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Konsumverzicht Ein Jahr Konsumstreik

Eine Berliner Agentur startet die Kampagne „Ein Jahr ohne Zeug“ und wirbt damit für einen Konsumverzicht. Die Initiatoren wollen ein Bewusstsein für die Herstellungsbedingungen schaffen.

Viele Konsumprodukte der westlichen Welt werden in Schwellenländern hergestellt, wie hier in Bangladesh - häufig unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Foto: REUTERS

Ein Jahr lang nichts kaufen? Keine Kleidung, keine Möbel, keine Elektronik? Für die meisten ist das undenkbar. Ein hohes Konsumniveau gilt als unabdingbar für das Wirtschaftswachstum, ohne das Industriestaaten in die Krise geraten, und viele Zeitgenossen glauben: Shoppen macht glücklich. Das Projekt der Berliner Kampagnen-Agentur „good:matters“ mit dem Titel „Ein Jahr ohne Zeug“ ist das Gegenmodell dazu. Dieses „Gesellschaftsspiel“ der besonderen Art fordert zu einem freiwilligen Konsumstreik auf. Ziel der Initiatoren Christiane Schwausch und Ben Toussaint ist es zwar auch, die Umwelt zu schonen.

Hauptsächlich aber geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die oft unmenschlichen und ökologisch schädlichen Bedingungen, unter denen viele Produkte hergestellt werden – wie Textilien in Bangladesh, Handys in China, Tropenholz-Möbel in Indonesien. Und Modelle für ein anderes Konsumverhalten auszutesten.

Die Regel sind einfach: Die Mitspieler dürfen 365 Tage kein „Zeug“ kaufen, also Gebrauchsgüter wie Klamotten, Handys, Möbel – und zwar weder neu noch gebraucht. Zwei „Joker“ für den Notfall allerdings gibt es. Sie dürfen eingesetzt werden, wenn etwas (subjektiv) Lebensnotwendiges kaputt geht und nicht anders beschafft werden kann als durch Kauf. Ob es nun der mp3-Player ist, der Milchschäumer oder der neue Bestseller von Michael Houellebecq. Die Joker sollen allerdings vor allem dazu anregen genau zu prüfen, ob das jeweilige Produkt für einen selbst wirklich wichtig ist – oder nicht.

Schwausch ist Juristin, Toussaint Ökonom. Sie starteten „Ein Jahr ohne Zeug“ mit einer Facebook-Seite, die Dreh- und Angelpunkt des Projekts ist (www.facebook.com/goodmatters.net). Die Resonanz war unerwartet groß. Über 2300 Interessierte haben die Seite „geliked“. Fast täglich gibt es dort neue Debattenbeiträge über Wachstums- und Konsumkritik, Ökologie oder Arbeitswelt. Eine genaue Kontrolle darüber, wer bei dem Kauf-Nix-Projekt tatsächlich mitmacht haben die Initiatoren nicht.

Verzicht fällt vielen schwer

„Es ist ja eine freiwillige Sache“, sagt die 31-jährige Schwausch. Aber sie schätzt, dass sich 2014 einige hundert Deutsche in dem Projekt als Konsumverweigerer getestet haben. Wie waren die Erfahrungen? „Manchen ist das Nicht-Kaufen sehr schwer gefallen, andern ganz leicht. Es war alles dabei“, sagt Schwausch. Der Kein-Zeug-Streik mache dem einzelnen bewusst, in wieweit bestimmte Konsummuster bereits fester Teil des eigenen Lebens sind. Die Berlinerin Tina Ruhner, die bei der Deutschen Umweltstiftung arbeitet und bei dem Projekt mitgemacht hat, berichtet: „Ich hatte in dem Jahr auffällig oft das dringende Gefühl, sofort neue Klamotten zu brauchen, obwohl der Schrank voll war. Und ohne die Spieregeln und Beobachtung wäre ich wohl auch welche kaufen gegangen.“ Für viele, so Schwausch, sei das Projekt wie eine Expedition in die Überflussgesellschaft gewesen. Die Mitspieler hätten erfahren, dass viele der Dinge oft schon vorhanden seien – im Freundeskreis, bei Nachbarn oder Verwandten.

Nachhaltiger Lebensstil

„Alles ist meist schon da und liegt ungenutzt in Schubladen oder auf Dachböden herum.“ Man müsse nur „fragen, fragen, fragen“. Zur Not könnten Online-Tauschplattfomen helfen. „Insgesamt gewöhnt man sich schnell an die Umstellung und macht positive Erfahrungen – man hat mehr Zeit, intensiviert Kontakte, wird kreativer“, so die Juristin.

Was hinter dem „Gesellschaftsspiels“ steckt? Die beiden Initiatoren glauben, dass es Projekte wie dieses braucht, um die Zwänge einer wachstumsfixierten Industriegesellschaft zu durchbrechen. Toussaint: „Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 sprachen sich in einer Allensbach-Umfrage acht von zehn Bundesbürgern für ein neue Wirtschaftsordnung aus.“ Die Ziele waren: Umweltschutz stärken, sorgsamer Umgang mit Ressourcen, stärkerer sozialer Ausgleich in der Gesellschaft. Aber: „Geschehen ist praktisch nichts, obwohl die Menschen durchaus wünschen, auf einen nachhaltigen Lebensstil umzusteigen.“

Die Analyse des Ökonomen: Wachstum gilt als unumstößliches Dogma, die Zusammenhänge von Konsum, Umwelt und Ausbeutung sind zu komplex, und vor allem: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er greift auf gewohnte Verhaltensmuster und Automatismen zurück, um den Alltag zu bewältigen.“ Ein Ansatzpunkt, um einen nachhaltigen Lebensstil salonfähig zu machen, sei es, Menschen, die sich verändern wollen, einen entsprechenden Anreiz zu geben. „Als Einzelkämpfer ist es schwierig, da wird man gerne in die Aussteiger- und Hippie-Ecke gestellt“, sagt Toussaint. Ein Wirtschaftsmodell ist „Ein Jahr ohne Zeug“ nicht. Die Frage, wie eine „Postwachstumsgesellschaft“ funktionieren könnte, wird nicht beantwortet. Schwausch, die jetzt schon im dritten Jahr „ohne Zeug“ lebt, räumt allerdings mit einem Verdacht auf: Der freiwillige Konsumstreik habe nichts mit Knauserigkeit und Selbstkasteiung zu tun. Sie selbst gibt nicht weniger Geld aus als früher, berichtet sie. Sie steckt die gesparten Euros in anderes – etwa gute, regionale Öko-Lebensmittel, sie geht mehr ins Kino, in Musikveranstaltungen oder ins Theater.

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