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Leseprobe Dein verdammtes Ding

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist für alle gesorgt? Dem würde Buchautorin Heike Leitschuh klar widersprechen. Ihr neues Buch „Ich zuerst. Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ ist ein Plädoyer für mehr Solidarität. Ein Auszug.

11.10.2018 11:36
Outcast
Individualismus. Foto: istock

Weil mit der Globalisierung die Unsicherheit und Unübersichtlichkeit wächst, fühlen sich viele Menschen zunehmend ohnmächtig, desorientiert, machtlos und alleingelassen. So schaffen sich viele ihre eigenen Gewissheiten, ihre eigenen Wirklichkeiten. Sie wissen genau, was richtig und was falsch ist, es gibt nur noch schwarz-weiß, mit Grautönen, Ambivalenzen und Unsicherheiten können sie nicht umgehen. Sie verschließen sich gegen Neues und Ungewohntes, sind unfähig, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Daher kommt auch der oft kategorische Ton im Internet. Wer jetzt aber nur die AfD-Anhänger im Kopf hat, irrt. Ichfixiertes, ausgrenzendes Verhalten finden wir durchaus auch bei radikalen Tierschützern, den fitnessfixierten Selbstoptimierern oder Veganern. (…)

Die Wettbewerbsorientierung beeinflusst auch die Haltung, die wir zu unserer Umwelt einnehmen. „Viele haben sich ein rational-ökonomisches Weltbild zu eigen gemacht, in der sie streng nach Kosten-Nutzen-Relationen entscheiden und handeln“, erklärt der Konflikt- und Gewaltforscher Andreas Zick, Professor an der Uni Bielefeld. Große Bereiche sind zu einem bloßen Kunden-Dienstleister-Verhältnis verkommen, und so brauche man sich nicht wundern, wenn viele die Dienstleister gar nicht mehr als Menschen betrachteten. Wie oft habe ich beobachtet, wie Reisende Bahnbedienstete am Bahnhof mit einer Frage ansprechen, ohne einen „Guten Tag“ zu wünschen, ohne ein „Danke“, ohne ein „Auf Wiedersehen“. Wie selten ist es, dass die Schaffnerin im Zug auf ihr freundliches „Guten Tag, den Fahrschein bitte“ noch eine andere Reaktion bekommt als wortlos und muffig entgegengestreckte Fahrausweise. Als sei das alles ganz normal, ganz selbstverständlich, denn das Gegenüber ist ja nur eine namenlose Dienstleisterin.

Baldo Blinkert, Gründer und ehemaliger Leiter des Freiburger Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (FIFAS), sieht eine Ursache für die Dominanz des Kosten-Nutzen-Verhaltens auch darin, dass sich im Verlauf der industriewirtschaftlichen Modernisierung in zunehmendem Maße diese „utilitaristisch-kalkulative Perspektive“, wie er es nennt, gegenüber sozialen Normen durchgesetzt habe. Der Grund: Die Menschen hätten sich aus Traditionen, sozialmoralischen Milieus und institutionellen Bindungen herausgelöst. Das wird in vielen Fällen als befreiend und emanzipativ empfunden: Frauen können ein selbstbestimmtes Leben ohne Eheschließung leben, man muss sich nicht mehr traditionellen Gepflogenheiten unterwerfen, wenn sie einem nicht gefallen, in die Kirche gehen nur noch die, die das wirklich wollen, Liebespaare – ob hetero- oder homosexuell – können ohne Trauschein zusammenleben und vieles andere mehr. Damit, so Blinkert, sei auch der Abbau der Bedeutung von „fixierten und vorentworfenen Handlungen“ verbunden. Das Individuum kann und muss nun zwischen Alternativen abwägen und entscheiden. Kriterien dabei sind die Wahrscheinlichkeiten von Kosten und Belohnungen, von Erfolg und Misserfolg. „Konformität oder Abweichung wird in zunehmendem Maße von dem Ergebnis eines Risiko-Nutzen-Kalküls abhängig.“ Damit würden laut Blinkert auch die Bedürfnisse des Individuums „zum einzig maßgeblichen Bezugsrahmen für das Handeln. Es entstehe eine hedonistische Orientierung, die Befriedigung individueller Bedürfnisse wird vorrangig. „Die geringe Verankerung des Individuums in Institutionen und sozialen Bezügen hat dabei zur Folge, dass bei der Entscheidung zwischen Alternativen die externen Kosten eigenen Handelns kaum noch eine Rolle spielen.“ Mit anderen Worten: Es wird den Menschen zunehmend egal, was andere von ihren Entscheidungen denken, beziehungsweise, ob andere vielleicht sogar einen Nachteil von der eigenen Entscheidung haben könnten. 

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