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Kottbusser Tor Am Ende der urbanen Nahrungskette

Sieben Jahre dokumentierte Fotograf Matthias Steinkraus das Treiben rund um das Kottbusser Tor in Berlin. Entstanden ist eine Liebeserklärung.

Stadt
„Eine verunglückte städtebauliche Utopie.“ Foto: Matthias Steinkraus

Wenn die Sonne aufgeht, ist es immer am schönsten. Nicht, dass man vom Sonnenaufgang viel mitkriegen würde. Der rosafarbene Himmel verschwindet hinter den Plattenbauten im grauen Nichts. Aber wenn der Tag die Nacht verschluckt, wird die Vielfalt sichtbar, die dem Kottbusser Tor sein reizvolles, sein brüchiges Gesicht verleiht.

Die Straßenkreuzung im Berliner Stadtteil Kreuzberg ist wichtiger Verkehrsknoten und Amüsiermeile zugleich, familiärer Lebensmittelpunkt und Drogenumschlagplatz. Wer den Platz liebt, nennt ihn „Kotti“, wer keine Ahnung hat, sagt „sozialer Brennpunkt“ dazu.
Morgens, wenn die Sonne aufgeht, weht aus den Lieferwagen der Duft frischer Fladenbrote, die Männer mit schwarzen Haaren und dicken Bärten in die türkischen Bäckereien verteilen. Aus der Bar „Südblock“ stöckeln ein paar Transvestiten heraus, frisch geduschte Kreative schlurfen ihren Agenturen entgegen. Und aus der „Roten Rose“ krächzt die Musik vergangener Tage.

„Für mich steht die Rote Rose exemplarisch für das Phänomen der Berliner Eckkneipe“, sagt Matthias Steinkraus. Fast sieben Jahre hindurch hat er das Treiben in und um die Bar herum fotografisch dokumentiert. „Ich habe diese Eckkneipen immer als Schutzraum begriffen innerhalb einer verunglückten städtebaulichen Utopie“, sagt er.

Was in seinem neuen Bildband sichtbar wird, ist ein Mikrokosmos. Im Zentrum steht die prekäre Schicht, die aus den großen Stadtzentren verdrängt wird. Berlin, Kreuzberg, das Kottbusser Tor, die Rote Rose gaben also nur den Anlass für Bilder, die auch an anderen Orten der Republik hätten entstehen können.

„Anfangs war die Idee, sich nur auf die Rote Rose zu konzentrieren. Dann bin ich aber auf den Band ‚Café Lehmitz‘ gestoßen, eine Arbeit von Anders Petersen über eine Kneipe an der Reeperbahn“, sagt Steinkraus. „Der hatte das Thema eines einzelnen Lokals schon hervorragend abgehandelt, für mich gab es keine Notwendigkeit mehr, das nochmal in einem Berliner Kontext zu machen.“

Also hat sich Steinkraus konzeptionell herausgelöst aus der Kneipe, hat in der Gegend ums Kottbusser Tor herum nach Entsprechungen in der Architektur gesucht, Oberflächentexturen untersucht, Menschen porträtiert.

„Das Porträt ist ein wahnsinnig schwieriges Sujet“, sagt er. Gerade wenn es um das faire Abbild einer sozial schwachen Schicht geht. „Mit der Kamera, mit dem fotografischen Blick, glaubt man immer eine Bewertung, einen Befund für die Situation mit sich zu tragen.“ Bei keinem Bereich der Serie sei er mit so viel Feingefühl an die Auswahl gegangen wie bei den Porträts. Alle Motive, die es dem Betrachter unmöglich machen, dem Abgebildeten auf Augenhöhe zu begegnen, wurden aussortiert.

Geblieben sind 78 Bilder, neben den Porträts besagte Architekturfotos, Detail- und Momentaufnahmen. Über den Band aber manifestiert sich nicht nur inhaltlich das Thema der Veränderung, des Unsichtbarwerdens: Die Bilder in „Rote Rose“ sind unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, mit verschiedenen Kameras entstanden. „Auch technisch findet ja eine Verdrängung statt, weg vom Analogen hin zum Digitalen“, sagt Steinkraus dazu. Es geht um das Verhältnis, in dem das eine zum anderen steht. „Gesellschaftlich wie technisch sollte innerhalb des Projekts eine Echokammer entstehen.“

Die Entscheidung für die unterschiedlichen Spielarten des Mediums ist auch ein Zitat aufs Genre, „eine Abgrenzung zur sozialdokumentarischen Fotografie, derer ich mich formell zwar bediene, aber gegen die ich damit eben auch aufbegehre“. Die Aneignung soll den Kommentar mitliefern, Kritik durch Subversion also. So finden sich im Buch auch Bilder, die dem Betrachter bekannt vorkommen. Bekannt vorkommen sollen. „Eine Diskokugel kann man heute doch eigentlich nicht mehr bringen, das ist ein totgerittenes Pferd“, sagt Matthias Steinkraus. „Trotzdem ist die Kugel im Buch, so wie einige andere Motive, die die Bildpolitik der sozialdokumentarischen Fotografie zur Karikatur machen.“

„Rote Rose“ ist ein Kunstbuch, das nicht die Szene, die Menschen am Kottbusser Tor parodiert, sondern das Genre, das sie sonst zum Inhalt macht. Ein Band, der intim ist und doch fair bleibt. Kein Voyeurismus, bloß eine Liebeserklärung. An eine Kneipe von vielen. Und an ein Milieu, das sich aufzulösen droht.

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