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Kurioser Wettkampf Echte Kerle bei der Handtaschenweitwurf-WM

Bei der Handtaschenweitwurf-WM schleudern Männer der Frauen liebstes Stück – ein Psychologe diagnostiziert puren Neid.

Noch ein Weltmeister: Der Lastwagenfahrer Joachim Mans, der 2012 den ersten Rekord im Handtaschen-Weitwurf schaffte.

Erst ging es nur um Spaß. Doch zwei Weltmeistertitel verpflichten. Jetzt will Andi Ruland nochmal gewinnen, seine Freundin unterstützt ihn rückhaltlos. Wenn er mit ihr durch Geschäfte bummelt, bleibt er an Handtaschenständern stehen, bittet um ihren Rat, gemeinsam werden Qualitäten diskutiert. Dabei zählen weder Schick, noch Farbe oder Design. Der 44-jährige Software-Entwickler aus Köln hat Flugeigenschaften im Blick: Länge der Henkel, aerodynamische Form und ausreichende Kapazität für den Sand, mit dem das Gewicht der Tasche auf zwei Kilogramm beschwert wird.

Andi Ruland wirft seit fünf Jahren mit Handtaschen und nimmt die Sache inzwischen relativ ernst. Er will bei der diesjährigen Handtaschenweitwurf-Weltmeisterschaft (HTWWWM) in Bottrop-Kirchhellen mit seinem Team Österreich wieder siegen. Dass er nichts mit dem alpenländischen Nachbarland zu tun hat, spielt dabei keine Rolle, nicht alles ist bei der Disziplin ernst gemeint. Deswegen dürfen sich die Teilnehmer, die überwiegend aus Deutschland kommen, die Nation ihres Herzens ebenso wie die Künstlernamen aussuchen. Die Liste der Teams klingt international: Pirschelbär tritt für die Niederländischen Antillen an, Blut-engel für Barbados, Spritti für die Pitcairninseln.

Ruhrpottperle, die für Schweden startet, gehört zur Minderheit. Zu 60 Prozent werfen Männer, sagt Erfinder und Organisator André Puchta, der sich dieses Phänomen auch nicht so recht erklären kann. Vielleicht, sinniert der 33-Jährige, der in Berlin als Pressesprecher arbeitet, „können sie besser loslassen“. Auf diesen Moment kommt es mehr an als auf Muskelkraft, wenn der Arm beim am häufigsten eingesetzten Kurbelwurf kreist. Der Rekord liegt derzeit bei 35,32 Metern im Einzel und 67,44 Metern im Team.

Die Legende der Entstehung des ersten Wettkampfes im Jahr 2012 rankt sich um einen versuchten Raub in der Kölner Innenstadt, bei dem eine Frau ihre geliebte Tasche mehr als den Inhalt verteidigt haben soll. „Das brachte mich auf die Idee“, sagt Puchta. Nicht jedem muss das logisch erscheinen. Fakt ist, dass das Medieninteresse beim ersten Spektakel, zu dem sich über Mundpropaganda und soziale Netzwerke gleich zwölf Teams animieren ließen, so groß war, dass es seitdem jedes Jahr in dem Freizeitpark Movie Park Germany ausgetragen wird. Eine etwa 400 Quadratmeter große Arena ist abgesperrt. Von mehr als 10 000 Zuschauern ist die Rede, die kommen freilich auch ansonsten in den Movie Park, genaue Zahlen über eingefleischtes Werferpublikum sind daher schwierig.

Die Veranstaltung sei nicht kommerziell, betont Puchta. Der Movie Park helfe mit der Logistik, es gebe keine Sponsoren, die Organisatoren arbeiteten ehrenamtlich und jeder dürfe kostenlos mitmachen. Von 18 bis 80 reiche das Alter, Handwerker, Lastwagenfahrer, Akademiker, alle sozialen Schichten seien vertreten.

Wie immer beim Sport schreibt man sich Völkerverständigung ins Programm. Mit den Taschen aus aller Welt sollen Menschen aus aller Welt, egal welcher Hautfarbe, Religion oder politischer Einstellung, ein Zeichen für Frieden und Zusammengehörigkeit setzen, so steht es auf der Homepage. Wie immer beim Sport ist Doping verboten, darüber wacht ein Anti-Doping-Beauftragter, der ehemalige deutsche Vizemeister im Stabhochsprung, Justus Schneider. Der Begriff ist weit gefasst: verboten sind lustig und locker machende Substanzen wie Alkohol und Drogen für die Werfer, aber auch flugfördernde Hilfsmittel, etwa versteckte Propeller, Tragflächen oder Fallschirme, für die Taschen.

13 Seiten Regeln

Und wie immer beim Sport gibt es ein ausführliches Regelwerk. Es umfasst 13 Seiten, auf denen unter anderem genau beschrieben ist, dass in der Vorrunde neben der messbaren Weite die psychologische und kreative Ausführung des Auftritts einfließt. Zur Schau gestellte Liebe zum Wurfgerät, tänzelnde Schritte und ein originelles Outfit geben Bonuspunkte. Manche Frauen, sagt Puchta, treten daher im Abendkleid und mit Stöckelschuhen an. Männer kommen in landestypischen, bunten Kostümen, mit denen man es leichter auf Fotos oder in Filmaufnahmen der Medienberichte schafft.

Diese Bewertung ist Geschmackssache. Außer der Vorsitzenden Irmgard Knüppel wechseln die Jury-Mitglieder. Diesmal soll ein Team entscheiden, das seine Kompetenz in Trash-TV-Formaten schulte. Beide waren unter anderem in der RTL-Show Dschungelcamp dabei: das Model Sarah Knappik und Eva Jacob, eine der Jacob Sisters, der Girl Group mit den weißen Pudeln, die ihre größten Erfolge in den 1960er Jahren in den USA feierten. Roberto Blanco hatte vergangenes Jahr das Sagen, auch Margarethe Schreinemakers war schon mal dabei und musste sich für den Posten manche Häme gefallen lassen. Es sei nicht schwer, solche Prominente zu finden, sagt Puchta. „Die finden das cool.“

Die Männer offenbar auch. Der Psychologie-Professor Alfred Gebert, der seit 20 Jahren zum Thema Handtasche forscht, wagt eine Erklärung. Das Accessoire gehöre zu den intimsten Besitztümern einer Frau, in der sich vom Ersatz-BH über den sündhaft teuren Augenbrauenstift bis zum Pflaster wichtiges Alltagszubehör ansammle. Kein Mann darf hineinschauen, erst recht nicht der eigene. Will er nicht als Weichei gelten, wird er nie ein vergleichbares Behältnis besitzen. „Das weckt großen Neid“, sagt Gebert. Beim Wegschleudern, das Anhänger dieser Disziplin geschlechtertypisch zu einer technisch ausgefeilten Disziplin mit gut klingenden Siegertiteln aufgewertet haben, fühlten sie sich wie richtige Kerle. „Das ist wie beim Grillen“, sagt Gebert, „das Gefühl, ‚ich kann damit machen, was ich will‘“.

Manche sind dabei sehr gründlich. Handtaschenwerfer Ruland, der mit einem Fernsehbeitrag in Köln zu plötzlichem Ruhm gelangte, hat die Lacher im Freundeskreis inzwischen von der Ernsthaftigkeit seines neuen Hobbys überzeugt. Ansonsten eher nicht der sportliche Typ, bereitet er sich mit Trainingseinheiten auf den großen Auftritt vor, übt mit der Freundin oder im Team, testet Flugeigenschaften von Taschen und hält die Erkenntnisse geheim. Das ideale Objekt, soviel verrät er, sei „so kompakt wie möglich“ und aus Leder, damit es nicht beim ersten Wurf aufplatzt und der Sand wegrieselt.

Ruland war nach vielen erfolglosen Streifzügen schon bereit, eine Maßanfertigung zu bestellen. Da entdeckte er das 60 Euro teure Meisterwerk eines französischen Designers. „Das passte genau auf unser Wurfprofil“, sagt er. Also hat sein Team Österreich vier dieser Taschen für den diesjährigen Wettkampf angeschafft. Man will schließlich wieder Weltmeister werden.

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