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Kino-Hit aus Frankreich Das Geheimnis von „Ziemlich beste Freunde“

Acht Millionen Menschen in Deutschland haben „Ziemlich beste Freunde“ gesehen. Dabei fehlt dem Film eigentlich alles, was einen Erfolg ausmacht. Wieso wird er trotzdem mit leuchtenden Augen nacherzählt? Während andere schon während des Abspanns vergessen werden?

21.04.2012 23:44
Rudolf Novotny
Omar Sy (l; Driss) und François Cluzet (Philippe) in einer Szene aus "Ziemlich beste Freunde". Foto: dpa

An einem Samstagabend, kurz bevor die Vorstellung beginnt, wird Nicole Grambow von einem der größten Erfolge der Filmgeschichte überrollt. Nicole Grambow steht hinter der Kinokasse im Filmtheater am Friedrichshain und versucht eine Karte auszudrucken, da verweigert der Computer plötzlich seinen Dienst. Systemabsturz. Eine halbe Stunde lang geht nichts mehr, genauso wenig wie in einem knappen Dutzend anderer Kinos, die zu derselben Kette gehören.

Es ist das erste Wochenende im Januar, jenes, an dem die Erfolgsgeschichte des französischen Films „Ziemlich beste Freunde“ in Deutschland beginnt. Eine Erfolgsgeschichte, die heute, nach drei Monaten und acht Millionen Zuschauern, immer noch nicht beendet ist. Und so wird das Werk auch die nächsten Freitag stattfindende Verleihung des Deutschen Filmpreises überstrahlen, dieses Klassentreffen der nationalen Kinobranche. Bereits die Vorführungen der dort nominierten Werke wurde in der Pressemitteilung unter dem Motto „Ziemlich beste Filme“ angekündigt.

Nicole Grambow ist stellvertretende Theaterleiterin, zuständig für Sonderveranstaltungen und die Personalplanung von 23 Mitarbeitern. Seit sechs Jahren arbeitet sie in diesem Kino, sie hat schon einige Filmwochenenden erlebt, an denen Massen von Zuschauern ins Kino drängten. Aber so wie diesmal war es noch nie.

„Normalerweise haben wir mit einem starken Start den Markt abgegrast, doch bei ,Ziemlich beste Freunde‘ kamen immer mehr Leute.“ Es kamen Pärchen und Familien, Junge und Alte, Cineasten und Menschen, die sonst nie ein Kino betreten. Es gab Vorstellungen, in denen viel gelacht wurde und solche, in denen die Leute Tränen in den Augen hatten. Ziemlich häufig gingen die Menschen nach dem Film zu Nicole Grambow und ihren Mitarbeitern und bedankten sich.

Erstaunlich simpel

Eine Wolke aus Popcorngeruch erfüllt das Filmtheater. In einer Stunde beginnt die Abendvorstellung, es ist die letzte für „Ziemlich beste Freunde“, ab morgen läuft der Film nur noch nachmittags – nach 14 Wochen. „Im Schnitt laufen Filme hier zwei bis drei Wochen“, sagt Grambow. „Aber für ,Ziemlich beste Freunde‘ habe ich heute schon wieder 39?Tickets verkauft. An einem Mittwoch.“ Grambow schüttelt fassungslos den Kopf, als wäre sie gerade Zeugin eines filmischen Wunders geworden. Und irgendwie stimmt es ja auch.

Die Geschichte, die dieses Filmwunder ausgelöst hat, ist erstaunlich simpel: Der aus dem Senegal stammende Kleinkriminelle Driss bewirbt sich pro forma um einen Job als Pfleger, damit ihm das Amt weiterhin Arbeitslosenunterstützung zahlt. Um an die notwendige Unterschrift zu kommen, geht er zu einem Bewerbungsgespräch, das in einer schlossähnlichen Villa stattfindet. Es ist der Hauptwohnsitz des vom Hals abwärts gelähmten, verwitweten Millionärs Philippe. Philippe findet Gefallen an dem respektlosen jungen Mann und stellt Driss gegen dessen ursprünglichen Plan und gegen alle Warnungen als Pflegekraft ein.

Damit beginnt eine Freundschaft, in der Philippe seinem Pfleger die Hochkultur nahebringt, während dieser ihn mit Marihuana und Prostituierten vertraut macht. Nach Autorennen, Gleitschirmfliegen, diversen Tanzeinlagen und einer Menge Gags verkuppelt Driss seinen Freund schließlich. Es ist ein Happy End, zumindest für einen der beiden.

Am Premierenwochenende sahen sich 290.000 deutsche Zuschauer diese Geschichte an, am Wochenende darauf 468.000. Am dritten Wochenende hatte der Film 614.000 Zuschauer. Am fünften knackte „Ziemlich beste Freunde“ die Vier-Millionen-Marke und war damit der erfolgreichste französische Film in Deutschland seit über zwanzig Jahren.

Am siebten Wochenende stieg die Gesamtzuschauerzahl auf über fünf Millionen, am neunten auf über sechs Millionen. Wie in vielen anderen europäischen Ländern lag „Ziemlich beste Freunde“ wochenlang auf Platz eins der Kinocharts. Bis heute haben fast acht Millionen Deutsche den Film gesehen. Das ist die Einwohnerzahl von Köln und Berlin und Hamburg und München – zusammengerechnet. „Dreiviertelmond“, von den für den Bundesfilmpreis nominierten Spielfilmen der erfolgreichste, sahen nur 334.682.

Auch das Buch ist ein Bestseller

Mittlerweile haben der Soundtrack von „Ziemlich beste Freunde“ und die dazugehörigen Bücher die Charts und Bestsellerlisten erobert. Aus dem Filmphänomen ist ein multimediales Phänomen geworden. Und als dann irgendwann Angela Merkel eine Vorstellung besuchte, demonstrativ begleitet von ihrem querschnittgelähmten Finanzminister Wolfgang Schäuble, da war der Film auch in der Politik angekommen.

Dabei fehlt ihm eigentlich alles, was einen Film zum Erfolg macht. Die Hauptdarsteller Omar Sy und Francois Cluzet sind hierzulande unbekannt, der Film ist weder ein Mehrteiler, noch die Adaption eines gefeierten Buchheldens wie Harry Potter, und auch ein großes Werbebudget hatte er zu Beginn nicht. Der Senator-Filmverleih, der die deutschen Rechte gekauft hatte, gab anfangs nur 170 Kopien des Films aus. Hollywood-Blockbuster wie Star Wars 2 starten mit mehr als tausend.

Ein Phänomen, ein Rätsel, ein Wunder! Und gerade deshalb prädestiniert für die Frage, die schon immer Heerscharen von Regisseuren, Produzenten und Drehbuchschreibern bewegt: Was macht einen Film erfolgreich? Warum gehen manche unter? Wieso wird der eine Film von Menschen mit leuchtenden Augen am Arbeitsplatz nacherzählt? Und wieso ist der andere vergessen, noch während der Abspann läuft?

++ Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was der Original-Pfleger über den Erfolg des Filmes denkt ++

Vielleicht muss man, um die Erfolgsformel von „Ziemlich beste Freunde“ zu entschlüsseln, nicht an der Kinokasse nachfragen, sondern bei einem Hühnerfarmer aus Algerien. Er heißt Abdel Sellou und ist kein schöner Mann. Klein, gedrungen, mit Bartschatten, fleischigem Nacken und abgeschorenem Resthaar. Wenn man ehrlich ist, sieht Abdel Sellou immer noch so aus, wie man einen Kleinkriminellen im Film besetzen würde. Auf jeden Fall aber ganz anders als der Pfleger Driss aus „Ziemlich beste Freunde“.

„Hätten Sie mich lieber auf der Leinwand gesehen als Omar Sy? Diesen großen, schwarzen athletischen Typ?“ Abdel Sellou lacht. Vor Kurzem hat er ein Buch geschrieben, deshalb sitzt er jetzt hier, an einem schweren schwarzen Schreibtisch in den luftigen Räumen eines Berliner Verlagsgebäudes in Berlin-Mitte.

Die Wahrheit hinter dem Filmwunder

Das Buch heißt „Einfach Freunde“. Es wurde nach dem Filmstart veröffentlicht und erzählt die wahre Geschichte hinter dem Filmwunder. Sellou sagt, es sei ein 250 Seiten langer Dankesbrief des ehemaligen Kleinkriminellen Abdel Sellou an Philippe Pozzo di Borgo, jenen Mann, den Sellou fast zehn Jahre pflegte, von Anfang der Neunziger an.

Vieles aus dem Buch findet sich in dem Film wieder. Sellou ist in einer Pariser Banlieue aufgewachsen, er bewarb sich nur pro forma, er hat den Witz und die angenehme Mitleidlosigkeit, wegen der ihn der querschnittgelähmte Millionär den anderen Bewerbern vorzog.

Auch die Autojagden, das Gleitschirmfliegen und die Treffen mit den Prostituierten haben stattgefunden. Genauso wie der Absturz als Grund von Philippe Pozzo di Borgos Lähmung und dessen märchenhafter Reichtum. Di Borgo entstammt einem alten korsischen Adelsgeschlecht und war bis zu seinem Unfall Geschäftsführer eines Champagnerherstellers.

Sogar das Happy End ist der Wahrheit nachempfunden. Was der Film aber nicht erzählt, ist vor allem eines: Wie di Borgos Frau Mitte der Neunziger an Krebs starb und der Multimillionär darüber in Depressionen versank, aus denen ihn sein Pfleger mühsam befreien musste. In dem Buch schreibt Sellou: „Monsieur Pozzo erholte sich nur langsam vom Tod seiner Frau. Sehr langsam… Manchmal überraschte ich ihn geistesabwesend und mit leerem Blick. Wie einer, der den menschlichen Freuden nur noch zuschaut und sie für sich selbst abgeschrieben hat.“

Sellou findet es nicht schlimm, dass dieser Teil der Geschichte ausgelassen wurde. „Hören Sie zu: Sie haben zwei Stunden, um einen Film zu machen, den die Leute lieben. Da können Sie nur ein Konzentrat zeigen.“ Er beugt sich vor. „Und ganz ehrlich: Ich habe trotzdem nicht an den Erfolg geglaubt.“

Wer wolle schon das Leben eines kleinen Arabers aus den Banlieues sehen, oder das Leben eines Querschnittgelähmten, sagt er, von zwei Menschen, die behindert sind, einer physisch, der andere sozial. „Die Leute wollen im Kino träumen. Das Negative interessiert normalerweise niemanden.“

Eine eigentlich unverkäufliche Geschichte

Das glaubte auch Philippe Pozzo di Borgo, der gelähmte Mann, der schon ein Jahrzehnt zuvor ein Buch über diese unwahrscheinliche Freundschaft veröffentlichte und in den nächsten Jahren erlebte, wie ein Produzententeam nach dem anderen an der Verfilmung scheiterte. Die ersten bekamen nicht genug Geld zusammen, weil Investoren das Risiko, einen Film über eine Behinderung zu drehen, als zu hoch einstuften. Die zweiten wollten die Behinderung in den Mittelpunkt des Films rücken, was di Borgo ablehnte, da er kein Mitleid wollte.

„Die dritten waren jene, die am weitesten auf das eingegangen sind, was wir beide wollten – was zugleich auch das größte Risiko war: einen Film, bei dem man lachen und weinen kann.“ Abdel Sellou grinst. „Aber selbst diese Produzenten haben sich geirrt. Zum Beispiel glaubten sie, das Publikum würde niemals einem komplett bewegungslosen Menschen folgen. Deshalb verlangten sie, dass der Film-Philippe doch, bitte schön, zumindest beide Arme bewegen solle.“

Die Produzenten konnten sich nicht durchsetzen. Im fertigen Film baumeln Philippes Arme schlaff herab. Bücher blättert er mit einem Stock im Mund um, Essen wird ihm von Driss auf der Gabel in den Mund gesteckt. Oder ins Auge, wenn der Pfleger gerade vom Hinterteil einer Hausangestellten abgelenkt wird. Die Gefühle von Philippe spielen sich nur in dessen Gesicht ab. In anderen Filmen zittern Menschen vor Wut oder Angst oder Glück. In „Ziemlich beste Freunde“ kneift Philippe ärgerlich die Augen zusammen, hebt skeptisch die Augenbrauen oder zieht aus Freude leicht die Mundwinkel nach oben. Mehr nicht.

Die Frage nach dem Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ ist damit auch die Frage, wie es ein Film schafft, eine eigentlich unverkäufliche Geschichte an den Mann zu bringen. Es ist der alte Konflikt zwischen Kunst und Kommerz. Die Kunst will aufrütteln, verstören, ihrer Zeit voraus sein und hat so per se keine Chance, die Massen zu erreichen.

Lachen und weinen

Was bei Filmen zum Problem wird, weil sie Geld einspielen sollen. „Ziemlich beste Freunde“ war von Anfang an auch der Versuch, diese beiden Stränge miteinander zu versöhnen. So viel Ambition geht oft schief, lässt den Film entweder zur einen oder zur anderen Seite kippen. Je nachdem wirkt er dann oberflächlich oder überladen. Doch bei „Ziemlich beste Freunde“ hat man keinen Augenblick das Gefühl, er wäre überambitioniert.

Wenn man Abdel Sellou nach dem Grund dafür fragt, dann erzählt er, wie er den kompletten Film zum ersten Mal gesehen hat. Es war im Oktober des letzten Jahres. Den Dreharbeiten war er aus dem Weg gegangen, genauso wie möglichen Interviews. Er hat nichts an dem Film verdient und auch sein Buch erschien erst nach dem Filmstart.

Und dann saß er am 18. Oktober des letzten Jahres in einem Kino auf dem Champs Elysee in Paris und sah plötzlich sein Leben Revue passieren. „Und ein Teil des Publikums hat geweint und ein anderer gelacht. Dann haben sie die Rollen vertauscht. Die, die gelacht haben, haben angefangen zu weinen und die, die geweint haben, haben angefangen zu lachen.“ Es war der Moment, in dem Abdel Sellou begann, an den Erfolg zu glauben. „Weil es nicht Komödie ist, die den Menschen nur gibt, was sie wollen, sondern klar wird, dass es sich um eine wahre, aufrichtige Geschichte handelt. Die Geschichte einer Freundschaft, die es normalerweise nie hätte geben dürfen.“

++ Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die Zuschauer "Ziemlich beste Freunde" lieben ++

Die Wahrheit also. Torsten Schulz nickt. Ja, dass „Ziemlich beste Freunde“ auf einer wahren Geschichte beruhe, sei natürlich das Sahnehäubchen. Schulz, geboren 1959 in Ostberlin, hat Erfahrung mit Wahrheiten, Geschichten und der Verbindung von beidem. Er ist Autor, Regisseur und Professor für Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Er schrieb Buch und Drehbuch für den Film „Boxhagener Platz“, der im Ostberlin der Sechzigerjahre spielt. Die Geschichte war zwar ausgedacht, doch Schulz hatte sich stark von seinen Kindheitserinnerungen inspirieren lassen. Begleitet von Lobeshymnen der Kritiker kam der Film 2010 in die Kinos – und hatte 180.000?Zuschauer.

Eine respektable Zahl für jemanden, der von sich sagt, dass Film für ihn den Widerstand gegen soziale Gegebenheiten beinhalte. „Einen Film wie ,Ziemlich beste Freunde‘ könnte ich vermutlich nicht schreiben.“ Schulz lächelt. Er sitzt in blauem Hemd und grünbrauner Cordhose in einem sanierten Altbau in Prenzlauer Berg, an dessen Wänden Bücherregale emporwachsen und Schränke, in denen sich Filmkassetten und Boxen stapeln.

Anspruchsvoll, ohne anzustrengen

Torsten Schulz sagt, „Ziemlich beste Freunde“ sei der Beweis, dass erfolgreiche Filme nicht schlecht sein müssen. „Die Story ist simpel, aber nicht seicht, denn sie geht gesellschaftliche Tabus an.“ Schulz hat den Film gesehen, als dieser gerade erst in Frankreich ein Erfolg war. Das Ausmaß der Beliebtheit in Deutschland hat ihn überrascht, der Erfolg als solcher nicht. Die Erfolgsingredienzien seien alle da: die Treue zu einem Genre, die Comedyelemente und die Sozialutopie. „Nach hundert Jahren Filmgeschichte haben sich bestimmte Erzählwege herausgebildet, nach denen beurteilt wird, was geht und was nicht.“

Sehr gut geht ein klassisches „Buddy-Movie“, bei dem zwei Typen sich zusammenraufen. Typen mit rauer Schale, vielen Eigenheiten und einigen Schwächen, die eher lustig sind und nicht verstörend breit ausgewalzt werden, die letztlich eine unerschütterliche Freundschaft finden, trotz aller sozialen Unterschiede. „Dabei ist der arme Arme gar nicht so arm. Er ist sogar besser dran als der arme Reiche. Es ist eine Sozialmetapher, und auch in Deutschland gibt es angesichts höher werdender sozialer Schranken die Sehnsucht nach Menschlichkeit.“

Wenn Schulz von den Elementen redet, die „Ziemlich beste Freunde“ so erfolgreich gemacht haben, wenn er in wenigen ruhigen Sätzen einen Baustein auf den anderen setzt, dann wirkt es für einen Augenblick, als sei alles ganz einfach. Man wähle ein Genre und ein großes soziales Thema und verarbeite beides mit einer Prise Leichtigkeit.

„Ziemlich beste Freunde“ gibt dem Zuschauer das Gefühl, anspruchsvoll zu sein, ohne ihn dabei anzustrengen. Es ist im Grunde dasselbe Prinzip, nach dem Biosupermärkte und „Live Aid“-Konzerte funktionieren. Der Konsument kauft das gute Gewissen gleich mit. Genuss ohne Reue. Im Supermarkt verdrängen wir, dass die Biobanane einmal um den halben Globus fliegen muss, um in den Supermarkt zu gelangen, und im Kino lassen wir uns wahre Geschichten erzählen, die in Wirklichkeit zu schön sind, um wahr zu sein.

Es gibt keine Erfolgsformel

Torsten Schulz zählt nun auf, was dem Film fehlt. Die Fallhöhe sei niedrig. „Wie viel spannender ist die Figur des Pflegers im Original! Ein kleiner, dicker Araber, ein Kleinkrimineller, der auch noch so aussieht.“ Die Freundschaft im Film sei vorhersehbar. „Die Charaktere kommen viel zu schnell ins Einvernehmen.“ Und dann die Klischees! „Der Film strotzt davon. Zum Beispiel Driss, der als Schwarzer eine großartige Tanzeinlage gibt und alle tanzen mit.“

Schulz lehnt sich zurück. Die Wahrheit? „All diese Dinge sind Konzessionen an das Publikum. Der Film ist ziemlich gut. Aber er ist nicht groß. Außerdem hätte mich die wahre Geschichte mehr interessiert.“ Es klingt nicht vorwurfsvoll oder enttäuscht. Eher wie eine Feststellung.

Torsten Schulz hat keine Illusionen darüber, wie ein Film entsteht. Er kennt Verleiher, die wie Junkies vor ihren Computern auf Zahlen warten und auch die Gier vieler Produzenten nach dem Erfolg, ihre Scheu vor dem Risiko. „Ich gebe Brief und Siegel, dass bestimmte Produzenten jetzt gerade in ihren Studios sitzen und versuchen, einen Film wie ,Ziemlich beste Freunde‘ zusammenzubasteln. Mit allem was dazugehört: eine unwahrscheinliche Freundschaft, ein paar Gags und ein bisschen Soziales.“ Aber Erfolg am Reißbrett zu entwerfen, gehe immer schief. „Es gibt keine Erfolgsformel.“

Zum Selbstläufer geworden

Der Mann, der dennoch nach der Formel für den Erfolg eines Filmes sucht, sitzt 400 Kilometer weiter in Münster und sagt am Telefon: „Die Zeiten des Bauchgefühls sind vorbei.“ Seit Ende der Neunziger beschäftigt sich Thorsten Hennig-Thurau mit dem Erfolg und Misserfolg von Filmen. Thurau ist Professor für Marketing und Medien, ein Wirtschaftswissenschaftler. Er gewinnt seine Erkenntnisse aus Daten. Sein Ziel: „Wir wollen das Phänomen Filmerfolg verstehen. Die Filmbranche braucht Sicherheit wie jede andere Branche auch.“

Dafür haben Thorsten Hennig-Thurau und sein Team in einer Datenbank über 2000 Filme aus Deutschland und den USA gesammelt und sie jeweils in 300 Variable zerlegt, die das Einspielergebnis eines Filmes beeinflussen. Es gibt eine Variable für Filmstars und eine für das Marketingbudget und noch eine andere für das Renommee des Regisseurs.

Sogar die Qualität des Drehbuchs hat eine eigene Variable. Mit ihnen übersetzt Hennig-Thurau die Filme in eine Formel. Die Formel für den Film „Spider-Man 2“ lautet beispielsweise: BEV= (RPS – RPO) x .4886 = 52.67, und ihr Ergebnis besagt, dass ein Film der Spider-Man-Reihe 53 Millionen Dollar mehr einspielt, als ein identischer Film, der kein Teil der Reihe ist.

Im Unterschied zu einem Film wie Spider-Man seien für den Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ vor allem solche Faktoren entscheidend gewesen, die nach der Premiere eine Rolle spielen, sagt Hennig-Thurau. Mund-zu-Mund-Propaganda etwa. Und irgendwann, wenn ein Film richtig viel Erfolg habe, dann würde er zum Selbstläufer werden, dann wollten ihn alle sehen, einfach weil ein Film mit so vielen Zuschauern etwas Besonderes sein müsse. Und genau das sei bei „Ziemlich beste Freunde“ passiert.

Einfach echt

Diese Art von Erfolg könne man nicht vorhersagen. „Wer das behauptet, ist ein, nun ja, ich will nicht ,Hochstapler‘ sagen?…“, Hennig-Thurau lacht. „Dieser Film ist ein statistischer Ausreißer, wie ‚Titanic‘, ‚Avatar‘ oder ‚Blair Witch Project‘.“ Auch mit den besten mathematischen Modellen wäre man höchstens auf 1,5 Millionen Zuschauer gekommen. „Ziemlich beste Freunde“ habe einen Nerv getroffen, sagt Hennig-Thurau. Ein Gefühl. Seiner Wissenschaft sind die Formeln ausgegangen.

Die letzte Abendvorstellung von „Ziemlich beste Freunde“ im Filmtheater am Friedrichshain ist beendet. Zuschauer tröpfeln aus dem Saal. Lächelnd, nachdenklich, leise. „Freundschaft, Zuneigung, Rücksichtnahme“, sagt ein alter Mann. „So könnte die Welt auch sein.“ Zwei Frauen gehen an ihm vorbei, Mutter und Tochter, beide Lehrerinnen. „Ich habe selten so einen lustigen Film gesehen“, sagt die eine. „Lustig und nicht oberflächlich“, die andere.

Ganz am Ende, nachdem alle schon weg sind, kommt eine Familie aus dem Kino, eine Mutter mit drei Kindern, zwei Jungen und ein Mädchen, elf, vielleicht zwölf Jahre alt. Das Mädchen hat sich bei der Mutter untergehakt, vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Sie ist gehbehindert, ihr Bruder schiebt einen Rollstuhl neben ihr her.

Auf einmal, als habe er sich plötzlich anders besonnen, setzt er sich in den Rollstuhl seiner Schwester und rast damit über den Gang, nach vorne, nach hinten, dreht sich einmal im Kreis, bremst, hält an und grinst. Die Mutter sagt, das mache ihr Sohn gerne, wenn er sich langweile. Seine Schwester läuft vorsichtig weiter. Sie sei in Gedanken immer noch bei dem Film, der ihr so gut gefallen habe wie kaum ein anderer, sagt sie. Weil er so echt sei.

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