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Kommentar zum Knox-Prozess Die Hexenjagd

Der Fall der freigesprochenen Amanda Knox ist peinlich für die italienische Justiz, aber auch peinlich für viele Medien. Nach dem Kachelmann-Desaster zeigt sich wieder: Vorverurteilungen sind meistens ein Schuss in den Ofen.

Bedient Männerphantasien: Die Berichterstattung über Amanda Knox

Das Traurigste an diesem Fall ist, dass am Ende nur ein Fragezeichen übrig bleibt. "Amanda Knox ist frei", titelten Zeitungen am Montag weltweit, manche schrieben auch, sie sei unschuldig. Dabei steht nur eines fest: Das Berufungsgericht der italienischen Stadt Perugia hat die 24-jährige Amerikanerin Knox von dem Vorwurf freigesprochen, ihre Mitbewohnerin 2007 ermordet zu haben.

Das kann bedeuten, dass sie unschuldig ist, muss es aber nicht. Es zeigt vor allem, wie schlampig die Ermittler bei der Spurensicherung vorgingen. Offenbar lag ein BH des Opfers noch Tage nach der Tat in der Wohnung herum, laut einem Bericht des Spiegels hatten die Beamten nicht einmal die Handschuhe gewechselt, nachdem sie Beweisstücke angefasst hatten.

Am Ende blieb der Anklage weder ein Motiv, noch glaubhafte Zeugenaussagen. Nur Indizien und ein Kleinkrimineller, der für seine Beteiligung an der Tat verurteilt wurde, der aber sagt, er sei nicht allein gewesen und habe auch nicht getötet.

Die verworrene Lage des Ganzen hat Journalisten dazu veranlasst, im Laufe des Prozesses Knox' Schuld beziehungsweise Unschuld zu suggerieren. „Lasst Amanda Knox nicht frei“, titelte etwa das britische Murdoch-Blatt The Sun. In Deutschland hat sich die Bezeichnung "Engel mit den Eisaugen" durchgesetzt, die Bild verwendete, aber auch seriöse Zeitungen.

Die Metapher spielt darauf an, dass Knox zu Beginn des Prozesses wenig Emotionen zeigte, aber es geht um mehr. Es geht darum, dass ein Verbrechen grausamer wirkt, wenn eine unschuldig wirkende, hübsche junge Frau daran beteiligt war. Es geht um den Vorwurf von sadistischem Sex, von dem die Öffentlichkeit allzu gerne mehr Details erfahren hätte.

Das Bild von der gefallenen Engelin färbte auch auf den Prozess ab. Knox sei ein sexhungriger Teufel, warf ihr ein Ankläger vor und eröffnete damit die nächste Hexenjagd. The Sun veröffentlichte diese Neuigkeit typischerweise zusammen mit einem großformatigen Foto ihres Gesichts – wie üblich, unzensiert. Auch FR-Online zeigte solche Fotos wie fast alle deutschen Medien.

Knox' Freunde reagieren mit Gegenpropaganda

Im Laufe des Prozesses versuchten Knox' Freunde und Angehörige, auf der Fanseite „Amandadefensefund“ ein gegensätzliches Bild durchzusetzen. Eine Schulfreundin beschreibt sie dort als „klug und witzig, herzlich und loyal“. Links ist auf der Seite eine Taube zu sehen, rechts ein Foto, auf dem Amanda besonders unschuldig wirkt.

Manchmal übernahmen Zeitungen die Version des Engelchens, vor allem in den USA. Dort passte die Unschuldsversion zu dem Vorurteile, die italienische Justiz sei sowieso korrupt. Dass Knox einen Unschuldigen fast ins Gefängnis brachte, obwohl der erwiesenermaßen die Tat nicht begangen hatte– plötzlich nicht mehr so wichtig.

Knox selbst lernte offenbar auch dazu, präsentierte sich gegen Ende emotional und tränengerührt. Vielleicht gewannen auch wirklich ihre Gefühle überhand, wer weiß das schon?

In jedem Fall hätte es dem Prozess nicht geschadet, bei der Beschreibung der Beschuldigten etwas vorsichtiger zu sein und mehr Distanz zu wahren, um nicht unfreiwillig zu Akteuren in einem Theaterstück zu werden.

Gerade wir Deutsche hätten aus dem Fall des Jörg Kachelmann lernen können, dass es sinnvoll ist, vor dem eigenen Urteil erst einmal das Urteil des Gerichts abzuwarten. Im Fall Amanda Knox steht dieses jetzt; die Anklage hat zwar Berufung eingelegt, aber es ist unwahrscheinlich, dass die USA Knox nach ihrer Rückkehr an ein italienisches Gericht ausliefert.

Die Freigesprochene kann jetzt mit Interviews Millionen verdienen. Ihren zerstörten Ruf kann sie damit nicht zurückkaufen.

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