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Was soll das? Vom rassistischen Sportgerät

Ein Chanel-Bumerang für schlappe 1260 Euro erhitzt die Gemüter. Um den Preis geht es dabei aber nicht.

Bumerang
Wer’s braucht ... Foto: chanel onlineshop

Es soll ja Orte geben, tradierte Country Clubs in Connecticut zum Beispiel oder noble Tennisvereine zwischen dem Starnberger See und Baden-Baden, da kann man sich mit gelben Bällen gar nicht mehr sehen lassen. Ein schnödes Dreierset, für einen Fünfer im Sporthandel zu haben – das geht in solchen Kreisen gar nicht. Gut, dass es Chanel gibt: Die Pariser Luxusmarke verkauft nämlich auch Tennisbälle, weiß mit schwarzem Logo, vier Stück im ikonisch gesteppten Lederetui für 370 Euro. Das macht natürlich ordentlich was her, gerade wenn der verwöhnte Spieler noch den passenden Chanel-Schläger für 1450 Euro schwingt. Wie sich die schneeweißen Bälle mit dem ziegelroten Sandplatz vertragen – egal, Hauptsache Chanel.

Tennis ist aber längst nicht die einzige Sportart, die das Pariser Haus veredelt: Auch ein Beachball-Set aus Schlägern und zwei Bällen für 3170 Euro hat die Marke diesen Sommer im Angebot. Beim Stand-up-Paddling-Board mit CC-Logo spart man sich die Preisangabe im Onlineshop lieber gleich: „Preis auf Anfrage erhältlich“. Und dann gibt es da noch den Bumerang. Der kostet 1260 Euro und kommt selbstredend auch nicht ohne Logo aus. An dem edlen Teil aber erzürnen sich die Geister.

Einem breiteren Publikum, das sich für gewöhnlich eher selten auf der Suche nach Tennisbällen und Paddelbrettern durch den Chanel-Shop klickt, wurde das hölzerne Sportgerät durch Jeffree Star bekannt: Der US-amerikanische Make-up-Künstler postete am Montag ein Bild von seinem Chanel-Bumerang auf Twitter. Fast eine Million Follower hat Star, innerhalb von nur drei Stunden kommentierten 2300 davon den unbedarften Schnappschuss vom sommerlichen Luxusspaß im Park.

Das Urteil einiger Nutzer: Der Bumerang von einem Pariser Label – das ist Rassismus. Schließlich vertreibe der westliche Luxuskonzern damit ein Objekt, das australischen Ureinwohnern ursprünglich als Waffe diente. Dass der Bumerang seit Jahrhunderten überall auf der Welt als normales Sportgerät genutzt wird, scheint für die Kritiker unerheblich. Denn die Diskussion um kulturelle Aneignung – in Bezug auf Mode als „Fashion Kolonialismus“ betitelt – zieht seit einigen Jahren weite Kreise.

Der zentrale Kritikpunkt: Allein schon durch ihre Hautfarbe privilegierte Weiße stilisieren durch das Nutzen von Traditionen, Produkten, Stilen nicht-weißer Kulturen einmal mehr eine Überlegenheit. Schließlich können sie sich leisten, ein auf edel getrimmtes Symbol der unterdrückten Aborigines für 1260 Euro zu kaufen, es fröhlich durch den New Yorker Central Park oder den Englischen Garten in München zu werfen. Fragt sich nur, wo die Kritiker da eine Grenze ziehen wollen.

Ist es für Weiße noch in Ordnung, Baggy-Pants zu tragen, die maßgeblich von der afroamerikanischen Kultur geprägt wurden? Dürfen nur Angehörige der indigenen Völker Nordamerikas Mokassins tragen? Kann sich eine weiße Frau aus dem nächsten Indienurlaub beruhigt noch ein Fußkettchen mitbringen, oder ist sie dann Rassistin? Und mal unabhängig von der Mode: Was ist mit Einrichtungsgegenständen, Kunstobjekten, Nahrungsmitteln?

Die Kulturen schön getrennt, das eine den Schwarzen, das andere den Weißen – so funktioniert doch unsere Welt nicht mehr. Gott sei Dank! Ist es nicht die selbstverständliche Mischung der Kulturen, die eine vielseitige und offene Gesellschaft ausmacht? Egal in welche Richtung: Der Asiate, der stolz Dreadlocks trägt, der Afrikaner, der gern Schnitzel isst, der Europäer, der am liebsten Hip-Hop hört.

Als im Februar Prinz Samuel und Prinzessin Jacinta im nordrhein-westfälischen Ratingen als eines der bundesweit ersten schwarzafrikanischen Prinzenpaare der Karnevalsmeute entgegenjubelten, hat sich zumindest fern der rechten Szene doch auch niemand über eine kulturelle Aneignung echauffiert. Für Kritiker wird dieses Beispiel freilich hinken: Schließlich haben hier nicht Weiße eine vermeintlich schwarze Kultur imitiert, sondern quasi andersherum.

Und genau hier tut sich der tatsächliche Rassismus auf: Wer sich in Fragen der Mode, Musik und Lebensart schützend nur vor die eine Kultur wirft, der trennt im Kopf noch immer Schwarz und Weiß. Und wer in beide Richtungen ein Problem sieht, dem Europäer Hip-Hop verbieten und dem Afrikaner das Schnitzel madig machen will, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Genauso wenig wie jenen, die 1260 Euro für einen Chanel-Bumerang ausgeben oder mit 370 Euro-Bällen in Baden-Baden Tennis spielen.

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