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Kölns Feuerwehrchef Ruhender Pol im Chaos

Wie Stephan Neuhoff, der Chef der Kölner Feuerwehr, den Einsatz am eingestürzten Stadtarchiv meistert. Von Tim Stinauer

09.03.2009 18:03
TIM STINAUER
Historisches Stadtarchiv in Koeln eingestuerzt
Erst die Menschen, dann die Bücher: Feuerwehrchef Neuhoff spricht vor der Presse. Foto: ddp

Die Stiefel lehmverschmiert, den Körper leicht nach vorne gebeugt, betritt Stephan Neuhoff das Podium der Pressekonferenz im Kölner Polizeipräsidium. Es ist Sonntagnachmittag. Für den Chef der Kölner Berufsfeuerwehr steht der schwerste Auftritt in der Öffentlichkeit an, seit vorigen Dienstag das Historische Stadtarchiv und zwei angrenzende Wohnhäuser eingestürzt sind. Neuhoff wirkt müde, er hat kaum geschlafen in den vergangenen Tagen. Ob er überhaupt noch stehen könne, wird er gefragt. "Ja, es geht noch, es geht", antwortet der 57-Jährige und lächelt gequält.

Vor Fernsehkameras und Radiomikrofonen muss er verkünden, dass einer der beiden unter den Trümmern vermissten Männer in der Nacht tot geborgen wurde. Sachlich beschreibt Neuhoff, wie der 17-jährige Bäckerlehrling Kevin K. im Schlaf überrascht worden und 16 Meter tief gestürzt sein muss, aus seiner Dachgeschosswohnung im Hinterhaus bis unter das Kellerniveau. "Das ist der Weg, den die Person genommen hat", erklärt er mit leiser Stimme. Vier Meter unter der Straßendecke, unter einem acht Meter hohen Schutthügel, haben seine Kollegen die Leiche des jungen Mannes gefunden.

So emotionslos seine Ausführungen klingen mögen, so sehr berührt den Branddirektor der Tod des Jugendlichen. Neuhoff, ein sportlicher Mann mit Schnauzbart und Halbglatze, ist selbst Vater von elf Kindern. "Zu wissen, dass da womöglich zwei Menschen unter den Trümmern liegen, das belastet mich schon", hatte er vor wenigen Tagen bekannt. Auch die Vorwürfe, die Feuerwehr habe sich mit der Rettung zu viel Zeit gelassen, treffen ihn hart. "Wenn wir irgendetwas von den Vermissten erkannt hätten, ein Körperteil oder ein Rufen, wir wären unter Lebensgefahr auf den Trümmerkegel gestiegen", versichert Neuhoff. Doch da sei nichts gewesen.

Also beschloss er: Die Sicherheit seiner 250 Einsatzkräfte geht vor. "Das war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je treffen musste." Schon einmal hat Neuhoff einen Feuerwehrmann bei einem Einsatz verloren. "Das war eine der schlimmsten Situationen, die ich je erlebt habe." Und in 30 Dienstjahren bei der Feuerwehr hat er sicherlich viel erlebt.

Neuhoff setzt sich mit seiner Besonnenheit durch. Das Einsturzgebiet wird zuerst stabilisiert. Es dauert drei Tage, ehe die Suche wieder aufgenommen werden kann.

Ruhig, hochkonzentriert, professionell - so beschreiben Mitarbeiter der Kölner Feuerwehr ihren Chef. Stephan Neuhoff ist beliebt unter den fast tausend Brandbekämpfern der größten Feuerwehr Nordrhein-Westfalens. In Fachkreisen zählt er zu den renommiertesten Brandbekämpfern in Deutschland. Und auch die Kölner schätzen den Krisenmanager. Auf einer Bürgerversammlung zu dem Unglück in der Severinstraße war Neuhoff am Freitag der einzige Vertreter der Stadt, der mit Applaus empfangen wurde. Sichtlich rang Neuhoff da um Fassung.

Der Diplom-Ingenieur gilt als besonnen und stressresistent. So wirkt er auch in diesen Tagen, wenn er von einer Lagebesprechung zur nächsten eilt, zwischendurch immer wieder den Einsatzort aufsucht und täglich den Journalisten Rede und Antwort steht. Geduldig und in einfachen Worten erklärt er dann die häufig komplizierten Einzelheiten "des schwierigsten Einsatzes meiner Laufbahn". Und es scheint, als habe er nicht mal Angst davor, zu betonen: "Kulturgut" zu bergen sei eine "Nebenerscheinung" des Einsatzes - für ihn zählt die Suche nach Verunglückten und die Sicherung der umliegenden Gebäude.

Was ihm im Beruf nie widerfahren darf, lässt sich im Privatleben nicht immer vermeiden - dass der gebürtige Kölner bei sieben Söhnen und vier Töchtern auch mal den Überblick verliert. "Einmal sind wir aus der Pizzeria gegangen und haben nicht gemerkt, dass noch einer auf dem Klo saß", erzählte seine Ehefrau Ingeborg einmal. Für Ausfahrten in der Familienkutsche mussten die Neuhoffs vor Jahren ihren Ford Transit umbauen. Nur dank einer Sondergenehmigung des Regierungspräsidenten benötigen die Eltern keinen Busführerschein.

Alle Kinder ließen sie auf die Namen von Heiligen taufen oder Menschen, die in der römisch-katholischen Kirche verehrt werden. Stephan Neuhoff macht keinen Hehl daraus, dass sein Leben vontiefer Religiosität geprägt ist. Seine Kinderschar betrachtet er als "großes Geschenk". Auch wenn seine Tage meist lang und die Nächte kurz sind. Erst recht in solch turbulenten Tagen wie diesen.

Wer Neuhoff am gestrigen Montag bei der täglichen Pressekonferenz der Stadt Köln gesehen hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass er zunehmend erschöpft wirkt. Die Sätze sind holprig, in manchem Moment erscheint Neuhoff fast zögerlich. Aber er hat ein Ziel. Und der Wille, dieses Ziel zu erreichen, gibt ihm die Kraft, weiterzumachen: "Ich will diese zweite Person finden - vorher habe ich keine Ruhe."

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