Lade Inhalte...

Was soll das? Influencer oder Influenza?

Hartnäckig erobern die "Einflussnehmer" die erste Reihe bei den wichtigsten Fashion-Events. Bleibt nur zu hoffen, dass auch diese Grippewelle vorübergeht.

Klick, klick, machen die Influencer. Foto: REUTERS

bigimage[0]

Was war das früher schön, als man auf Messen und Modenschauen, auf Präsentationen und Podiumsdiskussionen noch unter sich war. Als sich Modejournalisten, Einkäufer und Marketingmenschen hermetisch abgeriegelt vor der Öffentlichkeit erst mal selbst ein Bild von Wert und Ware machen konnten, bevor sie Gesehenes dem großen Publikum mundgerecht servierten. Da hat sich das Fachpublikum um die kritische Auswahl und professionelle Sondierung des Angebots gekümmert, während der Konsument, bequem im Sessel versinkend, nur das Erlesene zu Gesicht bekam. Heute hat der Endverbraucher mehr zu tun: Er muss sich, zwar immer noch auf dem heimischen Sitzmöbel thronend, in der kunterbunten Warenwelt selbst zurechtfinden. Denn heute sieht er alles.

Zum Fachpublikum gesellen sich mittlerweile nämlich in beachtlicher Anzahl die sogenannten „Influencer“. Übersetzt „Einflussnehmer, gesprochen „Influenza“. Genau, wie die Grippe. Und ähnlich – so würden böse Zungen wohl behaupten – wie mit den Influenzaviren verhält es sich auch mit den Influencern. Sie kommen immer dann, wenn man sie gerade nicht gebrauchen kann, auf Messen und Modenschauen halt, auf Präsentationen und Podiumsdiskussionen. Und sie sind hartnäckig.

Neu ist das Phänomen der Influencer nicht, ist der Begriff doch auf das 2001 erschienene Buch „Influence: Science and Practice“ zurückzuführen, in dem Wirtschaftswissenschaftler Robert Cialdini entscheidende Eigenschaften der Einflussnahme aufschlüsselt. Allerdings: Mittlerweile sind die Influencer auf Modeveranstaltungen beinahe in der Überzahl, das hat zuletzt auch die Berliner Modewoche Mitte Januar gezeigt. Die zumeist quirligen und aufmerksamkeitsaffinen jungen Menschen scharen Zehntausende Fans auf Facebook, Instagram oder Snapchat um sich und nehmen so also direkten Einfluss auf eine große Gruppe potenzieller Kunden.

Quantität der Klicks

Das macht natürlich gerade die Modemacher heiß, die der Grippewelle Tür und Tore öffnen: Einen fleißig Bilder machenden und Videos postenden Influencer in die erste Reihe gesetzt, ist der Marke große Aufmerksamkeit gewiss. Blöd nur für die nunmehr in die zweite Reihe verwiesenen Einkäufer, Journalisten und Stylisten, in deren Blickfeld sich jetzt mehr und mehr kleine iPhone-Bildschirme drängeln. Was das Model dahinter gerade über den Laufsteg trägt, lässt sich allenfalls erahnen. Oder im Nachhinein auf den Social-Media-Profilen der Influencer recherchieren.

Und blöd auch für die Modefans und Kunden, die sich jetzt einer schier ungreifbaren Fülle an Informationen ausgesetzt sehen. Denn Bild und Video sind des Influencers Kapital. Also wird abgelichtet und hochgeladen, was das Zeug hält. Ist die neue Kollektion von Qualität? Hat der neue Trend Berechtigung und Bestand? Wird es Gezeigtes überhaupt in den Handel schaffen? Dem Influencer kann’s egal sein, für ihn zählt nur der inszenierte Augenblick, die Quantität der Klicks. Und das Fachpublikum in der zweiten Reihe? Das kann sich nur warm anziehen. Und hoffen, dass auch diese Grippezeit vorübergeht. Gesundheit!

Alle Kolumnen unter fr-online.de/was

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum