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Lady Gaga schockiert Fleisch auf den Rippen

Lady Gaga, große Gewinnerin der MTV-Awards, provoziert als lebendes Steak. Im schrillen Fleischkleid versucht die Ikone auf die Fleischbeschau der Popindustrie aufmerksam zu machen. Eine Stilkritik.

13.09.2010 19:57
Judith Kessler
Fleischbeschau mit Lady Gaga. Foto: rtr

Lady Gaga, große Gewinnerin der MTV-Awards, provoziert als lebendes Steak. Im schrillen Fleischkleid versucht die Ikone auf die Fleischbeschau der Popindustrie aufmerksam zu machen. Eine Stilkritik.

Lady Gaga hat es nicht leicht. Schließlich ist es im 21. Jahrhundert nicht mehr so einfach, eine musikalische Karriere hauptsächlich auf Skandalen zu gründen. Nachdem sich Gerüchte um ihren angeblichen Penis versendeten und ein Outfit aus gelbem Absperrband in ihrem Videoclip zu „Telephone“ nicht wirklich zündete, zog sie in ihrem Video zur neuen Single „Alejandro“ alle Register: Maschinengewehr-BH, Lack und Leder, homoerotische Anspielungen. Die Reaktion? Kritikervergleiche mit diversen älteren Madonna-Videoclips wie „Like A Prayer“. Alles schon mal dagewesen.

Aber so schnell gibt eine Lady Gaga nicht auf. Die nächste Eskalationsstufe war vor einigen Tagen auf dem Titelcover der japanischen „Vogue Hommes“, zu bewundern. Das Covergirl des Monats September ist nämlich die Lady herself. Nackt bis auf ein paar dunkelrote Fleischfetzen, die die entscheidenden Körperstellen bedecken. Immerhin: Ein paar Blogger empörten sich. Richtig schockiert waren aber nicht mal die Tierschützer von Peta. Es sei nun mal Lady Gagas Job, ausgefallene Dinge zu tun und der Fleisch-Bikini falle auch unter die Kategorie „ausgefallen“, kommentierte Peta-Präsidentin Ingrid Newkirk lapidar.

Voriges Jahr war es Kunstblut

Also musste Lady Gaga nachlegen. Und zwar auf den diesjährigen MTV Video Music Awards (VMAs). Einen ihrer acht Preise nahm sie dort in einem Kleid des amerikanischen Designers Franc Fernandez entgegen, das aussah, als bestünde es aus rohem Fleisch. Nachdem sie sich im vergangenen Jahr bei dem VMAs mit Kunstblut überschüttet hatte, war dies die konsequente Weiterführung ihrer weichgespülten MTV-Interpretation des Aktionskünstlers Hermann Nitsch, der auch ein großer Fan von Blut und rohem Fleisch auf der Bühne ist.

Allerdings war die Idee mit den Fleischkleidern nicht neu: Die US-Bloggerin Jia Jem hatte sich für eine Party vor einiger Zeit einen Dress aus Salami und Schinken geschneidert. Ihre Empfehlung: Fleischkleider unbedingt im Kühlschrank aufbewahren. Auch die tschechisch-kanadische Künstlerin Jana Sterbak nähte 1987 für ihr Projekt „Vanitas: Fleischkleid für anorexische Albinos“ Kleider aus rohem Ochsenfleisch und ließ sie zu einer Vernissage von einem dürren Model auf der nackten Haut tragen. Die zerbrechliche Frau wirkte so verletzlich, als habe man ihr die Haut vom Leib gerissen.

Bei Lady Gaga klingt Kritik an der Ausbeutung der Frau unbeschwerter: „Ich weiß doch, dass alle mich am liebsten als heißes Stück Fleisch sehen“, kommentierte sie ihr Outfit gegenüber einem Reporter. Das Fleischkleid – eine Kritik an der zur Fleischbeschau verkommenen Popindustrie, in der nur erfolgreich ist, wer möglichst viel von sich preisgibt? Das erinnert an Robbie Williams’ Musikvideo „Rock DJ“, in dem der Sänger sich das Fleisch von den Knochen reißt und an seine weiblichen Fans verteilt. So weit ist Lady Gaga dann doch nicht gegangen.

Obwohl Fleisch zur Provokation taugt. Zumindest im Milieu der so genannten Lohas, jener jungen, wohlhabenden, gebildeten Ökos, die weltweit das neue grüne Bürgertum bilden. In den In-Stadtteilen von Berlin oder New York wird Fleisch immer mehr zum Tabu. So geißelte die bürgerliche Zeit den Fleischkonsum als schädlich für die CO2-Bilanz und verantwortlich für tierquälerische Massenviehhaltung. Und US-Autor Jonathan Safran Foer steht mit seinem Antifleisch-Buch „Tiere essen“ auf Platz Drei der Spiegel-Bestsellerliste. Fleisch gilt als politisch unkorrekt.

Diese Stimmung wird auch von Internetseiten aufgegriffen – und ironisiert. So kann man unter hatsofmeat.com Fotos von selbstgebastelten Fleischhüten bewundern. Einen Cowboyhut aus Steaks, einen Fahrradhelm aus Wiener Würstchen oder einen Footballhelm aus einem ganzen Truthahn.

Auch Lady Gaga trug bei den VMAs einen Fleischhut, eine Art Barett aus Steak. Und war somit wieder nur Kopie. Nein, die Lady hat es nicht leicht.

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