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Kindsmord „Eine Bindung wird nicht aufgebaut“

Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke spricht im Interview über Neonatizide - Morde an Neugeborenen durch die Eltern.

Babyhand
Normalerweise bauen Schwangere eine Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind auf. Bei ungewollt Schwangeren ist das oft nicht der Fall. Foto: imago

Frau Benecke, was geht in einer Mutter vor, die ihr Baby tötet?
Von der Mutter begangene Neonatizide sind fast immer die Folge einer verdrängten oder verheimlichten Schwangerschaft. Verdrängt bedeutet, dass die Mutter Anzeichen nicht wahrnimmt oder umdeutet. Eine verheimlichte Schwangerschaft wird zwar von der Mutter irgendwann bemerkt, sie entscheidet sich aber, sie zu verstecken. Verheimlichte Schwangerschaften sind häufiger Hintergrund entsprechender Kindstötungen als wirklich verdrängte.

Aber es gibt ja Hilfsangebote für ungewollt Schwangere.
Die tatsächlich verdrängenden Frauen haben häufig im Laufe ihrer Biografie noch stärker als die verheimlichenden Frauen die Tendenz entwickelt, unangenehme Sachverhalte und Gefühle auszublenden. Das wird auf die Schwangerschaft übertragen. Hilfsangebote anzunehmen, erfordert eine Auseinandersetzung. Auch bei einer Verheimlichung sind die Hintergründe oft Bewältigungsprobleme. Negative Gefühle, Situationen und Konflikte, die eine Schwangerschaft in Job oder Umfeld mit sich bringen kann, werden bewusst vermieden. Eine Bindung zum Kind wird nicht aufgebaut.

Gibt es Anzeichen?
Die Frauen beginnen häufig bewusst zur Täuschung des Umfeldes weitere Kleider zu tragen, klagen beispielsweise über allgemeine Gewichtszunahme. Manche Frauen ändern unbewusst ihre Körperhaltung, sodass die Veränderungen des Bauchs auch für sie selbst weniger sichtbar sind. Zuweilen erleben sie leichte Zwischenblutungen, die sie als Periode deuten. Bei verdrängten Schwangerschaften werden selbst die Geburtswehen als unerklärliche Unterleibsschmerzen gedeutet und die Geburt erfolgt für die Mutter völlig unvorbereitet und unverständlich, oft im Bad. Das führt zu Panikreaktionen. Das Gefühl ist da, die Mutterschaft sei ein unlösbares Problem. Und dieses Gefühl leitet dann die Situation.

Gibt es Präventionsmöglichkeiten?
Die Verheimlichung der Schwangerschaft gelingt häufig nicht gänzlich. Untersuchungen legen nahe, dass fast die Hälfte der betroffenen Frauen sich im Vorfeld mindestens einem Menschen bezüglich der ungewollten, verheimlichten Schwangerschaft offenbart haben.

Ein sensibel geführtes, Hilfe anbietendes Gespräch kann da zu Beginn sehr hilfreich sein. Wenn sich der Verdacht einer verheimlichten oder verdrängten Schwangerschaft erhärtet, sollte unbedingt mit der betroffenen Person über bekannte Hilfsangebote gesprochen werden.

Interview: Jonah Lemm

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