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Was soll das? Gereimte Gebote

Mit schlechten Gedichten – lässt sich gar nichts richten!

Reime gegen Hundekot
Voll normal! Foto: dpa

Auch wenn ich grundsätzlich mit Pumuckl, diesem herrlich anarchisch-widerspenstigen Kobold, einer Meinung bin, seine Losung „Was sich reimt, ist gut“ kann ich so nicht mittragen. Es gibt einfach zu viele schlechte Beispiele. Das fängt an bei Mike Krügers Gaga-Hit über den Nippel, der durch eine Lasche gezogen werden muss – und hört bei dem Schmähgedicht eines 76-Jährigen aus Idar-Oberstein auf eine Richterin noch lange nicht auf. Und ganz oben auf meiner persönlichen Liste jener Handlungen, die der Mensch mit dem Wort auf keinen Fall anstellen sollte, sind gereimte Hinweis- oder gar Verbotsschilder.

Sehr beliebt scheint der in Reimform erhobene Zeigefinger in den Sanitärbereichen dieses Landes zu sein, ob nun auf dem Kunden-WC im Baumarkt oder im Büro des Steuerberaters. „Wenn Du den Sitzplatz hier genießt und später an der Kette ziehst, dann ist das Wasser zwar geflossen, nur manchmal bleiben Sommersprossen“ lauten die ersten Zeilen eines schaurig-schönen Zweckgedichts, dem ich seit knapp 30 Jahren in diversen Abwandlungen an den unterschiedlichsten stillen Orten begegne.

Dass Klosetts mitunter verheerend aussehen, obwohl die lyrische Latrinensauberhaltungsanleitung gut sichtbar an der Tür hängt, darf wohl als Zeichen dafür gewertet werden, dass Menschen eben Mist bauen – selbst wenn sie lesen können. Und vermutlich auch mal von Mama oder Papa gezeigt bekommen haben, wie sich das Motto „Verlasse diesen Platz so sauber wie die Katz‘“ ganz ohne übermenschliche Anstrengungen leben lässt.

Nun lässt sich aus diesem kleinen Erfahrungsraum nicht die Aussage ableiten, Gedichte taugten zum Lernen nicht, siehe: Messer, Gabel, Schere, Licht! Aber wie kommt es, dass sich für etwas
zuständig fühlende Menschen des Reims bedienen, um andere
von Unerwünschtem abzuhalten? Oder sich diese wie gewünscht verhalten? Ist es Verzweiflung? Oder nicht doch unter sanft dahinplätschernder Zurechtweisung verborgene Anmaßung?

Im baden-württembergischen Singen am Hohentwiel hat jüngst ein schwurbelnder Schilderschreiber ein gereimtes Gebot verfasst, das nun ein Schild am Eingang des örtlichen Friedhofs ziert und hier in Gänze wiedergegeben werden soll, weil das Foto nur sehr klein abgedruckt werden kann. Also, aufgemerkt: „Gehst du mit dem Hund spazieren, ist er an der Lein’ zu führen. Geht nach hinten was verloren, bist Du zum Sammeln auserkoren. Ist Dir das alles ganz egal, kostet’s Bußgeld – voll Normal!“

Das lassen wir kurz sacken. Und halten uns dann auch gar nicht damit auf, dass dieses Gedicht im Innern nichts zusammenhält, es sich bei näherem Hinsehen gewissermaßen selbst tilgt. Zuallererst: Wer ungefragt duzt (ein schönes Wort), braucht schon mal gar nicht weiterzureden! Ein Mindestmaß an Förmlichkeit dürfen wir von einem Gebot doch erwarten. Dann: Das Versmaß ist zwar passabel, auch das Wörtchen „auserkoren“ verfehlt seine Wirkung nicht, indem es an die höheren Mächte gemahnt, die uns auf dem rechten Wege halten wollen – aber mit dem finalen „voll Normal“ wird auch der letzte Fetzen Ehrfurcht vor der angedrohten Buße vom Winde auf und davon getragen.

Schlimmer als gereimte Aufforderungen oder Erinnerungen an ein Verhalten, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, sind nur jene Hinweisschilder, die anheben mit der Anrede „Verantwortungsvolle Mitglieder“, „Mieter“ oder auch „Besucher“ werden dies oder das „nicht tun“, und dann mit dem Hinweis enden: „Allen anderen ist dies schlicht verboten!“ Andererseits: Lieber ein schlichtes Verbot als ein schlecht gereimtes Gebot.

Was meinen Sie, Pumuckl?

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