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Kraftklub-Interview Selber machen ist sexy

Die Stimme des Ostens? Der Provinz? Oder sogar einer Generation? Stimmt alles nicht, sagen die Jungs von Kraftklub. Ein Gespräch über falsche Schubladen, Kreativität in Chemnitz und Mädchen als Motivationshilfe.

09.08.2012 20:49
Frank Junghänel und Rudolf Novotny
„Wir wollen uns abgrenzen von Leuten, die in die Disko gehen, ihre Autos tunen und die Augenbrauen zupfen. Genau das ist wahrscheinlich unsere Generation.“ Sie haben es trotzdem geschafft: Max Marschk, Steffen Israel, Felix Kummer, Karl Schumann und Till Kummer (von links nach rechts). Foto: Markus Wächter

Die Stimme des Ostens? Der Provinz? Oder sogar einer Generation? Stimmt alles nicht, sagen die Jungs von Kraftklub. Ein Gespräch über falsche Schubladen, Kreativität in Chemnitz und Mädchen als Motivationshilfe.

Der Mann von der Plattenfirma sagt, die Musiker von Kraftklub würden sich um eine halbe Stunde verspäten, sie stünden im Stau. Das kann ja was werden. Eine halbe Stunde wird bei einer leicht übermütigen Rockband schon mal zu einem halben Tag. Doch dann, exakt dreißig Minuten nach der verabredeten Zeit, treffen sie in ihrem Hostel an der Warschauer Straße ein. Sie kommen direkt aus Chemnitz, ihrer Heimatstadt.

Seit Kraftklub im Januar ihr Debütalbum herausgebracht haben, das auf Anhieb den ersten Platz der Charts erreichte, sind sie fast nur noch unterwegs. Ihr hüpfender Gitarrenrock, zu dem sie Songs über die provinzielle Tristesse und den Stolz der Dagebliebenen singen, trifft den Nerv der Leute. Felix Kummer, Sänger und Texter der Band, ist als Gesprächspartner gesetzt. Gitarrist Steffen Israel wird – schnick, schnack, schnuck – hinzugelost.

Ihr kommt nach Berlin, um eine Goldene Schallplatte abzuholen. Die Leute laden sich doch heute eh alles irgendwo runter. Hat so eine Goldene Schallplatte für euch überhaupt noch eine Bedeutung?

Felix Kummer: Klar, das ist schon so ein bisschen angebermäßig. Dass man sagen kann, he, wir haben eine Goldene Schallplatte. Das ist ja auch voll geil, dass man sich die so hinhängen kann.…

Als euer Debütalbum im Januar herauskam, wurdet ihr verschiedentlich die deutsche Pophoffnung des Jahres genannt. Zu dieser Zeit war das Jahr ja noch nicht allzu weit fortgeschritten. Wie sieht es denn jetzt aus, zur Halbzeit 2012?

Felix Kummer: Sowas sagt man ja nicht selber über sich, insofern müssen auch andere entscheiden, ob wir das am Ende des Jahres noch sind. Ich weiß bloß, dass wir das, was wir machen wollten, auf einem sehr guten Level immer besser können. Das ist live spielen.

Steffen Israel: Pophoffnung passt auch nicht so gut zu uns. Im Pop sind bestimmt andere besser.

Wie ist das gemeint?

Steffen Israel: Vielleicht haben die Leute gedacht, dass wir poppiger wären, als wir wirklich sind. Vielleicht reden wir uns das manchmal sogar selber ein.

Felix Kummer: Komm, wir haben uns in den letzten Tagen schon ganz schön oft im Radio gehört.

Steffen Israel: Ich finde gut, dass immer wieder was anderes von uns läuft.

Felix Kummer: Das ist wie so ein Witz. Wir fahren auf die Autobahn und plötzlich kommt ein Song von uns. Absurd.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man sich selber hört?

Felix Kummer: An das Radio gewöhnt man sich eigentlich schnell. Unangenehm wird es erst, wenn du deine Musik in der Disko hörst. Dann kriegst du direkt mit, wie die Leute reagieren.

Steffen Israel: Das ist so, als wenn die Dias mit deinem Gesicht zeigen würden.

Wie ist der aktuelle Stand der deutschen Popmusik?

Steffen Israel: Ich finde, dass sich die Popmusik im Vergleich zu den Neunzigerjahren verbessert hat.

Felix Kummer: Die schlimmen Sachen gibt’s ja trotzdem noch.

Steffen Israel: Früher war für mich schon das Wort Popmusik eher negativ besetzt. Mittlerweile haben wir auch schöne Popbands, wie zum Beispiel Boy oder so.

Und die schlimmen Bands?

Felix Kummer: Ein Kriterium zur Unterscheidung von guten Popbands und schlimmen Popbands ist, ob man sie auf Festivalplakaten findet. Schlechte Bands sind nie auf Festivals. Popmusik hat für mich eine Berechtigung, wenn man sie auch live spielen kann.

Hat einer von euch zufällig die Biografie von Keith Richards gelesen?

Felix Kummer: Ja, ich. Das erste Drittel zumindest.

Dann bist du auch auf die Stelle gestoßen, in der er darüber schreibt, wie er plötzlich Mädchen abbekam, die ihn vorher nicht mal angeguckt haben. Hat sich in den fünfzig Jahren seit den Rolling Stones etwas an der Motivation geändert, eine Band zu gründen? Geht es immer noch in erster Linie um Mädchen?

Felix Kummer: Na klar. Das ist die Motivation Nummer eins.

Funktioniert es auch immer noch?

Felix Kummer: Es kommt sehr viel später als man denkt.

Steffen Israel: Aber es funktioniert auf jeden Fall. Man entwickelt einfach ein ganz anderes Selbstbewusstsein, wenn man mit irgendwas Erfolg hat.

Warst du früher schüchtern?

Steffen Israel: Das bin ich immer noch. Aber ich war früher anderen Leuten gegenüber auch weniger offen. Mittlerweile ist es etwas entspannter bei mir.

Und wie fühlst du dich auf der Bühne?

Steffen Israel: Ich habe mich früher auf der Bühne überhaupt nicht bewegt. Jetzt ein bisschen.

Ein Erfolg der Popmusiktherapie.

Steffen Israel: Vielleicht ist das mit dem Selbstbewusstsein nur eine Frage des Alters.

Felix Kummer: Nicht unbedingt. Mädchen sind ja auch interessanter, wenn sie etwas Cooles machen, etwas Eigenes. Das fand ich schon immer sexy, wenn Leute ihr eigenes Ding gemacht haben und davon leben konnten.

Leben können ist das eine, aber kann man als Band auch reich werden?Felix Kummer: Nee, aber es reicht zum Rumkrebsen. Und mehr braucht ja niemand.

Was verdient man an einem Nummer-Eins-Album? Felix Kummer: Das wissen wir selbst nicht genau. Was auch daran liegt, dass wir uns nur ein kleines Gehalt auszahlen. Das ist viel geringer als alle glauben. Wir kriegen nicht mehr als Hartz IV.

Steffen Israel: Jeder, der einen normalen Job hat, verdient mehr als wir. Aber wir sind soviel unterwegs. Das spart Geld. Wir brauchen nicht viel. Miete, Essen.

Felix Kummer: Nicht mal Essen. Meistens gibt es Catering.

Wie ist die Entlohnung organisiert?

Steffen Israel: Wir haben ein Band-Konto, da kommen alle Einnahmen drauf. Von dort lassen wir uns monatlich was überweisen. Es wäre ja sinnlos, nach jedem Konzert das Geld aufzuteilen.

Nicht unwesentlich zu eurem Erfolg beigetragen hat der Song „Karl-Marx-Stadt“, in dem es heißt: „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer Baby, original Ostler.“ Das hat vielen gefallen, nicht zuletzt vielen Journalisten.

Felix Kummer: Generell war das eine der überraschendsten Sachen für mich, dass die Texte, die ich geschrieben habe, so intellektualisiert wurden. Es gab sogar einen Professor, der den Song „Zu jung“ als Interpretation des Amoklaufs von Erfurt ausgelegt hat. Das hat mich ziemlich irritiert. Bis mir jemand erklärt hat, dass es gar keine Rolle spielt, was ich mit dem Text ausdrücken wollte.

Sobald der Text draußen ist, führt er ein Eigenleben, dann steht er für sich. So ist es bei dem Karl-Marx-Stadt-Ding auch gewesen. Wir haben uns ja nicht hingestellt und gesagt: „Okay, stellt uns Fragen zum Osten.“ Dieses Lied war im Prinzip ein Witz. Karl-Marx-Stadt steht als Geburtsort in unseren Ausweisen und ich habe einfach ein bisschen was über unsere Stadt geschrieben, über diese Attitüde, die man da aufgezwungen bekommt, dieses Verlierertum.

Wie habt ihr das persönlich erlebt?

Felix Kummer: Wir waren eine Klasse mit 25 Leuten. Zwanzig sind nach Berlin gezogen und fünf haben darüber einen Song geschrieben. Wir haben das sehr direkt erlebt.

Was suchen all die Leute in Berlin?

Felix Kummer: Selbstverwirklichung, Glück im Großen und Ganzen. Lebensqualität wird richtigerweise auch daran festgemacht, dass man abends weggehen kann, dass es ein kulturelles Angebot gibt. Was in Chemnitz weitgehend fehlt.

Wieso seid ihr dann geblieben?

Felix Kummer: Weil es unserer Meinung nach noch reizvoller ist, Kultur zu produzieren, als sie zu konsumieren. Und das kann man in einer Stadt wie Chemnitz besser, ohne Strukturen, ohne Connections.

Ostler müssen immer erklären, warum sie im Osten geblieben sind.

Felix Kummer: Wir werden das dauernd gefragt. Am Anfang haben wir das auch bereitwillig erzählt, dann irgendwann ärgerlich darauf reagiert und inzwischen denke ich, dass man das durchaus klarmachen soll. Ich fühle mich nicht als verantwortlicher Ost-Botschafter. Es geht mir nicht um irgendeinen Ost-West-Konflikt, sondern um den Konflikt Provinz-Stadt. Ich glaube, die gleichen Probleme gibt es auch in Augsburg.

Werdet ihr auf Tournee überhaupt noch als Ostler wahrgenommen?

Felix Kummer: Nee.

Steffen Israel: Dieses Ost-West-Ding gibt es immer noch, finde ich.

Felix Kummer: Echt?

Steffen Israel: Wenn wir zu Kumpels im Westen fahren, sind wir immer noch die Ossis. Das rufen die schon aus dem Fenster: „Die Ossis kommen!“

Und wenn nun Augsburger singen: „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt“, kommt euch das nicht komisch vor?

Steffen Israel: Überhaupt nicht, die projizieren das auf sich.

Felix Kummer: Das ist immer ein sehr emotionaler Moment. Wir waren gerade auf einem Festival, da haben die Leute nach dem Ende des Liedes angefangen, das immer wieder von vorn zu singen. Ich hatte mich gerade umgedreht, um einen Schluck Wasser zu trinken, als es losging: „Ich bin ein Verlierer Baby“. Das war echt krass. Wenn das andere singen, hört man erstmal richtig auf den Text. Dann bekommt das schon etwas Traurig-Euphorisches.

Ihr singt auch: „Ich will nicht nach Berlin“.

Felix Kummer: Das Lied ist entstanden, als wir in Berlin waren, um den Plattenvertrag zu unterschreiben und andauernd irgendwelchen Leuten vorgestellt wurden, die uns gesagt haben, ihr müsst unbedingt nach Berlin umziehen. Das war wie in Stein gemeißelt. Da wollten wir erst recht nicht.

Steffen Israel: Wir verstehen ja die Leute, die nach Berlin ziehen. Wenn ich was studieren will, das es nur dort gibt, dann muss ich eben nach Berlin, ist ja nachvollziehbar.

Wie kommt denn eine Band aus Chemnitz, die so vor sich hinmuckt wie tausend andere zu einem Plattenvertrag?

Steffen Israel: Ganz klassisch, jemand sieht’s, dem es gefällt.

Felix Kummer: Ich finde, du erzählst das zu kurz.

Steffen Israel: Wo soll ich denn anfangen?

Felix Kummer: Ganz vorn, beim Unterschied zwischen vor sich hinmucken und dem, was wir gemacht haben. Dir ist gar nicht bewusst, wie unnormal das ist, dass man als verspätete Schülerband wie ihr oder ich mit meinem Rap-Projekt total zielgerichtet gearbeitet hat. Man hat geprobt, dann hat man das selber aufgenommen, eine CD gepresst, anschließend ’ne Party gemacht, auf der man die CD verkauft hat, um die Kosten zu refinanzieren.

Das Geld wurde sofort in das nächste Projekt gesteckt. Das ging so zack, zack, zack, Schritt für Schritt. Am Anfang waren nur Kumpels da, die das unterstützt haben und langsam wurde es voller. Das habe ich bei uns schon immer als großen Unterschied empfunden gegenüber Leuten, die sich nur beschweren, dass nichts geht. Als wir zusammen dieses Kraftklub-Ding gemacht haben, war es auch so. Wir hatten ein Ziel.

Steffen Israel: Es ist dann auch ein Vorteil, wenn du nicht aus Berlin kommst. Da bist du nur eine von zehntausend Bands.

Nun seid ihr mit euren Liedern über die Provinz allerdings weit herausgekommen aus eben dieser Provinz, das ist ja eine schöne Volte der Geschichte.

Felix Kummer: Im September werden wir sogar zwei Wochen in Kolumbien spielen, auf Einladung des Goethe-Instituts. Ich weiß noch gar nicht, wie das gehen soll.

Wie ist das wenn ihr jetzt zurückkommt nach Chemnitz, hat sich die Stadt für euch verändert, nehmt ihr sie anders wahr?

Felix Kummer: Der Freundeskreis in Chemnitz hat sich nicht verändert. Da ist niemand dazu gekommen und keiner weggegangen.

Steffen Israel: Dadurch, dass wir öfter weg sind, sind wir auch lieber wieder da. Wie haben die Stadt mehr lieb gewonnen.

Felix Kummer: Man darf nicht vergessen, wie depressiv einen Chemnitz machen kann. Wie demotivierend es sein kann, wenn wieder irgendein Klub schließen muss oder irgendein Laden zumacht. Wenn wir heute zurückkommen, ist es für uns eher wie ein Kurort, ein Platz, an dem wir unsere Ruhe haben.

In dem Song „Mein Leben“ singt ihr: „Es läuft fantastisch, mein Leben hasst mich“. Wie ist das Leben denn so, in diesem Sommer?

Felix Kummer: Wir gehen ins Freibad. Wir können zeitig hin, wenn alle anderen noch arbeiten müssen. Da ist es schön leer. Wir schwimmen, spielen Basketball.

Steffen Israel: Du hast keinen Druck, musst nicht früh raus.

Wie wohnt ihr, jeder für sich?

Felix Kummer: Karl und ich wohnen in einer WG, Steffen drei Meter weiter.

Was würdet ihr einem Besucher in Chemnitz zeigen?

Steffen Israel: Keine Ahnung. Ich würde ihn mit zu mir nehmen, dann würden wir Kumpels treffen, abends irgendwo hin.

Felix Kummer: Man kann keine Sehenswürdigkeiten zeigen, da gibt’s keine tollen Sachen. Ich würde ihn mit ins Atomino nehmen, das ist unser Klub, damit er versteht, was es für uns so schön macht dort.

Als Tom Hanks neulich bei David Letterman zu Gast war, hat er ihm von seinem Ausflug nach Eisenhüttenstadt berichtet. Stellt euch vor, ihr seid während eurer ersten US-Tour bei Letterman eingeladen und er fragt, was Karl-Marx-Stadt bedeutet.

Felix Kummer: Ich würde erzählen, dass es eine Stadt ist, die zu DDR-Zeiten, als die Leute noch eingesperrt waren, florierte. Und dann, als die Mauer weg war, haben die Leute von ihrem Recht Gebrauch gemacht, zu gehen. Es ist eine Stadt, der man deutlich ansieht, dass dort einmal mehr Leute gelebt haben als heute.

Steffen Israel: Es ist komisch, wenn man alte Bilder sieht, von irgendwelchen Stadtteilen, wo heute kein Mensch mehr wohnt. Früher sind dort ganz viele Leute rumgelaufen, wie auf dem Ku’damm. Da denkt man schon, das war bestimmt auch nicht so schlecht damals.

Ihr seid 1989, 1990 geboren. Ist die Zeit davor für euch überhaupt zu begreifen?

Steffen Israel: Wir kennen das nur aus Erzählungen, DDR.

Und wie sind die Erzählungen so?Felix Kummer: Kommt drauf an, wie viel Zeit man hat. Am Anfang klingt alles lustig. Ein Land, in dem es absurde Berufe gab. Jeder musste irgendwas machen. Arbeitslosigkeit existierte ja nicht. Es wurde viel getrunken. Und es wurde zeitig getrunken. Generell schien Alkohol in der DDR immer ein Wörtchen mitzureden.

Steffen Israel: Wenn unsere Eltern erzählen, wie sie Party gemacht haben, klingt das genauso wie bei uns.

Felix Kummer: Wenn du mehr Zeit hast, kommt das Gespräch irgendwann auf die Stasi. Und dann ist es nicht mehr so lustig. Als ich jünger war, habe ich die Stasi immer so als Karikatur wahrgenommen. Aber dann kriegst du mit, dass komplette Freundeskreise kaputt gemacht wurden, Familien zerbrochen sind. Da merkst du, das muss schon ganz schön beschissen gewesen sein, in einem System zu leben, wo du weißt, dass du überwacht wirst, von Leuten, die keine guten Menschen sind.

Mit wem redet ihr darüber, mit euren Eltern?

Felix Kummer: Mit den Eltern und Großeltern. Die haben ganz unterschiedliche Geschichten. Es ist interessant, wie das variiert. Mein mittlerweile verstorbener Großvater hatte immer ein sehr gutes Bild von der DDR. Kein naives Bild, aber das System an sich und die Idee, die dahinter stand, war für ihn nicht prinzipiell schlecht. Ich glaube, dass es ihn ziemlich hart getroffen hat nach der Wende, dass man plötzlich der Trottel war, wenn man aus der DDR kam. Dass man an ein System geglaubt hat, von dem es jetzt hieß, dass es das falsche war. Wenn du gar nicht davon überzeugt bist, dass es falsch war, ist es schwierig, das so hinzunehmen. Für unsere Eltern war das bestimmt leichter, weil die von Anfang an der Meinung waren, dass es ein Quatsch-System ist.

Da müssen sich eure Eltern und Großeltern öfter in die Haare bekommen haben.

Felix Kummer: Bestimmt, welche Generation hat denn keine Konflikte mit ihren Eltern?

Zum Beispiel eure. Viele Eltern sind doch heute die besten Freunde ihrer Kinder.

Felix Kummer: Sicherlich gibt es nicht solche Konflikte, wie bei den 68ern, auch nicht wie bei meinen Eltern, aber jede Generation bekommt doch dieses Das-hätte-es-bei-uns-nicht-gegeben zu hören.

In eurem Klub hängen Bilder, die der Vater von Felix gemalt hat. Fühlst du dich da nicht wie im eigenen Kinderzimmer? Felix Kummer: Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass es komisch ist, mit unseren Eltern zusammen zu feiern. Es ist eher so, dass wir froh sind, da mit hinzudürfen. Denn die haben das alles mal aufgebaut.

Früher war es normal, dass man mit seiner Musik die Eltern nervt.

Felix Kummer: In der Pubertät habe ich Sido gehört. Diese Arschficksongs, das fanden meine Eltern auch nicht toll. Aber als Mittel zum Zweck war es super, dieser extrem übertriebene deutsche Gangsta-Rap, das war mein Punk.

Worüber streitet ihr mit den Eltern? Felix Kummer: Mittlerweile sind wir aus dem Alter raus, in dem man sich streitet. Und früher? Über irgendwas halt, Schule.

Steffen Israel: Man hat sich auch damals nicht über ernsthafte Dinge gestritten oder wegen Politik. Das waren Kleinigkeiten.

Weil du eben die 68er erwähnt hast. Ihr rebelliert eher nicht, oder?

Felix Kummer: Nö, man hört neidisch den Erzählungen zu. Wie das gewesen sein muss nach der Wende. Man wacht auf und keiner weiß, was los ist. Jeder kann machen, was er will. Überhaupt, so ein vom Volk herbeigeführter Systemzusammenbruch, das muss doch gigantisch gewesen sein.

Steffen Israel: Man hat heute keinen Grund zu rebellieren.

Felix Kummer: Ich muss nicht am 1. Mai nach Berlin fahren und Autos kaputt machen, nur um Autos kaputt zu machen.

Steffen Israel: Wir sind leider zu zufrieden, um gegen irgendwas rebellieren zu können. Es gibt auf jeden Fall genug schlimme Dinge auf der Welt, aber, tja...

In in dem Song „Zu jung“ heißt es: „Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt“. Welche Zeit wäre besser gewesen?

Felix Kummer: Die Achtzigerjahre auf jeden Fall. Möglicherweise nicht unbedingt in der DDR.

Steffen Israel: Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich jetzt lebe.

Felix Kummer: Ja, na klar, das ist ja auch nur so ein Gedanke.

Ihr singt: „Ich bin 20, einer ganzen Generation geht es ähnlich“. Wie geht es denn der Generation 20?

Felix Kummer: Ich habe mich schon gegrämt, dass ich diese Zeile geschrieben habe. Ich weiß nicht, wie es der Generation geht. Ich sehe mich auch kaum als deren Teil. Wir wollen uns ja gerade abgrenzen von den Leuten, die bei uns in die Diskotheken gehen, ihre Autos tunen und die Augenbrauen zupfen. Genau das ist wahrscheinlich unsere Generation.

Wie stellt ihr euch euer Leben mit 30 vor?

Felix Kummer: Dann machen wir wahrscheinlich irgendwas anderes.

Steffen Israel: Ich habe mir überhaupt nie Gedanken über die Zukunft gemacht. Das war schon immer mein Problem.

Felix Kummer: Das ist kein Problem, glaube ich.

Steffen Israel: Heute nicht, später sage ich dann vielleicht, ach, hätte ich mal früher drüber nachgedacht.

Felix Kummer: Das hängt auch damit zusammen, dass wir alle aus einem Umfeld kommen, wo keiner mehr das macht, was er mal gelernt oder studiert hat. Das ist einerseits ein bisschen beängstigend, aber auch beruhigend. Dass man weiß, ob ich nun ein Rockstar bin oder Germanistik studiere, im Endeffekt lande ich eh an der Bar.

Steffen Israel: Aber auf welcher Seite des Tresens, das ist die Frage.

Was ist für euch ein glücklicher Tag?

Steffen Israel: Heute. Weil wir alle unsere Kumpels sehen. Die haben extra einen Bus gechartert, um aus Chemnitz anzureisen.

Felix Kummer: Ich hatte gerade einen sehr glücklichen Moment, als ich meiner Mutter zwei Konzertkarten für Max Raabe geschenkt habe. Ich konnte, ohne mich in den Ruin zu stürzen, 160 Euro für zwei Tickets ausgeben, was ich absurd teuer finde. Die habe ich meiner Mutter einfach so geschenkt, ohne, dass sie Geburtstag hatte. Das war ein tolles Gefühl. Ich habe mal gelesen, Leute, die nicht abgeben können, werden niemals glücklich. Ich glaube, ich kann abgeben.

Das Interview führten Frank Junghänel und Rudolf Novotny.

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