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Kreativer Protest Die Vorturnerin

Mit spektakulären Aktionen überrascht die ehemalige französische Meisterin im Sportklettern, Cécile Lecomte, die Polizei bei Demonstrationen. Von Jutta Rippegather

Drahtseil-Akt: Cécile Lecomte. Foto: Arnold/FR

Es ist eine Woche her, da hielt sie den Zug an, der von der Urananreicherungsanlage in Gronau nach Rotterdam unterwegs war. Den Zug stoppte Cécile Lecomte ganz allein. Die 27 Jahre alte Französin hatte heimlich in der Nacht Kletterseile in Höhe der Lok über die Gleise gespannt und sich dann kopfüber daran gehängt. Mehr als sechs Stunden dauerte es, bis eine Spezialeinheit der Bundespolizei Cécile Lecomte aus den Seilen holte. "Die Bundespolizei musste Fachleute per Hubschrauber einfliegen lassen", sagt die Französin und muss grinsen, weil sie sich an die Gesichter der ratlosen Polizisten erinnert. "Die hatten keine Idee, wie sie mich da runterkriegen."

Mit extremen Aktionen erregt die ehemalige französische Meisterin im Sportklettern nicht nur bei Atomtransporten Aufmerksamkeit. Sie ist oft dabei, wenn irgendwo in der Republik gewaltlos protestiert wird. Und wenn gerade keine Demonstration ansteht, dann sucht sie andere Wege, um ihre politische Haltung deutlich zu machen. Drei Mal gelang es ihr bereits, auf Frankfurter Bankentürmen herumzuspazieren. Warum sie das getan hat? "Ich wollte dem Kapitalismus auf der Nase tanzen", antwortet sie.

Als am vergangenen Dienstag die Rodung für den Ausbau des Rhein-Main-Flughafens im Kelsterbacher Wald begann, spannte Cécile Lecomte ihre Hängematte zwischen den Wipfeln jener Bäume, deren Abholzung sie und die anderen Demonstranten im Camp verhindern wollen. Da oben, in luftiger Höhe, schläft sie jetzt. Eine Plane schützt vor Feuchtigkeit von oben, der Schlafsack vor der schneidenden Januarkälte. Einen Wecker gibt es nicht. Wer mit ihr in Kontakt treten will, muss von unten laut hoch brüllen: "Cécile". Und dann seilt sie sich ab. "Eichhörnchen", ist ihr Spitzname in der Szene.

Die Frau mit dem athletischen Körperbau und dem französischen Charme ist eine Sympathieträgerin. Wenn sie von ihren Aktionen erzählt, sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus. Sie spricht Deutsch mit französischem Akzent und erzählt von ihren Idealen, Werten und Projekten. Mit der Hochhaus-Besteigung, sagt sie, wollte sie gesellschaftliche Normen infrage stellen. Es klingt wie ein Lebensmotto, wenn sie sagt: "Man kann auch vertikal statt horizontal gehen."

Cécile Lecomte gelingt es bei Protestaktionen immer wieder, bedrohlichen Situationen die Spannung zu nehmen. Als am vergangenen Dienstag die Polizei aufzog, um den Beginn der Rodungsarbeiten zu schützen, da hing die kurzhaarige Frau wie ein Äffchen kopfüber über den rund 20 Uniformierten, die einen Ausbau-Gegner aus einem Erdbunker schaufelten. Die 27-Jährige schlug dazu Purzelbäume, schwenkte ein Transparent - und sang auch noch französische Volksweisen. Das brachte sogar manchen Polizisten zum Schmunzeln.

Nach Deutschland kam die Französin vor sieben Jahren, weil sie Betriebswirtschaft studieren wollte. Um die Sprache zu lernen, las sie deutsche Zeitungen. Dabei stieß sie auf einen Artikel über die Castor-Transporte. "In Frankreich waren solche Themen tabu", sagt sie. Nach der Zeitungslektüre beschäftigte sie sich intensiv mit der Atomproblematik, das brachte den beruflichen Wendepunkt: Cécile Lecomte schmiss das Studium und schloss sich Initiativen wie "Robin Wood" oder "Gendreck weg" an, engagiert sich gegen Rechtsextremismus, wirkt als Verbindungsfrau zwischen französischen und deutschen Kernkraftgegnern und arbeitet in ihrer Wahlheimat Lüneburg in der Initiative gegen Atomanlagen mit. Eine Zeit lang arbeitete sie auch als Französischlehrerin an einer Waldorfschule. Diesen Job musste sie vor drei Jahren an den Nagel hängen. Politische Aktivistin mit regelmäßigen Polizeikontakten als Lehrerin - das passte nicht.

Inzwischen verdient sie ihr Geld mit Vorträgen, Übersetzungen, ist journalistisch tätig. Zuwendungen gibt es auch über die Bewegungsstiftung, über die Interessierte die junge Frau direkt monetär unterstützen. Auch wenn sie häufiger verhaftet wird: Bisher wurde sie nur vorbeugend festgehalten, damit sie mit ihren Aktionen nicht stört. Bei einem Castor-Transport können das schon mal vier Tage Gewahrsam sein. Strafrechtlich, sagt Cécile Lecomte, wurde sie jedenfalls nie verurteilt. Das höchste Bußgeld belief sich bisher auf 250 Euro - wegen Störung des Bahnbetriebs, aber es wurde nie gezahlt. Ungezählte Unterstützer wollten das Geld in Centbeträgen überweisen. Dieser Verwaltungsaufwand war dem Gericht dann aber doch zu hoch. Zur Not geht die 27-Jährige auch in "Erzwingungshaft". 24 Stunden saß sie, weil sie die fünf Euro wegen Übertretens der Schienen bei einem Castor-Transport nicht zahlte. "Ich wollte sehen, wie weit der Atomstaat geht", sagt die Kletteraktivistin und lächelt schon wieder. Es macht ihr sichtlich Spaß, die Mächtigen öffentlich vorzuführen - nicht einzuknicken, sich treu zu bleiben: "Man muss konsequent sein und zeigen, wofür man steht."

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