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Klimawandel Der Norden säuft ab, der Süden vertrocknet

Europa erlebt gerade extreme Wetterbedingungen. Der Klimawandel macht Starkregen und Dürren wahrscheinlicher.

Goslar
Land unter in Goslar. Der Marktplatz in der historischen Altstadt ist komplett überflutet. Foto: dpa

Auf dem Petersplatz im Vatikan ist es staubtrocken. Normalerweise plätschert das Wasser aus den beiden Barockbrunnen von Carlo Maderno und Gian Lorenzo Bernini, den Bildhauern aus dem 17. Jahrhundert. Aber am Montag ordneten die Behörden des Kirchenstaats an, die Hähne abzudrehen.

Insgesamt 100 Brunnen wurden in den folgenden Tagen abgeschaltet. Das war der Beitrag des Vatikans, um der anhaltenden Dürre in Rom etwas entgegenzusetzen. Diese Woche kündigte der Wasserversorger Acea außerdem an, den Römern ab Freitag die Hausanschlüsse abwechselnd bis zu acht Stunden am Tag abzudrehen. Jeder zweite Stadtbewohner dürfte von der Rationierung betroffen sein.

Der Grund: Der Bracciano-See – 40 Kilometer von Rom entfernt – hat beträchtlich an Wasser verloren. Der See ist nicht irgendein See, sondern Roms Notfall-Reserve, wenn es sonst kein Wasser mehr gibt. Der Notfall ist in diesem Jahr eingetreten: Um mehr als 3,2 Grad überschritten die Sommertemperaturen den Mittelwert von 1971 bis 2000. Nur 2003 war es heißer. Nicht mal die Hälfte der normalen Regenmenge fiel im Juni in der italienischen Hauptstadt.

Zur gleichen Zeit kämpfen 1500 Kilometer nördlich die Berliner mit Wassermassen. Am vergangenen Samstagabend verwandelten sich die Straßen der Bundeshauptstadt in Bäche und Flüsse. Keller liefen voll Wasser, Straßen wurden überspült, U-Bahnhöfe mussten wegen Kurzschluss-Gefahr gesperrt werden. Schon 268 Liter Regen kamen im Juni und Juli auf jeden Berliner Quadratmeter herunter – knapp die Hälfte dessen, was sonst in einem ganzen Jahr vom Himmel fällt. Bereits Ende Juni hat Berlin sintflutartige Regenfälle erlebt. Und diese Woche ging es mit Dauerregen weiter.

Ist das schon Klimawandel?

Ist das noch normal oder schon Klimawandel? Der Präsident der italienischen Region Latium, Nicola Zingaretti, lud jedenfalls via Fernsehen schon mal den Präsidenten der USA, Donald Trump, nach Rom ein, „damit er kapiert, was es bedeutet, wenn man Klimavereinbarungen nicht einhält“. Zu Recht?

Klimaforscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel (Geomar) haben im vergangenen September ein Zukunftsszenario ausgemalt, auf das die aktuelle Wetterlage in Mittel- und Südeuropa erschreckend gut zu passen scheint. In einer Studie beschrieben sie, wie die Rekord-Hochwasser an Elbe (2002), Oder (2012) und Donau (2013) mit der Erwärmung des Mittelmeeres zusammenhängen. Anhand eines Zirkulationsmodells der Atmosphäre untersuchten die Forscher, ob und wie sich die steigenden Wassertemperaturen des Mittelmeers auf die Niederschläge in Mitteleuropa auswirken. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die steigenden Temperaturen die besonders starken Regenfälle von Tiefdruckgebieten aus dem Mittelmeerraum noch weiter verstärken“, sagte Studienautorin Claudia Vološciuk.

Tiefdruckgebiete, die vom Mittelmeer kommend in Zentraleuropa zu Regenfällen führen, sind nach Aussage der Forscher nicht ungewöhnlich. Jedoch werde dieser Zyklus von Verdunstung und Niederschlag durch die steigenden Temperaturen im Mittelmeer erheblich verstärkt. Aus den Regenfällen würden so Extremniederschläge, die in den vergangenen fünfzehn Jahren zu den katastrophalen Überschwemmungen in Deutschland und Osteuropa geführt hätten. 

Höhere Niederschlagsmengen

Im Sommer erwärme sich das Mittelmeer bis zu viermal stärker als das Meerwasser im globalen Durchschnitt, so die Studie. Dementsprechend verstärke sich der Verdunstungseffekt – und somit die Wahrscheinlichkeit, dass es zu höheren Niederschlagsmengen kommt. Wenn die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre weiter zunehme, könnten die Oberflächentemperaturen des Mittelmeers noch mehr steigen, warnen die Studienautoren. „Dies könnte die Starkregenfälle in Zentraleuropa weiter intensivieren und damit Überschwemmungen noch größere Schäden verursachen lassen“, befürchtet Geoökologin Vološciuk. 

Was die aktuelle Wetterlage betrifft, sehen Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) eher ein Atlantiktief als Ursache. Das kreiselt derzeit über Mitteleuropa. In den Jahren zuvor konnten sich Hochdruckgebiete ab Ende Juni meist länger halten als in diesem Sommer.

Doch auch beim aktuellen Tief spielt die Erderwärmung sehr wahrscheinlich eine Rolle, obwohl sich die Wirkung nur schwer beziffern lasse, meint Klimaforscher Mojib Latif. Das physikalische Prinzip dahinter: Je stärker sich die Atmosphäre aufheizt, desto mehr Feuchtigkeit kann sie transportieren – Starkregenfälle wie jetzt nehmen zu.

Insofern haben dem Klimaforscher Mojib Latif zufolge nicht nur die Mittelmeertiefs „mehr Wasser im Gepäck“, sondern alle Tiefs, erklärt der Leiter der Forschungseinheit Maritime Meteorologie am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar). Pro Grad Erwärmung nehme die Luft sieben Prozent mehr Wasser auf – und zwar in Form von Wasserdampf.

Die Verdunstung des Mittelmeers sei dahingehend schon ausreichend untersucht, der Atlantik hingegen ein schwer zu fassendes Gewässer, räumt der Ozeanforscher ein. „Hier gibt es noch zu wenige Messstationen und die atlantischen Strömungen sind sehr viel komplizierter.“

Aber eines sei sicher: An den Starkregen wie jetzt in Berlin sollten wir uns also schon einmal gewöhnen. „Das wird zum Normalfall“, sagt Latif. „Was hier direkt vor der Tür zu beobachten ist, hat mit dem Klimawandel zu tun, denn mit ihm steigt hierzulande die Wahrscheinlichkeit von Starkregen“, warnte auch Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber auf der Konferenz des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen Ende Juni.

Das bestätigen auch die Meteorologen vom DWD. Sie rechnen damit, dass Deutschlands Wetter deutlich „abwechslungsreicher“ wird: Phasen der Trockenheit werden sich mit Phasen von heftigem Niederschlag abwechseln.

Dabei steht Deutschland in Sachen Extremwetter noch vergleichsweise gut da. Südeuropa leidet schon heute unter deutlich trockeneren Bedingungen. „Da ist der Klimawandel ein bisschen ungerecht“, sagt Latif. „Wo es jetzt schon trockener ist, wird es noch trockener.“

Etwa in Italien, das gerade mit der außergewöhnlichen Dürre kämpft. Allerdings ist daran nicht nur der Klimawandel schuld: Das Wasserleitungssystem, das zu Zeiten der Römer das modernste der Welt war, ist veraltet. Von Pumpstation bis Wasserhahn geht laut der Umweltorganisation Legambiente knapp die Hälfte des Wassers verloren.

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