Lade Inhalte...

Lagos als friedliche Stadt Gestern Ghetto, heute Metro

Einst galt die die größte Stadt Nigerias Lagos als Hexenkessel, als Gomorra kurz vor der Sintflut. Doch die Stadt vollzieht einen Imagewandel und kämpft dafür an zahlreichen Fronten. Eine Reportage aus Afrikas zweitgrößter Metropole.

Lagos vollzieht einen Wandel vom Hexenkessel zur Metropol. Ob diese Kinder eines Tages den erhofften Lebensstandard genießen würden, ist fraglich. Foto: REUTERS

Es gibt sie noch, die bösen Buben der Stadt. Wie aus dem Nichts tauchen sie an deiner Seite auf, verlangen Bezahlung für Dienstleistungen, die sie niemals erbracht haben und keiner von ihnen je erbeten hat. Ist ihr Ansinnen erfolglos, wird ihre Stimme laut, und ihr Gesicht verzerrt sich zur Grimasse. Zeigt auch das nicht die gewünschte Wirkung, folgt ein „Fuck you, white arse!“ und ein Schlag aufs Karossenblech, an die sich bald weitere, wirkungsvollere Schläge und schließlich eine zerborstene Windschutzscheibe reihen würden, hätte Mister Balugu, unser Fahrer, nicht gerade noch rechtzeitig eine Lücke im dichten Verkehr erspäht. „Crackers!“, schimpft unser Held, nachdem wir entkommen sind: „Wann endlich wird auch der letzte dieser nutzlosen Idioten verschwinden?“

Polizei räumen morgens die Toten der nächtlichen Revierkämpfe weg

Einst beherrschten sie die ganze Stadt, die sogenannten Area Boys, und trugen entscheidend dazu bei, dass Lagos in aller Welt den übelsten Ruf einer Metropole genoss – ein Hexenkessel ohne Besserungsaussicht, Gomorra kurz vor der Sintflut. Parkende Autofahrer, Ladenbesitzer und Straßenverkäufer mussten den Wegelagerern ihren Obulus entrichten, und wer sich einen in Nigeria lebensnotwendigen Generator anschaffte, hatte den Area Boys Schutzgeld zu zahlen, wollte er seine Stromerzeugungsmaschine nicht anderntags zertrümmert von der Straße auflesen. Geschäftsleute und Politiker mieteten die halbstarken Jungs gelegentlich an, um sich Respekt zu verschaffen oder Stimmen zu erzwingen. Und frühmorgens kreuzten Polizei-Lastwagen durch Lagos’ Straßen, um die toten Opfer der nächtlichen Revierkämpfe zwischen den Area Boys aufzulesen.

„Es war rau“, sagt Godpower Mbong in jenem Singsang, den man Pidgin-Englisch nennt. Die vergangenen acht Jahr lebte der Area Boy unter einer Brücke im Stadtteil Apapa, einer der gängigen Unterschlupfe der unbeliebten Buben. Seinen Lebensunterhalt habe er mit „Gelegenheitsarbeiten“ verdient, fährt der 28-Jährige fort, womit wohl vor allem die erpresserische Eintreibung von Abgaben gemeint ist. Seit mehreren Monaten hat Godpower nun jedoch einen regelrechten Job: Er wurde als Hilfskraft von der Central Business District (CBD) genannten kommunalen Sheriff-Truppe angeheuert, die wenigstens einen Hauch von Ordnung in den Verkehr und unter die Heere von Straßenhändlern bringen soll. „Gar nicht schlecht“, murmelt der wortkarge, zum Paulus gewendete Paria: „Jedenfalls besser als früher.“

Tag für Tag schwillt Lagos um rund 6000 Menschen an

Godpower profitierte von dem „Kick against Indiscipline“ (Schlag gegen die Disziplinlosigkeit) genannten Programm, mit dem der seit sechs Jahren regierende Gouverneur des Lagos-Staates, Babatunde Fashola, den Hexenkessel in den Griff zu bekommen versucht. Hunderte von Area Boys wurden bereits zu Ordnungshütern umgepolt, andere zu Steuereintreibern ausgebildet, wieder andere in ihre ursprüngliche Heimat, auf Farmen oder in Kleinbetriebe, zurück verfrachtet. „Viele von ihnen haben eine abgeschlossene Schulausbildung und sind deshalb leicht zu resozialisieren“, sagt Mojo Bello, der als Manager der Kommunalverwaltung mit den Rekruten arbeitet: „Sie hatten bislang bloß keine Chance, einen ordentlichen Job zu finden.“

Bis vor kurzem brauchte ein Auto noch mehrere Stunden und eine ganze Batterie voller Hup-Töne, um sich seinen Weg durch die „Dr. Nnamdi Azikiwe Straße“ auf Lagos-Island zu bahnen, eine der vier Halbinsel-Teile der Hafenstadt. Straßenhändler machten sich bis weit in die Fahrbahn hinein breit, der Rest der Straße wurde von den allgegenwärtigen gelben Minibussen als Ein- und Aussteigestation benutzt. Regeln waren in dem Chaos keine auszumachen: Selbst nach mehrtägigen Aufenthalten wussten Besucher der Stadt nicht zu sagen, ob in Nigeria eigentlich Links- oder Rechtsverkehr herrscht. Ein ständiger Strom an Neuankömmlingen verstärkte den Druck auf die City noch: Tag für Tag schwillt Lagos um rund 6000 Menschen an – mit zehn bis 18 Millionen Einwohnern (dermaßen unterschiedlich sind die Schätzungen!) ist die Stadt die nach Kairo zweitgrößte Metropole Afrikas.

Überall in der Stadt wird gebuddelt und gebaut

In jüngster Zeit habe sich jedoch „unglaublich viel“ getan, sagt Monsuru Agbajie. Der Minibus-Fahrer sitzt neben seinem 34 Jahre alten gelben VW-Bus auf einem fußballfeldgroßen Platz im Zentrum des Stadtteils Ikoyi, der kürzlich für die populärsten der Nahverkehrsmittel freigeräumt wurde. Früher stellten die Minibus-Chauffeure ihre zerbeulten gelben Kisten einfach in der Straße ab, um sich eine Pause zu gönnen oder neue Fahrgäste aufzunehmen: Kein Wunder, dass sich der Verkehr ständig zu einem bewegungslosen Brei verdichtete. Pendler mussten um vier Uhr morgens das Haus verlassen, um rechtzeitig um acht bei der Arbeit zu sein, und kamen erst nachts um zehn Uhr wieder zurück nach Hause. „Alle waren immer nur müde“, sagt Agbajie, während er auf einem riesigen, an einen Baumstamm genagelten Pappkarton notierte Nummern studiert, die ihm verraten sollen, welche Zahlen er bei der nächsten Lottorunde ankreuzen muss.

Inzwischen bewegt sich der Verkehr in Ikoyi zumindest im Schritttempo fort, rote Busse – die sogenannten Lagbusse – rollen auf eigenen Fahrspuren an den kriechenden Karossen vorbei, überall in der Stadt wird gebuddelt und gebaut. Die deutschstämmige Baufirma Julius Berger bahnt eine zehnspurige Trasse zu den westlichen Außenbezirken durch die Stadt, zwischen den Halbinselteilen wird eine Brücke nach der anderen hochgezogen, bald soll es sogar eine von den Chinesen gebaute S-Bahn geben. Blieb die Metropole jahrzehntelang unter der korrupten Herrschaft immer neuer Militärgouverneure erstarrt, so jagt nun ein Erneuerungsplan den anderen: Mit den Millionen, die die neuen Steuereintreiber von Händlern und Herstellern einnehmen, finanziert Gouverneur Fashola zahllose Infrastrukturprojekte.

Kotbrocken schwimmen neben badenden Kindern

In einst von Slums oder Müllbergen beanspruchten Freiflächen entstehen Grünanlagen, chaotische Straßenmärkte weichen überdachte Markthallen, für die zehnspurige Trasse durch die Stadt wurden unzählige illegal errichtete Häuser ganz oder auch nur zur Hälfte abgerissen. Solche Eingriffe gehen nicht ohne Widerstände ab. In der aus der Entfernung malerisch wirkenden Fischersiedlung Makoko herrscht derzeit helle Aufregung. Die ersten Bewohner haben bereits von sich aus ihre auf Pfählen im Wasser stehenden Häuschen abgerissen – es heißt, die gesamte, aus hunderten von Holzhütten bestehende Siedlung werde bald modernen Häusern weichen müssen. „Wenn sie uns schon los haben wollen“, sagt der aus dem Nachbarstaat Benin stammende Fischer Alani Okwajo, „dann packe ich meine Sachen lieber selbst.“ Tatsächlich ragen in einem Teil der Siedlung bereits luxuriöse Appartmentblocks in die Höhe: Makokos Lage an der Lagune ist viel zu attraktiv, um nicht von den „Big Men“, reichen Geschäftsleuten oder mächtigen Politikern, begehrt zu werden. Erst aus der Nähe kommt die Kehrseite des malerischen Fischerorts zum Vorschein: Der auf festem Boden errichtete Teil Makokos ist vollkommen zugemüllt, in dem auf Pfähle im Wasser gebauten Teil der Siedlung schwimmen Kotbrocken neben badenden Kindern; „Sind wir unserer Bevölkerung nicht schuldig, solche Krankheitsherde aus der Welt zu räumen?“, fragt Gouverneur Fashola.

An der Einfahrt zu seinem Regierungssitz, dem „State House“ im Stadtteil Ikeja, hat sich eine Gruppe protestierender Frauen versammelt, die sich auf hochgehaltenen Schildern über ihre Vertreibung von der Straße beklagen, in der sie einst ihre Geschäfte tätigten. Allerdings seien sie nicht hier, um dem Gouverneur ihren Zorn ins Gesicht zu schleudern, stellt eine Protestantin klar, denn Papa Fashola habe gewiss keine Ahnung, was in ihrem Stadtteil vorgehe: „Er wird uns helfen, wenn er von unseren Problemen erfährt.“ Das Vertrauen der Bevölkerung in ihren Gouverneur scheint unerschütterlich: Erst vor wenigen Monaten wurde Babatunde Fashola mit einer überwältigenden Mehrheit in seinem Amt bestätigt.

Eine Metropole, die nach den höchsten urbanen Standards funtioniert

Das Büro des 48-jährigen Gouverneurs ist eines Präsidenten würdig. In dem Raum, der ein halbes Stockwerk einnimmt, finden eine riesige Couchgarnitur, ein langer Sitzungstisch sowie – vor zwei Fahnen und dem Wappen des Bundesstaats – ein oppulenter Schreibtisch Platz. Auf einem Plasmabildschirm läuft ein englisches Fußballspiel, Heerscharen von Adlaten huschen durch die Fluchten. Seine Exzellenz, der Gouverneur, hat sich in den vergangenen Jahren einen weltweiten Ruf als Planungs-Guru erworben: Inzwischen wird er von Weltwirtschaftsforen und Eliteuniversitäten angefragt, um über das Geheimnis seines für Afrika so ungewöhnlichen Erfolgs zu reden.

Dieser Erfolg sei gar nicht so geheimnisvoll, meint der Jurist bescheiden. Eigentlich müsse er nur beseitigen, was sich der Veränderung widersetze: Den Rest besorge die „ungeheure Energie“ und der „fantastische Geschäftssinn“ der Lagoten wie von selbst. Allerdings habe er sehr wohl auch eine Vorstellung davon, wie Lagos einmal aussehen soll, fügt der Spross einer traditionsreichen Familie hinzu: Ihm schwane eine Metropole vor, die nach „den höchsten urbanen Standards“ funktioniere, sicher sei und „sämtliche zeitgenössische Dienstleistungen“ anbiete – ohne deshalb europäisch zu sein. Schließlich suche niemand in Afrika eine europäische Stadt: „Wir müssen unseren eigenen urbanen Stil entwickeln.“

Eko Atlantik City, die das Gesicht Afrikas verändern soll

Noch ist von diesem nicht viel auszumachen. In Lagos prallen gigantische Bauprojekte und Slumwelten wie Unfallopfer aufeinander – eher schmerzhafte Kollisionen als ein urbaner Stil. Kritiker werfen Fashola vor, sich bei seinen Planungen der „Megacity“ nur auf den von Erdölmillionen geschmierten Erste-Welt-Teil der Stadt zu konzentrieren, während deren Schmuddelecken entweder platt gemacht oder an den Rand gedrängt würden – eine Kritik, die dem Politiker keineswegs verborgen blieb. „Man muss in die reichere Seite einer Ökonomie investieren“, rechtfertigt sich der Gouverneur: „Nur so lassen sich Gewinne erzielen, die man später in andere Bereiche investieren kann.“

Nirgendwo wird diese Logik deutlicher als im Meer vor „Victoria Island“, wo derzeit das „wohl ehrgeizigste Bauvorhaben Afrikas“ (Fashola) entsteht. Über eine mehrere hundert Meter weit in den Atlantik hinein aufgeschüttete Sand-Trasse donnern im Zehnminutentakt bis zu 40 Tonnen schwere Lastwagen, die Gesteinsbrocken aus 200 Kilometern Entfernung herbeischaffen, um sie am Ende eines bereits 2,5 Kilometer lang durchs Meer führenden Schutzwalls abzuladen. Die Mauer wurde vor vier Jahren angefangen und soll im Endstadium 8,5 Kilometer lang sein – täglich wächst sie um sechs Meter, während ein ununterbrochen pendelndes Schiff unterdessen die zwischen Mauer und Strand entstandene Bucht mit Sand auffüllt. Sind einmal 90 Millionen Kubikmeter Sand ins Wasser gekippt, wird hier auf 2,7 Millionen Quadratmetern eine neue Stadt entstehen: Eko Atlantik City, die nach den Worten des Projektdirektors David Frame „nicht nur das Gesicht von Lagos und Nigeria, sondern ganz Afrikas verändern wird?.

„Denn eine Stimmung wie hier findest du in Europa nirgendwo mehr?

Ein Modell der futuristischen City ist in einem eigens errichteten Ausstellungsgebäude am Bar Beach zu sehen, wo einst Kommandos der Militärregierung zum Tode Verurteilte aufreihten und erschossen. Herz der künftigen Prachtsstadt wird ein zwei Kilometer langer, von Hochhäusern gesäumter Boulevard sein, der es nach dem Ausstellungs-Text mit der Champs Elysee und der Fifth Avenue aufnehmen kann – eine „Marina?, in der City-Bewohner ihre Yachten parken können, soll den Stadtteil noch zusätzlich veredeln. Kein Wolkenkuckucksheim, versichert Frame: Zwanzig Prozent der Grundstücke seien bereits verkauft, im kommenden Jahr werde die „First Bank“ als erste Bauherrin mit der Errichtungen ihres futuristischen Firmensitzes beginnen. Es gebe genug Interessenten, die sich ein Leben oder einen Geschäftssitz in dem Luxusquartier leisten könnten, ist der Projektdirektor überzeugt: Mit seinen riesigen Erdöl- und Erdgasreserven und einer jährlichen Wirtschaftswachstumsrate von bis zu zehn Prozent wird Nigeria eine eindrucksvolle Zukunft prognostiziert.

Zu Frames Team gehört der nigerianische Städteplaner Yuki Omenai, der die vergangenen 15 Jahre in London verbrachte. Als er das Angebot bekam, für das Eko-Projekt nach Lagos zurück zu kehren, habe er noch kurz gezögert: Dann gesellte er sich zu der wachsenden Schar professioneller Nigerianer, die inzwischen aus der europäischen und amerikanischen „Diaspora“ kommend ein neues Leben in der alten Heimat beginnen. „Noch keinen Augenblick habe ich diese Entscheidung bereut?, sagt Omenai: „Denn eine Stimmung wie hier findest du in Europa nirgendwo mehr.?

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen