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Leseprobe Dein verdammtes Ding

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist für alle gesorgt? Dem würde Buchautorin Heike Leitschuh klar widersprechen. Ihr neues Buch „Ich zuerst. Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ ist ein Plädoyer für mehr Solidarität. Ein Auszug.

11.10.2018 11:36
Outcast
Individualismus. Foto: istock

Drei Jahrzehnte Wirtschaftsliberalismus haben inzwischen auch jene Lebensbereiche ökonomisiert, die bisher nicht auf entgeltliche Leistungen, sondern vorwiegend auf Vertrauen und Hilfe, auf Gegenseitigkeit und Engagement, auf Solidarität und Mitgefühl aufbauten. Nehmen wir zum Beispiel die erfolgreichen Unternehmen der Sharing Economy, Air B&B und Uber. Hat man früher, zum Beispiel während der Buchmesse, mal Gäste bei sich übernachten lassen, so wird das heimische Sofa heute professionell gewinnbringend vermarktet. Hat man früher sein Auto an Freunde und Bekannte verliehen, so läuft das heute über Uber viel effizienter und vor allem einträglicher. (…)

Mit dem Vordringen des Wirtschaftsliberalismus wird nun für das Individuum die Frage zur ständigen Begleiterin: Wie kann ich mir einen Vorteil gegenüber anderen verschaffen? Wie schaffe ich es, im Wettbewerb um Ausbildungsplätze, Studienplätze, Arbeitsplätze, ja sogar im Wettbewerb um die tollsten und schönsten Lebenspartner besser, schneller, cleverer zu sein als andere? Das verstärkt und legitimiert bei der Einzelnen berechnendes, egozentrisches und unsolidarisches Verhalten, und zwar auch dort, wo es gar nicht willentlich „abgerufen“ wird, sondern wo es affektiv ist. Die Ichbezogenheit wächst in die Alltagskultur hinein, ohne dass wir das richtig bemerken, wie eine Art „Kollateralschaden“ des Neoliberalismus. Zu dumm nur, dass dieser Begleitschaden möglicherweise sogar der eigentliche Hauptschaden ist. 

Wir erleben nun also, dass sich unser Zusammenleben in der Gesellschaft erheblich verändert hat, und zwar keineswegs zum Guten. Wie ist das möglich geworden? Und warum merken wir es so spät? „Ich mach mein Ding“, singt Udo Lindenberg. Das klingt selbstbewusst und unabhängig. Im Prinzip ist auch nichts dagegen einzuwenden. Doch auf die Spitze getrieben, wenn also „mein Ding“ über allem steht, verkommt so ein Verhalten zur Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Umfeld. „Lass die Leute reden“, singen die Die Ärzte. Auch dies ist ein vermeintlich emanzipatorischer Text gegen engstirnige, übergriffige und muffige Zeitgenossen. Doch auch hier wird das Ego überhöht. Die Meinung anderer zählt nicht (mehr). Auch viele Ratgeber empfehlen uns, nicht nach rechts und links zu schauen, sondern uns auf uns und unsere Interessen zu konzentrieren. Was in gewissen Dosen ja durchaus sinnvoll und gesund ist, gerät, wenn es eine dominierende Haltung wird, inzwischen vielfach zu einer egoistischen Borniertheit.

Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe aus Potsdam, sieht die Ursache für diese Haltung bei der „radikalen Individualisierung“, die mit dem Neoliberalismus um sich gegriffen habe. Wer nicht unter die Räder eines unerbittlichen Wettbewerbssystems kommen wolle, der müsse eine Haltung kultivieren, die besagt: „Es kommt vor allem auf mich an“. „Alle stehen plötzlich miteinander im Wettbewerb, und Leistung wird ganz groß geschrieben“, sagt Welzer. (…)

Die Orientierung auf Wettbewerb und ökonomische Effizienz verändere die Persönlichkeiten stark, meint der Professor für Sozialpsychologie Dieter Frey. „Es geht damit letztlich um das Knappheitsprinzip, um attraktive Positionen, entweder nach dem Leistungsprinzip oder nach dem Prinzip des besten Netzwerkes. Das heißt, nicht nur Firmen sind im Wettbewerb in einer Marktwirtschaft, sondern auch Personen, die um knappe Güter ‚kämpfen‘. Und das verändert die Persönlichkeit, weil man zunächst versucht, als Homo oeconomicus seine eigenen Vorteile zu sehen, sich in jeder Situation sofort überlegt: Was bedeutet das für mich? Wo kann ich Verluste minimieren? und so weiter.“ Das bewirke auch, dass man eher im Mainstream denkt und arbeitet, weil man glaubt, außerhalb des Mainstreams weniger Chancen zu haben, so Frey. Das hat natürlich viel mit Globalisierung, Digitalisierung zu tun und damit, dass im internationalen Wettbewerb die Firmen und die Produkte überleben, die die größten Marktchancen haben. „Und da geht es um Innovation durch Wettbewerb und Schnelligkeit und ökonomische Effizienz. Die Menschen fühlen sich dadurch gehetzt, und es ist ja kein Zufall, dass psychosomatische Störungen, auch Depressionen, zunehmen und mehr Menschen das Gefühl haben, abgehängt zu werden und Verlierer dieses Trends zu sein.“

Weil mit der Globalisierung die Unsicherheit und Unübersichtlichkeit wächst, fühlen sich viele Menschen zunehmend ohnmächtig, desorientiert, machtlos und alleingelassen. So schaffen sich viele ihre eigenen Gewissheiten, ihre eigenen Wirklichkeiten. Sie wissen genau, was richtig und was falsch ist, es gibt nur noch schwarz-weiß, mit Grautönen, Ambivalenzen und Unsicherheiten können sie nicht umgehen. Sie verschließen sich gegen Neues und Ungewohntes, sind unfähig, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Daher kommt auch der oft kategorische Ton im Internet. Wer jetzt aber nur die AfD-Anhänger im Kopf hat, irrt. Ichfixiertes, ausgrenzendes Verhalten finden wir durchaus auch bei radikalen Tierschützern, den fitnessfixierten Selbstoptimierern oder Veganern. (…)

Die Wettbewerbsorientierung beeinflusst auch die Haltung, die wir zu unserer Umwelt einnehmen. „Viele haben sich ein rational-ökonomisches Weltbild zu eigen gemacht, in der sie streng nach Kosten-Nutzen-Relationen entscheiden und handeln“, erklärt der Konflikt- und Gewaltforscher Andreas Zick, Professor an der Uni Bielefeld. Große Bereiche sind zu einem bloßen Kunden-Dienstleister-Verhältnis verkommen, und so brauche man sich nicht wundern, wenn viele die Dienstleister gar nicht mehr als Menschen betrachteten. Wie oft habe ich beobachtet, wie Reisende Bahnbedienstete am Bahnhof mit einer Frage ansprechen, ohne einen „Guten Tag“ zu wünschen, ohne ein „Danke“, ohne ein „Auf Wiedersehen“. Wie selten ist es, dass die Schaffnerin im Zug auf ihr freundliches „Guten Tag, den Fahrschein bitte“ noch eine andere Reaktion bekommt als wortlos und muffig entgegengestreckte Fahrausweise. Als sei das alles ganz normal, ganz selbstverständlich, denn das Gegenüber ist ja nur eine namenlose Dienstleisterin.

Baldo Blinkert, Gründer und ehemaliger Leiter des Freiburger Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (FIFAS), sieht eine Ursache für die Dominanz des Kosten-Nutzen-Verhaltens auch darin, dass sich im Verlauf der industriewirtschaftlichen Modernisierung in zunehmendem Maße diese „utilitaristisch-kalkulative Perspektive“, wie er es nennt, gegenüber sozialen Normen durchgesetzt habe. Der Grund: Die Menschen hätten sich aus Traditionen, sozialmoralischen Milieus und institutionellen Bindungen herausgelöst. Das wird in vielen Fällen als befreiend und emanzipativ empfunden: Frauen können ein selbstbestimmtes Leben ohne Eheschließung leben, man muss sich nicht mehr traditionellen Gepflogenheiten unterwerfen, wenn sie einem nicht gefallen, in die Kirche gehen nur noch die, die das wirklich wollen, Liebespaare – ob hetero- oder homosexuell – können ohne Trauschein zusammenleben und vieles andere mehr. Damit, so Blinkert, sei auch der Abbau der Bedeutung von „fixierten und vorentworfenen Handlungen“ verbunden. Das Individuum kann und muss nun zwischen Alternativen abwägen und entscheiden. Kriterien dabei sind die Wahrscheinlichkeiten von Kosten und Belohnungen, von Erfolg und Misserfolg. „Konformität oder Abweichung wird in zunehmendem Maße von dem Ergebnis eines Risiko-Nutzen-Kalküls abhängig.“ Damit würden laut Blinkert auch die Bedürfnisse des Individuums „zum einzig maßgeblichen Bezugsrahmen für das Handeln. Es entstehe eine hedonistische Orientierung, die Befriedigung individueller Bedürfnisse wird vorrangig. „Die geringe Verankerung des Individuums in Institutionen und sozialen Bezügen hat dabei zur Folge, dass bei der Entscheidung zwischen Alternativen die externen Kosten eigenen Handelns kaum noch eine Rolle spielen.“ Mit anderen Worten: Es wird den Menschen zunehmend egal, was andere von ihren Entscheidungen denken, beziehungsweise, ob andere vielleicht sogar einen Nachteil von der eigenen Entscheidung haben könnten. 

Was Baldo Blinkert hier beschreibt, ist letztlich das Dilemma einer stark auf das freiheitliche Individuum ausgerichteten Gesellschaft: Einerseits können wir heute selbst entscheiden, wie wir leben wollen, und müssen uns nicht mehr dem Druck von Familie, Nachbarschaft, und anderen sozialen Gemeinschaften aussetzen und gar unterwerfen. Die Lebenswege sind weitgehend frei wählbar, nur weniges ist noch vorgezeichnet. Oder besser: Vieles erscheint frei wählbar. Andererseits ist die Gesellschaft gar nicht so durchlässig, wie sie vorgibt zu sein. Wer nicht den richtigen „Stallgeruch“ hat, schafft es auch heute noch nicht in die oberen Führungsriegen. Die Eliten sorgen schon dafür, dass sie möglichst unter sich bleiben, das heißt, dass sie sich möglichst aus sich selbst rekrutieren. Der Fall eines Gerhard Schröder, der es aus sehr armen Verhältnissen zum Bundeskanzler geschafft hat, ist äußerst selten. Wir wissen, dass Kinder, die in arme, bildungsferne und an ihrer Entwicklung wenig interessierte Familien geboren werden, es ungleich schwerer haben, eine gute Ausbildung zu machen und beruflich einen erfolgreichen Weg einzuschlagen. Was uns jedoch alle eint, ist die Eigenverantwortung für das eigene Leben. Wir müssen selbst entscheiden, was wir tun und lassen wollen. Da die sozialen Milieus nur noch eine geringe Rolle spielen, sind wir zwar freier, aber eben auch einsamer, sind wir selbstbestimmter, aber eben auch oft zu stark auf uns selbst, zu stark auf das Ich, zu wenig auf das Wir bezogen. (…)

Die Angst vor dem individuellen Scheitern im Kapitalismus ist zum einen verbunden mit der gesellschaftlichen Angst vor Nullwachstum oder gar wirtschaftlicher Schrumpfung und zum anderen mit der Tatsache, dass der moderne Mensch seine physische Endlichkeit nicht akzeptieren kann und will. Wir ergeben uns nicht mehr gottesfürchtig unserem Schicksal, sondern wollen die „Macher“ des eigenen Lebensweges sein. Das ist gut so. Aber wir überhöhen unsere Existenz zum anderen so sehr, dass natürliche Prozesse wie Altern und Sterben als größte narzisstische Kränkung empfunden werden. Das wiederum spiegelt sich auch in der Nicht-Akzeptanz wider, dass es im Leben Höhen und Tiefen gibt. Auch hierin liegt eine Quelle der Angst.

Das völlig irrationale Festhalten am Wachstumsparadigma ist ebenso Ausdruck davon, wie die irrationale Vorstellung, dass es auch im eigenen Leben immer aufwärts gehen muss. Wachstum ist konnotiert mit Fortschritt. Fortschritt verspricht Zukunft und Leben. Inzwischen stehen viele unter einem derart gewaltigen Druck, ihr Arbeitspensum zu schaffen und auch den anderen Verpflichtungen gerecht zu werden, dass sie nur wenig bis keine Rücksicht mehr auf andere nehmen können oder wollen. Wer hingegen nicht wachsen kann oder will, gilt als nicht erfolgreich, rückständig, uninteressant. Und wer will das schon sein? Aus alledem resultiert die Angst, nicht mithalten zu können, auf der Strecke zu bleiben, während alle anderen an einem vorbeiziehen. Viele stehen inzwischen unter einem derart gewaltigen Druck, ihr Arbeitspensum zu schaffen und auch den anderen Verpflichtungen gerecht zu werden, dass sie nur wenig bis keine Rücksicht mehr auf andere nehmen können oder wollen.

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