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Krimiautorin Ann Rosman Mord in Bullerbü

Mit Ann Rosman drängt eine weitere Schwedenkrimi-Autorin auf den deutschen Büchermarkt. Ihre Komissarin schippert durch Mörder-Fjorde und kommt mit deutlich weniger Alkohol aus als die berühmten Kollegen.

30.08.2010 14:05
Katharina Sperber
Krimiautorin Ann Rosman Foto: Anette Ericsson

Mit Ann Rosman drängt eine weitere Schwedenkrimi-Autorin auf den deutschen Büchermarkt. Ihre Komissarin schippert durch Mörder-Fjorde und kommt mit deutlich weniger Alkohol aus als die berühmten Kollegen.

Ann Rosman kommt mit dem Rad. Weißes Kleid mit aufgestickten schwarz-blauen Folkloremustern. Die Haut gebräunt, die blonden langen Locken hochgesteckt und dennoch zerzaust vom Sommerwind, der über die Insel streicht. Wie eine Bilderbuchschwedin eben. Und dann geht’s los: die Krimiautorin steigt ab und quasselt, spricht, erzählt, redet wie ein Wasserfall. Macht sie mal Pause, lächelt sie ein offenes Lächeln.

Wenig später bringt die 37-Jährige deutsche Journalisten auf einem Segelboot zu den Tatorten und Schauplätzen ihrer Bücher. Ann Rosman versteht etwas von PR, ist vom Literaturbetrieb aber noch nicht deformiert. Sie gibt viel preis von sich, erzählt wie sie ihren Ehemann an den Rand der Raserei bringe mit ihren nie enden wollenden Recherchen, dass sie früher mit dessen Zwillingsbruder liiert gewesen sei und wie sie ihre Söhne (zwei und fünf Jahre alt) mitschleppe bei ihren Streifzügen über die Inseln Marstrandsö und Koö im Skagerrak, 30 Kilometer nordwestlich von Göteborg. „Hier finde ich Dinge, die Geschichten erzählen und in meinem Kopf zu Büchern werden“, sagt sie. Rosman stöbert in Archiven, kriecht durch Keller, stromert über Müllplätze, steigt auf Leuchttürme, segelt übers Meer und fragt Leuten Löcher in den Bauch.

Sie ist keine Elevin mehr unter Schwedens Krimiautoren. Sie gehört in ihrer Heimat zu den Erbinnen der Großmeister Maj Sjöwall, Per Wahlöö, Henning Mankell, Leif G.W. Persson und wie sie alle heißen, deren Bücher sich auch hierzulande verkaufen wie geschnitten Brot. Sie ist der Beweis, dass der Schwedenkrimi quicklebendig ist, auch wenn Mankells Kommissar Wallander sich für immer in die Demenz verabschiedet hat. Rosmans erster Roman, der jetzt in Deutschland erschienen ist, erreichte in Schweden 2009 eine Startauflage von 60.000 Exemplaren. Inzwischen arbeitet sie am dritten Buch.

Mit ruhiger Gelassenheit steht sie am Steuer des 12-Meter Segel-Rennboots, während ihr Mundwerk unaufhörlich weiterarbeitet. Mit an Bord der junge Skipper, der jetzt die Fock aufziehen muss, obwohl er sich die Mühe lieber sparen und das Segel in der Persenning lassen würde. Aber die Kapitänin will es so und wenn sie es so will, dann wird es so gemacht. Ann Rosman ist ausgestattet mit viel Durchsetzungskraft und sie ist zäh. So ist die Betriebswirtin auch Schriftstellerin geworden.

Heldin ihrer Geschichten ist die Göteborger Polizistin Karin Adler, die auf einem Segelschiff wohnt und auf den winzigen Inseln, auf denen ihre Schöpferin zu Hause ist, ermittelt. Der Ort Marstrand auf Marstrandsö ist einen knappen Quadratkilometer klein und nur per Fähre von Koö zu erreichen, Autos sind verboten.

Setzt man über, erwartet einen auf den ersten Blick das reinste Schwedenidyll. Das Meer ist blau, im Hafen liegen Luxusjachten, Rennboote und Segler aller Arten und Größe. Die hübschen Holzhäuser leuchten in Gelb, Hellblau und Beige. Alles strahlt gediegene Eleganz aus. Die Popgruppe Abba drehte hier im Sommer 1980 das Video zu ihren Hit „The winner takes it all“. Tatsächlich leben heute hier viele Gewinner des schwedischen Wirtschaftswunders. Der Baugrund ist teuer, die Verdrängung der Fischerfamilien in vollem Gange, die Häuser sind nur noch zu exorbitanten Preisen zu haben. Hier ist nicht Bullerbü – hier lebt auch die Niedertracht. Ann Rosman ist ihr auf der Spur und speist uns nicht mit pittoresken Bildern der Insel ab.

Dabei holt sie nicht zur großen Gesellschaftskritik aus. Moralisch verworfen ist bei ihr nicht der böse Chef eines Pharmakonzerns, sondern eine eitle Bürgersfrau. Rosmans Polizistin hat auch kein Alkoholproblem, ist nicht depressiv wie Wallander. Und Brutalitäten, wie die abgetrennten Hände eines ins Meer geworfenen Tauchers, werden bei ihr nicht in der Ausführlichkeit eines Pathologenbulletins ausgebreitet. Ihre feministischen Ansprüche sind kleiner als die ihrer weltbekannten Kolleginnen Liza Marklund (Schweden) und Anne Holt (Norwegen). Ihr reicht es, wenn eine Frau den ungeliebten Mann ungestraft verlassen kann und Mütter einem Beruf nachgehen können, ohne zwischen Job und Familie zermahlen zu werden. Das ist nicht wenig und auch in Schweden keine Selbstverständlichkeit, wie sie selbst erlebt hat. Ann Rosman ist nicht so penetrant versessen auf Political Correctness , wie man es aus dem Genre Schwedenkrimi sonst so kennt.

Dieser literarischen Exportmarke gibt Rosman eine weitere Nuance, manchmal etwas zu detailversessen und wie eine Geografielehrerin. Am liebsten würde man sich die Geschichten von ihr erzählen lassen, am Strand, auf dem Meer oder in „Bergs Konditorei“ auf Marstrandsö. Sitzen und zuhören, wie sie ihre Gedanken spinnt – dann verschwänden auch die Längen.

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