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Kolumbien Die verschwundene Stadt

Vor 30 Jahren brach der Vulkan Nevado del Ruiz aus und begrub mit einer Schlammlawine das kolumbianische Städtchen Armero und seine Bewohner. Wolfgang Kunath hat Überlebende in Lérida getroffen.

LATAM-ERUPTION-ARMERO-EVACUATION
Nur wenige Einwohner von Armero überlebten 1985 die Katastrophe. Foto: afp

Nein, wir hatten keine Angst“, wehrt Henry Diaz Velázquez fast ein bisschen unwillig ab, „es war doch einfach unvorstellbar, dass das passieren könnte!“ Heute, 30 Jahre später, ist es wiederum unvorstellbar, dass damals niemand Angst hatte. Denn das etwas passieren könnte – nein: dass etwas passieren werde -, davon war seit langem die Rede. Die Vorzeichen hatten sich geradezu dramatisch verdichtet: Schon seit Monaten registrierten die Geologen, dass die Erde am Massiv des Vulkans Nevado del Ruiz immer häufiger und immer stärker zitterte und bebte. Aus den Krateröffnungen des 5321 Meter hohen Gipfels trat mehr Rauch aus als üblich, der Schwefel färbte die Schneefelder des gewaltigen Gletschers gelb, der Berg jagte hohe Dampfsäulen in den Himmel.

Schon im September hatten die Behörden einen Evakuierungsplan ausgearbeitet, der aber in der Schublade blieb. Im Oktober veröffentlichten sie eine Karte der gefährdeten Gebiete, die jedoch kaum verbreitet wurde. Gut drei Wochen vor dem Ausbruch am 13. November 1985 legten italienische Vulkanologen ein Gutachten vor, in dem das Risiko eines Ausbruchs als außergewöhnlich hoch eingestuft wurde.

Ramón Rodríguez, der Bürgermeister des Städtchens Armero, nannte den Berg eine „Zeitbombe“. Er und andere Lokalpolitiker bedrängten die Regierung, etwas zu unternehmen. Aber in der Hauptstadt Bogotá wurden sie als Hysteriker abgetan. Und als am 6. November der Justizpalast in Bogotá von einem Guerrilla-Kommando gestürmt und von Sicherheitskräften zurückerobert wurde, wobei 98 Menschen ums Leben kamen, interessierte sich kein Mensch mehr für die Warnungen der Provinzpolitiker aus Armero.

Als später die Daten ausgewertet wurden, die die Seismografen in den Tagen vor dem Ausbruch aufgezeichnet hatten, sagte der Schweizer Bernard Chouet, einer der führenden Vulkanologen weltweit, der Nevado del Ruiz habe förmlich geschrien, dass er ausbrechen werde. Aber die, die vor dem Ausbruch die Daten auswerteten, waren zu unerfahren, um den Schrei zu hören. Und dass der Berg, den die Menschen seit jeher als den „schlafenden Löwen“ bezeichnen, kurz vor dem Ausbruch plötzlich weniger grummelte und rumpelte, schien darauf hinzuweisen, dass er nur kurz mal erwacht war und sich nun wieder zur Ruhe begeben wollte.

Henry Diaz Velázquez war am 13. November, einem Mittwoch, aus Bogotá nach Armero zurückgekommen. „Meine Mutter hatte dort noch zu tun, deshalb blieb sie, und deshalb ist sie noch am Leben“, sagt Diaz, der damals Anfang Zwanzig war. Bürgermeister Rodríguez hatte vor allem befürchtet, ein Ausbruch werde einen See weit oben am Berg auslaufen lassen. Deshalb „dachten wir immer an eine Überschwemmung“, sagt Diaz heute, „meine Familie fühlte sich relativ sicher, weil wir etwas erhöht wohnten“. Diaz verlor seinen Vater, zwei Geschwister, insgesamt 13 Familienmitglieder. Das Haus und seine Bewohner wurden kilometerweit mitgeschleift. Er hat nur überlebt, „weil Gott es wollte“, wie er es etwas ratlos ausdrückt.

„Am späten Nachmittag fiel ein ganz feiner Ascheregen, und es wurde furchtbar heiß, aber obwohl das ungewöhnlich war, hatte niemand Angst“, sagt auch Maria Dilia Varón, die damals Studentin war. Abends um neun begann ein Unwetter. Um halb zehn fiel der Strom aus, das Radio verstummte. Einige Zeit später hörte sie Schreie im Sturm. „Als ich vor die Tür ging, war da ein Riesen-Ding, gewaltig hoch, ein Monstrum mit ganzen Bäumen drin“, sagt sie, „und in der Dunkelheit habe ich Leute mit Laternen gesehen, wie sie in der Lawine verschwanden“.

Als hätte ihr eine höhere Macht Einhalt geboten, kam die Schlammlawine ein paar Meter vor dem Haus der Familie Varón zum Halten. Im anhaltenden Feuerschein der explodierenden Tankstelle sah Maria Dilia die Leichen, die in den heißen Schlammmassen steckten: „Schau nicht hin, sagte mein Vater zu mir“. Als der Morgen anbrach, stiegen sie aufs Dach, und erst da wurde ihnen das wahre Ausmaß der Zerstörung klar. Die Stadt war verschwunden: „Es sah aus, als ob die Welt aufgehört hätte“.

Die Schlamm- und Schuttlawinen, die sich bei früheren Ausbrüchen des Vulkans – er ist seit 1,8 Millionen Jahren aktiv – ihren Weg durch die Täler hinunter in die Ebene um Armero gebahnt hatten, erzeugten äußerst fruchtbare Böden, auf denen Kaffee, Baumwolle und Reis gediehen. Armero war deshalb eine relativ wohlhabende Stadt. Dass sie 1595 schon einmal von einer Eruption zerstört, dass sie bereits 1845 von einer Schlammlawine geschluckt worden war – natürlich war das für die knapp 30 000 Einwohner nur Geschichte, die nichts mit ihrer Gegenwart und ihren alltäglichen Leben zu tun zu haben schien. Und dass der fast immer in Wolken gehüllte Fünftausender der zweitaktivste Vulkan Kolumbiens ist, auch das schienen sie verdrängt zu haben.

Am 13. November 1985 und in den Tagen danach kamen etwa 23 000 Menschen ums Leben – über 20 000 in Armero, die anderen in kleineren Siedlungen benachbarter Täler, durch die sich andere Lawinen Bahn brachen. Seit dem Jahr 1500 haben weltweit nur drei andere Vulkanausbrüche mehr Menschenleben gekostet als der des Nevado del Ruiz 1985. Dabei war die Eruptionsmenge nicht einmal besonders groß. Die 35 Millionen Tonnen Gestein und Magma, die der Berg in der fatalen Nacht in den Himmel feuerte, waren nur etwa drei Prozent dessen, was fünf Jahre vorher der Mount St. Helens im Nordwesten der USA gespuckt hatte.

Aber die Hitze schmolz etwa ein Zehntel des damals noch rund 20 Quadratkilometer großen Gipfelgletschers, und erst dadurch gewannen die Schlamm- und Gesteinslawinen, die so genannten Lahare, ihr gewaltiges Volumen. Mit einem Tempo von zwischen sechs und zwölf Metern pro Sekunde brachen sie sich ihren Weg zu Tal. Der Ausbruch hatte um 21.09 Uhr begonnen. Vom Krater bis nach Armero hat es das „Riesen-Ding“, das die entsetzte Maria Dilia Varón sah, als sie gegen halb elf Uhr vor die Tür trat, knapp 50 Kilometer weit. Hätte es nicht gestürmt, wäre es Tag gewesen, hätte es ein funktionierendes Alarmsystem gegeben, wären vor allem die Warnungen nicht in den Wind geschlagen worden – wer weiß, ob sich die Bewohner der Stadt in diesen zwei Stunden nicht hätte retten können.

Das Schicksal der 13-jährigen Omayra Sánchez, die 60 Stunden lang buchstäblich vor den Kameras der Weltpresse um ihr Leben kämpfte und am Ende verlor, bewegte in den Tagen nach dem Ausbruch die Welt. Die Trümmer ihres Elternhauses hatten sie völlig verschüttet. Erst als es ihr gelang, eine Hand durch eine Spalte zu strecken, wurden Helfer auf sie aufmerksam. Man räumte den Schutt weg, sodass ihr Gesicht und ihr Oberkörper freikamen. Aber es gelang nicht, ihre Beine unter dem Schutt hervorzuholen. Sie weinte, sie betete, sie sprach mit den Reportern, und kurz vor ihrem Tod begann sie zu phantasieren. Das Foto, das der französische Bildreporter Frank Fournier von ihr machte und das später zum „World Press Photo“ 1985 wurde, löste weltweite Kontroversen aus, ob diese Dokumentation ihres Leidens ethisch vertretbar sei. Wie auch immer – nichts hat das Versagen der Behörden schärfer angeklagt als das millionenfach gedruckte Bild der Omayra Sánchez.

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Auch in den Jahren danach stand der Staat im Kreuzfeuer der Kritik. Korruption und bürokratische Exzesse verzögerten Hilfe und Aufbau. Eine Sonderbehörde namens „Resurgir“ – Wiedererstehen – brachte enttäuschend wenig zustande. Und Tausende lebten monate-, jahrelang in provisorischen Unterkünften, während die Behörden endlos berieten, wo sie was wieder aufbauen sollten. Die Verwandten von Henry Diaz Velázquez, die überlebt hatten, wurden „über halb Kolumbien verteilt“. Henry selber studierte ein Jahr lang Theologie, um Priester zu werden, gab dann aber auf. Er ist heute Fachlehrer für Religion und Sport und Kollege von Maria Dilia Varón, die nach der Katastrophe acht Monate lang bei Verwandten lebte, dann Pädagogik studierte und heute Spanisch und Englisch unterrichtet. Beide arbeiten in Lérida, zehn Kilometer entfernt vom verschwundenen Armero, am „Instituto Técnico Colombo-Alemán“, der kolumbianischen-deutschen Berufsschule.

Der Stuttgarter Karl Kästle war 1961 als blutjunger Exportkaufmann für sechs Jahre nach Kolumbien gekommen. Er hat das Land bis heute in sein Herz geschlossen, er ist Mitglied in einem „Deutsch-Kolumbianischen Freundeskreis“, und als die Nachricht vom Ausbruch des Nevado del Ruiz um die Welt ging, wollten Kästle und die etwa 160 Mitglieder des Vereins helfen. „Die Spendenbereitschaft war damals sehr, sehr groß“, erinnert sich Kästle, heute 75. So kamen über 700 000 Mark zusammen, mit denen in den folgenden Jahren die Berufsschule in Lérida gebaut wurde, an der heute Henry und Maria Dilia arbeiten.

„Wenn der Staat den Bau dieser Schule in die Hand genommen hätte, dann hätten wir sie bis heute noch nicht“, sagt Leonardo Prieto, der Direktor, unumwunden und fügt hinzu: „Es ist traurig, aber so ist es nun mal“. Die Regierung gab damals das Grundstück, der Bau wurde aus den Spenden errichtet. Anders als auf dem Foto der Einweihung 1989 stehen heute hohe, schattige Bäume um den mehrgliedrigen Schulbau, in dem knapp 600 Schüler unterrichtet werden. Holz- und Metallbearbeitung, Stromtechnik, Mechanik, in diesen Fächern werden die Absolventen geschult, die anschließend ihre Kenntnis im nationalen Berufsbildungswerk Sena vervollständigen.

„Daimler Benz AG Gaggenau, Masch. No. 5399“ steht auf einer der Drehbänke, die Kästles damaliger Arbeitgeber spendete. „Ja, die Maschinen funktionieren noch“, sagt Direktor Prieto. Aber selbst für den Laien wirken sie mittlerweile reichlich museal. „Sicher lernen die Schüler an diesen Maschinen das Grundsätzliche, aber natürlich ist die Entwicklung in der Industrie weitergegangen“, sagt einer der Fachlehrer, „wenn sie in den Beruf gehen, stehen sie vor computergesteuerten Maschinen, die sie nicht bedienen können“.

45 Millionen Pesos, schätzt Direktor Prieto, würde es kosten, die Ausbildungsmaschinen zu modernisieren – 14 000 Euro, „das ist unmöglich“. Und die Spender von damals? „Ja, die helfen immer wieder aus“, sagt Prieto, „aber ich will nicht drängen, es ist ja nun unsere Verantwortung“. Denn als die Schule 1989 fertig war, hat sie der kolumbianische Staat übernommen. Die einzige regelmäßige Hilfe aus Deutschland besteht heute aus einem Stipendienprogramm, das zurzeit 30 hervorragenden, aber bedürftigen Absolventen der Berufsschule einen kleinen Zuschuss zum Studium an einer der in Kolumbien saftig teuren Universitäten gibt.

Was macht man mit einem Flecken Erde wie dem, wo früher Armero stand? Die Stadt am selben Ort wiederaufzubauen schied natürlich aus. Also wurde sie, nachdem Papst Johannes Paul II. im Juli 1986 dort eine Messe gelesen hatte, zu einem Totenfeld erklärt, das den paradoxen Namen „Parque a la vida“, Park des Lebens, erhielt.

Es ist ein weitläufiges, von lichtem Wald und weiten Wiesen bestandenes Gelände, das seine traurige Geschichte nicht verbirgt. Denn man sieht die Ruinen der Häuser von Armero. Aber nur das obere Drittel. Das Untere ist im Boden verborgen. Und der Boden von heute, auf dem das Gras und das Unkraut sprießen und die Kühe weiden, ist die tödliche Schlammlawine von damals.

Omayra Sánchez‘ Grab ist zu einem Wallfahrtsort geworden. Omayra, wegen dir bin ich wieder gesund geworden, Omayra, du hast uns erhört: Zu Hunderten sind solche Schrifttäfelchen an den Mauern angebracht, die um ihr Grab herumstehen – der Volksglaube hat die 13-jährige zu einer Heiligen gemacht, die Wunder wirken kann. Und wo der Tempel ist, sind die Händler nicht weit. Sie bieten Rosenkränze und Kerzen und Omayra-Devotionalien an. Und an allen Verkaufstischen läuft die gleiche DVD: Omayra, die um ihr Leben kämpft, bis sie stirbt.

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