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Landreform in Südafrika Gute Farmer, schlechte Farmer

Südafrikas Regierung will den Grundbesitz gerechter verteilen und erwägt sogar Enteignungen der weißen Farmer. Die wiederum verweisen auf die maroden Plantagen der schwarzen Clans. FR-Korrespondent Johannes Dieterich hat sich im Land umgesehen.

Südafrika
„Raten Sie mal, wem was gehört“, fragt Davie Basson, der diese Bananenplantage verwaltet. Nicht im Bild: die überwucherte Farm auf der anderen Straßenseite. Foto: Johannes Dieterich

Die Kuckucksuhr zeigt zwei vor Zwölf, obwohl es gerade erst dunkel geworden ist. Die ominöse Zeigerstellung sei keineswegs seinem Eingriff zuzuschreiben, sagt Farmer Fritz Ahrens: Vielmehr hätten sich langbeinige Wespen der Zeitmaschine aus dem Schwarzwald bemächtigt und hinter der Kuckucks-Tür ihr Nest eingerichtet. Seitdem ist im Büro des deutschstämmigen Gutsbesitzers in der südafrikanischen Limpopo-Provinz die Zeit auch buchstäblich stehen geblieben – selbst wenn sie sich draußen im Land umso rasanter bewegt.

Fritz Ahrens muss um seinen Grundbesitz bangen. „Das ist für die doch nur eine Chance, etwas umsonst zu bekommen“, schimpft der 51-jährige Farmer, der eines seiner beiden Güter „nicht zufällig“ Berghof genannt hat: Ein Hakenkreuz an der Pinnwand und „Mein Kampf“ im Regal räumen auch den letzten Zweifel an der politischen Ausrichtung des Grundbesitzers aus. Mit „die“ meint der schwarzbraune Nuss-Farmer die Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung: Deren politische Repräsentanten haben unlängst einen neuen Vorstoß unternommen, der ungerechten Landverteilung am Kap der Guten Hoffnung zu Leibe zu rücken. Derzeit beschäftigt sich das Parlament in Kapstadt mit einer Initiative des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), die Enteignung von Land auch ohne Entschädigungszahlungen möglich zu machen – ein Vorstoß, der die politischen Gemüter wie kaum ein anderes Ereignis in der Geschichte des grunderneuerten Staates erregt. Die einen sehen mit der Aufweichung des von der Verfassung garantierten Schutzes des Eigentums den Untergang des Landes gekommen – die andern sehen endlich Gerechtigkeit am Werk.

Selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Machtwechsel am Kap hat sich am ungleich verteilten Landbesitz kaum etwas verändert. Nach wie vor gehört der Löwenanteil des nutzbaren Landes rund 36 000 weißen kommerziellen Farmern, während sich 17 Millionen schwarze Südafrikaner auf 13 Prozent des Landes, den einstigen „Homelands“, drängen. Ob die weißen Farmer 72 oder „nur“ 39 Prozent der nutzbaren Fläche besitzen, hängt davon ab, ob man lediglich private Güter oder auch staatliche und von Trusts verwaltete Ländereien den Berechnungen zugrunde legt: In jedem Fall sind die weißen Farmer beim Landbesitz maßlos überrepräsentiert. Und das, obwohl die junge ANC-Regierung gleich nach der Machtübernahme die Wiedererstattung von Ländereien möglich machte, von denen schwarze Südafrikaner in den vergangenen 100 Jahren vertrieben worden waren.

Auch auf Fritz Ahrens‘ Gütern klebt seitdem der „Kuckuck“: Die rund 170 Hektar seines Berg- und Neuhofs werden von Angehörigen des Venda-Volks beansprucht, die bis vor 80 Jahren hier in der Levubu-Region lebten. Damals wurden die Venda-Familien in ein weiter nördlich gelegenes Trockengebiet zwangsumgesiedelt: Das Levubu-Tal galt als zu ertragreich für sie. Wegen des Steigungsregens an den „Soutpansbergen“ gehört das Tal zu den fruchtbarsten Regionen Südafrikas: Auf einer über vier Meter dicken Ackerkrume gedeihen Macadamia-Nüsse, Avocados, Litschis und Mangos – alles, was auf ausländischen Märkten Devisen bringt. Hier können sich Landwirte eine goldene Harke verdienen: Der braune Fritz streicht jährlich 1,5 Millionen Rand ein – rund 40 südafrikanische Mindesteinkommen.

Kein Wunder, dass der Gutsbesitzer nicht von seinem Land lassen will. Wenigstens nicht, solange ihm der Staat nicht mindestens die 11,5 Millionen Rand (rund 800 000 Euro) bezahle, die seine Farmen auf dem freien Markt Wert seien. Bei ihrem Landerstattungs-Programm hatte sich die ANC-Regierung auf den Grundsatz „williger Käufer, williger Verkäufer“ verpflichtet: Wenn ein weißer Farmer sein Gut partout nicht hergeben will, oder wenn die Regierung es ihm nicht für einen marktüblichen Preis abkaufen will oder kann, muss der Anspruch der dunkelhäutigen Vertriebenen unerfüllt bleiben.

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