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Leseprobe Dein verdammtes Ding

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist für alle gesorgt? Dem würde Buchautorin Heike Leitschuh klar widersprechen. Ihr neues Buch „Ich zuerst. Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ ist ein Plädoyer für mehr Solidarität. Ein Auszug.

11.10.2018 11:36
Outcast
Individualismus. Foto: istock

Was Baldo Blinkert hier beschreibt, ist letztlich das Dilemma einer stark auf das freiheitliche Individuum ausgerichteten Gesellschaft: Einerseits können wir heute selbst entscheiden, wie wir leben wollen, und müssen uns nicht mehr dem Druck von Familie, Nachbarschaft, und anderen sozialen Gemeinschaften aussetzen und gar unterwerfen. Die Lebenswege sind weitgehend frei wählbar, nur weniges ist noch vorgezeichnet. Oder besser: Vieles erscheint frei wählbar. Andererseits ist die Gesellschaft gar nicht so durchlässig, wie sie vorgibt zu sein. Wer nicht den richtigen „Stallgeruch“ hat, schafft es auch heute noch nicht in die oberen Führungsriegen. Die Eliten sorgen schon dafür, dass sie möglichst unter sich bleiben, das heißt, dass sie sich möglichst aus sich selbst rekrutieren. Der Fall eines Gerhard Schröder, der es aus sehr armen Verhältnissen zum Bundeskanzler geschafft hat, ist äußerst selten. Wir wissen, dass Kinder, die in arme, bildungsferne und an ihrer Entwicklung wenig interessierte Familien geboren werden, es ungleich schwerer haben, eine gute Ausbildung zu machen und beruflich einen erfolgreichen Weg einzuschlagen. Was uns jedoch alle eint, ist die Eigenverantwortung für das eigene Leben. Wir müssen selbst entscheiden, was wir tun und lassen wollen. Da die sozialen Milieus nur noch eine geringe Rolle spielen, sind wir zwar freier, aber eben auch einsamer, sind wir selbstbestimmter, aber eben auch oft zu stark auf uns selbst, zu stark auf das Ich, zu wenig auf das Wir bezogen. (…)

Die Angst vor dem individuellen Scheitern im Kapitalismus ist zum einen verbunden mit der gesellschaftlichen Angst vor Nullwachstum oder gar wirtschaftlicher Schrumpfung und zum anderen mit der Tatsache, dass der moderne Mensch seine physische Endlichkeit nicht akzeptieren kann und will. Wir ergeben uns nicht mehr gottesfürchtig unserem Schicksal, sondern wollen die „Macher“ des eigenen Lebensweges sein. Das ist gut so. Aber wir überhöhen unsere Existenz zum anderen so sehr, dass natürliche Prozesse wie Altern und Sterben als größte narzisstische Kränkung empfunden werden. Das wiederum spiegelt sich auch in der Nicht-Akzeptanz wider, dass es im Leben Höhen und Tiefen gibt. Auch hierin liegt eine Quelle der Angst.

Das völlig irrationale Festhalten am Wachstumsparadigma ist ebenso Ausdruck davon, wie die irrationale Vorstellung, dass es auch im eigenen Leben immer aufwärts gehen muss. Wachstum ist konnotiert mit Fortschritt. Fortschritt verspricht Zukunft und Leben. Inzwischen stehen viele unter einem derart gewaltigen Druck, ihr Arbeitspensum zu schaffen und auch den anderen Verpflichtungen gerecht zu werden, dass sie nur wenig bis keine Rücksicht mehr auf andere nehmen können oder wollen. Wer hingegen nicht wachsen kann oder will, gilt als nicht erfolgreich, rückständig, uninteressant. Und wer will das schon sein? Aus alledem resultiert die Angst, nicht mithalten zu können, auf der Strecke zu bleiben, während alle anderen an einem vorbeiziehen. Viele stehen inzwischen unter einem derart gewaltigen Druck, ihr Arbeitspensum zu schaffen und auch den anderen Verpflichtungen gerecht zu werden, dass sie nur wenig bis keine Rücksicht mehr auf andere nehmen können oder wollen.

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