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Kriminalität Schutz vor dem Enkeltrick ist schwierig

Am Telefon ist ein Verwandter, der keiner ist. Er fragt nach Geld und bekommt es. In Hamburg steht derzeit der Großmeister des Enkeltricks vor Gericht.

Eine alte Dame am Telefon
Den Tätern beizukommen, ist schwierig, geben Ermittler unumwunden zu. Denn es gebe kaum Spuren: Die Tatwaffe ist ein Handy, dessen Karten ständig ausgetauscht werden. Alles geht sehr schnell. Foto: imago

Es ist immer das Gleiche. Ein Dienstag im vergangenen Sommer. In Braunschweig klingelt ein Telefon. Eine 80-jährige Dame nimmt ab. Am anderen Ende fragt jemand: „Na, rate mal, wer dran ist?“ Sie stutzt, ist überrascht, sie rät, ihr Neffe vielleicht? „Bist du’s?“ Sie hat angebissen. Nun spielt der Anrufer sein perfides Spiel. Er mimt den Neffen, umgarnt die alte Dame, lullt sie ein, bis er sie so weit hat. Dann macht er Druck und kommt schnell zur Sache. Er braucht Geld für einen dringenden Kauf, 30.000 Euro. Die Frau willigt ein. Sie geht zur Bank, holt ihre ersparten 20.000 Euro, übergibt sie, wie mit dem angeblichen Neffen verabredet, einer Frau. Dann ist die Frau weg, das Geld ist weg. Der Spuk ist vorbei. Die alte Dame merkt, was sie getan hat. Oder vielmehr: Was ihr passiert ist.

Es nennt sich Enkeltrick. An jenem Sommertag bekamen noch mindestens sieben andere ältere Damen in Braunschweig ein solchen Anruf. Und keiner weiß, wie viele Menschen insgesamt in Deutschland. Eine Verbrechensform mit großer Zukunft, prophezeien Kriminalisten. Deutschland wird älter, und nicht wenige alte Leute haben eine Menge Geld auf der hohen Kante. Ein lohnendes Ziel, sagen Kriminalisten. Ein Feld, auf dem sich das Verbrechen organisiert hat, um es abzugrasen. Tausende solcher Anrufe in Deutschland jeden Tag. Meist klappt es nicht, aber oft genug doch. Es gibt keine genauen Zahlen. Kein Wissen über die Fälle, die Schadenssummen. Nur Schätzungen, die in die Millionen gehen. Manche Opfer schämen sich. Und schweigen.

Lolli hingegen hat sein Schweigen gebrochen. Lolli ist eine Legende in Gangsterkreisen. Lolli, so nennen ihn sein Clan und seine Freunde. Hellgraues Sweatshirt, dunkle Haare, ein akkurater Bart, angenehme Stimme. Er heißt Marcin K., alias Jeff Orlowski alias Marek Novak. Er ist polnischer Staatsbürger, in Deutschland groß geworden, 30 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, zwölf, elf und drei Jahre alt. Seine Frau sitzt im Zuschauerraum des Hamburger Landgerichts, Saal 337, er auf der Anklagebank. Ab und zu dreht sich Lolli um, lächelt ihr zu. Sie lächelt zurück.

Gerade hat Richter Bernd Steinmetz die Sitzung unterbrochen. Lollis Frau feilt ausgiebig ihre Fingernägel. Es ist schon der 60. Verhandlungstag, Ende des Monats bekommt er sein Urteil. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm bandenmäßigen Betrug in 43 Fällen vor, begangen zwischen November 2011 und Mai 2014. Ein Riesenverfahren: 18.000 Seiten Akten, 27 Umzugskartons voll. Lolli war im Juli 2016 in Ungarn von Zielfahndern geschnappt worden. Man überstellte ihn nach Deutschland, vor einem Jahr begann sein Prozess. Bis November 2017 schwieg er, dann, am 6. November, teilte Richter Bernd Steinmetz Lolli und seinen Verteidigern mit, welchen Eindruck er im Prozess vom Angeklagten gewonnen hatte und welches Strafmaß dem Gericht ungefähr vorschwebt: mindestens zwölf Jahre Haft. Und zwölf auch nur, wenn der Angeklagte ein Geständnis ablegen würde. Danach verwandelte Lolli sich in einen Kanarienvogel und sang. Er gestand, er belastete Clanmitglieder, er gab Hinweise. Es sprudelte nur so aus ihm heraus.

Inzwischen ist die Beweisaufnahme abgeschlossen. 75 Zeugen hat das Hamburger Gericht gehört. Lollis angeblich größter Coup war ein Anruf in Österreich. Juli 2015, eine 82-Jährige, er gab sich als Freund aus der Kriegszeit aus, der Geld für eine Immobilie brauchte. Sie gab einem Abholer 640.000 Euro. Eine 75-jährige Frau gab ihm 10.000 Euro. Sie glaubte, einen Großcousin am Telefon zu haben. Eine Seniorin aus Berlin hörte in ihm den Nachbarsjungen von früher: 9000 Euro.

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