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Kirchengalerie St. Agnes Johann, der Käufer

Als Kind verliert Johann König einen Großteil seines Augenlichts und wird trotzdem Galerist. Nach einer Operation kann er wieder besser sehen - und erwirbt eine Kreuzberger Kirche. Im Frühling 2013 soll der spektakuläre Ausstellungsort eröffnen.

St. Agnes mag für viele bloß ein Betonbau aus den Sechzigern sein. Für Johann König hat das Ensemble seinen besonderen Reiz: Es soll bald zu einem einzigartigen Kunstort werden. Foto: David Oliveira

Die Sache ist jetzt in der Welt. Sie verblüfft, sie provoziert Skepsis. Ein 30-Jähriger, der eine Kirche kauft! Viele sagen, dass sie Johann König bewundern für seine Tollkühnheit. Wo immer er jetzt auftaucht, in Berlin, Köln, Basel oder Wien, da fällt das Wort „Kirchengalerie“.

Schon wird in der Kunstszene der Vergleich mit der Londoner Tate-Turbinenhalle gezogen, wo spektakulärste Kunstaktionen stattfinden. König wehrt ab, solche Superlative sind ihm nicht geheuer. Er wagt zwar ein ungewöhnliches Projekt, möchte aber dabei schön auf der Erde bleiben, da, wo auch die meisten der Skulpturen seiner Künstler liegen.

Unlängst sitzt der junge Galerist in einer Auktion. Im Berliner Museum Hamburger Bahnhof lassen Künstler ihre Werke für das Christoph-Schlingensief-Projekt im afrikanischen Burkina Faso versteigern. König, in Jeans und Seemannspullover, bietet mit, er ersteigert für 22.000 Euro ein Gemälde von Katharina Grosse.

Sie ist eine von 20 mittlerweile als Aufsteiger geltenden Künstlern von Königs Galerie, zu der auch Alicja Kwade, Michael Sailstorfer und Jeppe Hein gehören. Der Auktionator freut sich über den stolzen Preis, der nun dem afrikanischen Operndorf zukommt und ruft überschwänglich ins Publikum: „Das Bild können Sie ja bald in einer Kirche sehen!“

Denkmalgeschützter Düttmann-Bau hinterm Moritzplatz

Johann König hat die Auktion dann alsbald verlassen. Er hat wenig Zeit, hat sich etwas vorgenommen, wofür der Tag 48 Stunden haben müsste. König ist gerade mal dreißig. Deutschlandweit einer der erfolgreichsten Galeristen sperrigster Konzeptkunst, Skulpturen und Installationen.

Und soeben hat er die Kreuzberger Kirche St. Agnes, einen denkmalgeschützten Düttmann-Bau von 1966, vom katholischen Erzbistum gekauft. Seit sieben Jahren gibt es da, mitten in einem 60er-Jahre-Neubaugebiet hinterm Moritzplatz, unweit des Jüdischen Museums und der Berlinischen Galerie, keinen Gottesdienst mehr, zu wenige Gläubige. Ähnlich erging es schon 20 anderen Berliner Kirchen. Die Zukunft ist säkular.

König sagt, es komme ihm auf die Raumgröße an. Die Werke seiner Künstler, die auf Biennalen, in Museen, bald auf der Documenta gezeigt werden, sind oft ausladend, und der Galerist, der fast alle Einnahmen gleich wieder in neue Kunstprojekte steckt, sagt: „Ich brauche Platz, viel Platz.“ Die Industriehalle zwischen Mitte und Kreuzberg, wohin die Kunstkarawane regelmäßig zu den Eröffnungen zieht, reicht nicht mehr.

Gläubig nur im Bezug auf Kunst

Eine Kirche als kommerzielle Galerie, Treffpunkt der Kunstgemeinde. Nun ist der neue Hausherr aber nicht mal getauft. Gläubig, lässt er wissen, sei er nur im Bezug auf Kunst. Die könne schon eine Art Religion sein. Für ihn sogar in einem ganz besonderen Maße: „Ich wollte eigentlich Künstler werden. Doch das war wegen meiner Augen genauso unmöglich, wie Kunstgeschichte zu studieren, das ist schließlich was ganz und gar Visuelles.“

Mit elf Jahren hatte Johann König einen Unfall, er spielte mit Knallkörpern, die direkt vor seinem Kopf explodierten. „Genau das, wovor sie im Radio kurz vor Silvester immer warnen!“, erzählt er. Ein Trauma; genau erinnern kann er sich an das, was passierte, nicht. Nur ans Krankenhaus, an die vielen Narkosen, die versäumten Schulstunden, die fehlenden Freunde in den Wochen danach. „Ich konnte nur noch ganz wenig sehen, und ich wusste, das bleibt jetzt immer so.“

Wie er das ausgehalten hat? „Die Blindenschule und der Alltag haben mir geholfen, nicht in Depressionen zu verfallen. Ich wollte doch unbedingt was mit Kunst machen! Und dann, am Ende der Schulzeit, hatte ich mir fest vorgenommen, Galerist zu werden.“ Das wurde er – ein sehschwacher Galerist.

Und würde es wieder werden. „Ich kannte ja viele Künstler; deren Themen vermittelten sich mir über Gespräche. Ich ließ mir alles ganz genau beschreiben, ich wollte wissen, warum sie dieses oder jenes Werk gemacht haben, in welchen Schritten, nach welchen Theorien, und warum sie das eine oder andere Material benutzten. Und was das alles bedeuten soll. Mich fasziniert der Diskurs über Kunst. Außerdem konnte ich alles anfassen, mit eigenen Händen prüfen.“

Und, setzt er hinzu, er vertraue auf seine Mitarbeiter, die Freunde, auch seine Frau Lena, die sei sowieso sein zuverlässiges „besseres Auge“.

Aus einer bekannten Kunstfamilie

Er hat sich in dieser Zeit immer mehr für Skulpturen und Objekte interessiert als für Bilder. Und er sagt, dass der Kontakt mit Künstlern für ihn das Normalste von der Welt gewesen ist. Sie waren bei seinem Vater im Büro oder kamen sogar ins Haus. Johann König, geboren in Köln, aufgewachsen in Frankfurt am Main, kommt aus einer bekannten Kunstfamilie, er ist der Sohn von Kaspar König, Direktor des Kölner Museums Ludwig. Johanns älterer Bruder Leo zählt zu den Newcomern der New Yorker Galeristenszene.

Und der Onkel, der den Neffen immer wieder ermutigt, heißt Walther König – der Kölner Kunstbuchverleger. „Er hat auch das Geld für den Start meiner ersten Galerie vor zehn Jahren vorgestreckt. Mein Vater war damals noch sehr skeptisch, aber Walther hat an mich geglaubt. Und jetzt ist es wieder so“, beschreibt König die Familienbande.

Dem Bruder in New York konnte er St. Agnes noch nicht zeigen. Und die Mutter? „Sie macht sich immer Sorgen. Seit meiner Hornhauttransplantation vielleicht ein paar weniger“, sagt er und lacht. Er sieht jetzt viel besser. „Ich werde freilich nie ein Auto steuern können Und ich werde mit meinen Kindern auch nicht auf einem Seil balancieren.“

Ein Journalist hat Johann König gefragt, ob er die gelungene Augen-Operation als Wunder begreife. Und der Kirchenkauf womöglich eine Art von Absolution sei? König amüsiert sich über die inzwischen kolportierte Hypothese, ihn zöge es mit St. Agnes in heilige Gefilde, weil er womöglich so für das Wunder an seinen Augen danken wolle.

Dieses wunderbare Licht

Trotzdem, sagt er, war es schon ein bisschen wie Eingebung, als er die „Sonderimmobilie“ auf einer Immobilienwebsite sah. Und dann mit einem Architekten in die Alexandrinenstraße fuhr. „Dieses Licht von oben, auf die Kunst, das ist es!“

Sechs Meter Deckenhöhe, an der Seite hohe bänderartige Fenster. „Wo gibt es schon solche Räume für Kunst?“, sagt er. Und richtet schon mal in Gedanken ein: das Hauptschiff für große, die zwei Seitenschiffe für kleine Kunstwerke, alles in allem 3500?Quadratmeter. Wenn König Leute in seiner Kirche herumführt, schleppt er das Düttmann-Buch mit sich herum.

Der Architekt, klärt er Besucher mit gewissem Stolz auf, entwarf auch die Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg und das Brücke-Museum. Behutsam blättert der Galerist die Seiten mit den Entwürfen für die Basilika in den kubischen Formen des „Neuen Bauens“ auf. Die Realität ist nicht eben schön, aber robust. Dicker gelbbrauner Wurfputz sitzt auch auf den Innenwänden. „Düttmann hat die Kirche eigentlich schon wie eine Galerie gebaut“, stellt König fest.

Drei Millionen Euro investieren

Mit großen Schritten vermisst er sein künftiges König-Reich. Der Fußboden ist abgenutzt und kaputt. „Da muss wieder komplett Stirnholzparkett rein!“ König trifft sich nachher mit Architekten. Rasch noch ein Schlenker über die Betontreppe auf die Empore: Hier wäre Platz für eine Bibliothek. Und aus der Sakristei soll das Galeriebüro werden. Und was wird aus dem Glockenturm? „Vielleicht das Büro eines Architekten, ganz extravagant“, sagt der Galerist.

Drei Millionen Euro muss er investieren. Und er wird sich für den Kredit tief verschulden. „Hoffentlich reicht’s“, sagt er lakonisch. Dann zeichnet er mit Händen in die Luft den Masterplan: Der Kreuzweg wird abgebaut, der Beichtstuhl, die Orgel, die Glocke. Die Kanzel ist schon weg. „Alle geweihten Dinge gehen ans Erzbistum, das ist so Vorschrift.“ König hält sich strikt daran, aber lustig ist die Vorstellung schon, aus dem Beichtstuhl würde eine Videokoje.

Im Frühling 2013 will er eröffnen. Ein Café schwebt ihm vor. Im Quergebäude wäre Platz für Ateliers. „Ich will Kreativität, keinen Einzelhandel, ins Stadtleben hineinwirken, keine Klause für Sammler. Künstler können nur in der Öffentlichkeit bekannt werden, nicht in einem elitären Klub.“

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