Wandertour nach Südtirol zu begleiten, erstmal Spekulationen in den zuständigen Fachmedien aus.

Kriselt die Ehe? Kümmert sich die Kanzlerin in der Uckermark um ihre hochbetagte Mutter? Macht sie sich vielleicht bei einer Entschlackungskur fit? Als sie dann aber bei mehreren Konzerten in Bayreuth, München und Salzburg ganz entspannt an der Seite ihres Gatten auftauchte, beruhigte sich die Sache schnell. Dass sie trotz eines doch recht gähnenden Sommerlochs nicht mehr Wind erzeugt hat, ist vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass das Land erwachsener geworden ist und der unbestritten sehr fleißigen Kanzlerin auch einmal ihre Ruhe lassen kann.

Das gilt freilich nicht für alle. Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Hubert Weiger, forderte Mitte vergangener Woche, Merkel müsse ihren Urlaub umgehend beenden. Es seien Sofortmaßnahmen notwendig, um die Klimakatastrophe abzuwenden, als deren Vorboten man die Hitzewelle ja durchaus erkennen kann. Auf jeden Fall ist Weigers Zwischenruf ein Verweis darauf, dass es selbst im Sommer wirklich wichtigere Themen geben könnte als den Urlaub der Kanzlerin. Und die doch erstaunlich wenig Resonanz erzeugen.

Wenn man in den vergangenen Tagen den Blick über den verwaisten Bundestag und das nur noch von Touristen bevölkerte Regierungsviertel schweifen ließ, konnten sich, je nach Gemütslage, zwei Assoziationen ergeben. Der eine wird sagen, das war ein Sinnbild für die Lähmung der Politik in diesem Land, in der nichts mehr voran geht. Die andere wird sich vielleicht freuen, dass in diesen Zeiten ständiger Erregung auch mal ein paar Wochen unaufgeregtes Wenigtun möglich sind, sich die zur südlichen Hitze passende Lebenshaltung einstellt.

Nun ist eine Kanzlerin immer im Dienst, wie Angela Merkel auch schon einmal bemerkt hat. Und doch gehörte schon immer auch der Urlaub mit zum Dienstgeschäft. Bereits Konrad Adenauer ließ Fotos von sich verbreiten, die ihn beim Boccia-Spiel im Garten seiner Ferienvilla in Cadenabbia am Comer See zeigten, selbstverständlich ganz korrekt mit Schlips, Weste und gern auch einem Hut. Helmut Schmidt zeigte sich beim Segeln auf dem heimischen Brahmsee oder fesch mit Loki am Strand von Florida. Helmut Kohls Urlaubsinszenierungen am Wolfgangsee sind Legende, und auch Merkel ließ es eine Weile gerne zu, dass Boulevardzeitungen Leserfotos abdruckten, die sie und ihren Mann beim Wandern oder gar mit den Enkeln ihres Partners zeigten.

Urlaubsfragen können politisch sein

Alle diese Bilder dienten einem Zweck – den Bürgern zu zeigen, dass sich hinter den Politikergestalten normale Menschen verbergen. Den heute in sozialen Netzwerken tobenden Zynismus, der sich über faule Politikerbonzen verbreitet, gab es früher nicht.

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