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Kindesmissbrauch Opfer einer Schandtat

15 Jahre war er alt, als ihn ein Priester missbrauchte. 25 Jahre lang hat Markus Zedlitz geschwiegen. Nun erzählt er seine Geschichte, um anderen zu helfen. Katharina Sperber hat sie aufgezeichnet.

10.02.2010 00:02
Opfer einer Schandtat. (Symbolbild) Foto: photocase

Warum ich?

Warum musste ausgerechnet ich von einem katholischen Priester missbraucht werden? Diese Frage bewegt mich bis heute, mehr als 25 Jahre nach der Tat. Und die Frage verschwindet auch nicht ganz, obwohl ich den Täter angezeigt und ihm eine kleine Entschädigung abgetrotzt habe.

Ich wurde in den 60er Jahren als dritter von vier Söhnen in eine mittelständische Familie im Münsterland geboren. Meine Eltern waren religiös und gingen in unserer kleinen Heimatstadt zur katholischen Kirche. Sie waren sehr fleißig, bauten ein Einfamilienhaus und hatten alle Hände voll zu tun, unsere Familie durchzubringen. Als Drittgeborener lief ich immer unauffällig mit. Ich trug ohne Murren die Hosen, Hemden und Pullover, aus denen meine älteren Brüder herausgewachsen waren. Ich fuhr die Fahrräder meiner Brüder, die gegen neue, bessere ausgetauscht wurden. Ich bekam ihre Schallplatten, auf denen schon Kratzer waren. Ich fühlte mich wie eine Art Kopie der Älteren.

Im Sport konnte ich meinen Eltern und Brüdern beweisen, dass auch ich etwas Besonderes war. Denn ich konnte schnell schwimmen. Malen konnte ich auch gut, oft setzte ich mich aufs Rad, hatte Zeichenblock und Stifte dabei und fuhr in die Wiesen und Wälder, um zu zeichnen. Aber meine Brüder konnten auch gut malen. Und so interessierte sich niemand in der Familie wirklich für meine kleinen Werke. Außerdem engagierte ich mich in der Kirche als Messdiener und Lektor - das sind diejenigen, die in der Messe der Gemeinde aus der Bibel vorlesen.

Als ich 14 Jahre alt war, kam in unsere Gemeinde ein neuer Diakon, ein etwa 30-jähriger Theologe in praktischer Ausbildung, der irgendwann als Priester eine eigene Gemeinde übernehmen würde. Er war anders als die Geistlichen, die ich bis dahin kannte: Er trug bunte Pullis mit Querstreifen, die ihn in seinem Körperumfang noch kräftiger erscheinen ließen, als er ohnehin schon war. Er hatte stets einen lockeren Spruch parat. Plötzlich war es sogar erlaubt, in der Sakristei Witze zu machen.

Der Mann schien mich besonders in sein Herz geschlossen zu haben, er lud mich zu sich nach Hause ein und sprach, obwohl er ja mehr als doppelt so alt wie ich war, wie ein Vertrauter zu mir. Schon bald machte er sich auch mit meiner Familie bekannt, vergleichbar einem Freund, der auch einen guten Eindruck bei den Eltern machen will. Er besuchte uns zu Hause, saß bei uns am Tisch und gerierte sich gern als Alleinunterhalter. Alle lachten über seine Späße. Frauen am Tisch übersah er einfach - ausgenommen meine Mutter, wenn sie ihm beflissen Kaffee nachschenkte oder ihm ein weiteres Stück Kuchen anbot. So schlich er sich ins Vertrauen der ganzen Familie.

Irgendwann begann er, mich nach Essen und Duisburg ins Theater oder in die Oper einzuladen. Ich fühlte mich ernst genommen und vor den anderen Jungen ausgezeichnet. Endlich war ich mal etwas ganz Besonderes. Natürlich zahlte der Diakon immer alles: die Fahrten mit dem Auto, die Eintrittskarten. Ich hätte mir das als 14-Jähriger ja nie leisten können.

Eines Tages nahm mich der Diakon bei einem unserer Besuche in der anonymen Großstadt in Pornoläden mit. Er zeigte mir "Gazetten", wie er die Schmuddelhefte nannte, in denen nur spärlich bekleidete oder ganz nackte Knaben hingestreckt auf Betten oder sich räkelnd am Strand zu sehen waren. Mir war gar nicht wohl in meiner Haut. Aber ich wollte nicht unhöflich sein und das Vertrauen des Diakons verlieren. Also heuchelte ich Interesse - und damit saß ich in einer Falle. Denn jetzt hatten der Diakon und ich nicht nur das gemeinsame Geheimnis der Besuche in Pornoläden, sondern ich wusste plötzlich: Der Diakon ist schwul.

In den folgenden Monaten berührte er mich noch häufiger als sonst. Er legte seinen Arm um mich, umfasste meine Knie oder schmiegte sich an mich. Ich ließ das alles passiv über mich ergehen, schließlich bezahlte der Diakon die Museumsbesuche, die Theaterkarten und die Fahrten in die Stadt. Er stellte mir gegenüber Mutmaßungen über meine Brüder oder andere Jungen an, ob sie vielleicht nicht auch homosexuell seien - "latent natürlich", sagte er immer. Wahrscheinlich klappe es auch deswegen mit den Mädchen nicht so gut. Über Frauen sprach er meist abfällig.

Dann zog der Diakon nach Kevelaer am Niederrhein und kam dort in eine Pfarrei. Wir schrieben uns Karten oder wir telefonierten dann und wann. Ich freute mich über die anhaltende Aufmerksamkeit des Priesters und verdrängte die unangenehmen Besuche in den Pornoläden und die unangebrachten Umarmungen.

Es dauerte kein Jahr, und der Priester lud mich nach Kevelaer ein, wo er sich im Pfarrhaus eingerichtet hatte. Ich war neugierig, ich wollte sehen, wie er jetzt wohl lebte, trampte hin und war beeindruckt: so ein schönes großes Haus, all die vielen Bücher und CDs. Der Pfarrer ließ von seiner Haushälterin Cognac auffahren - und zwar eine Menge.

Am Abend war ich so betrunken, dass ich mich nicht dagegen sträubte, mit ihm in seinem Schlafzimmer zu übernachten, wie er es vorgeschlagen hatte. Ich legte mich aufs Bett und wollte, benommen vom Alkohol, nur noch schlafen. Ich blickte mich im Zimmer um, an der Wand zum Fußende des Betts hing ein Bild des gekreuzigten Jesus von Nazareth, geschmückt mit einem Rosenkranz. Daneben hing eine Reihe Schwarz-Weiß-Aufnahmen nackter Männer. Das fand ich schon merkwürdig, aber in meinen Zustand war es mir auch irgendwie egal.

Der Pfarrer legt sich neben mich und begann, mich zu streicheln. Er nahm meine Hand, zog sie unter seine Bettdecke, in seine Unterhose. Und dann wollte er, dass ich ihn mit der Hand befriedige. Ich war entsetzt und wagte doch nicht, mich zur Wehr zu setzen. Ich starrte in der Dunkelheit nur auf eine Stelle im Zimmer, genau dorthin, wo zwei Wände und die Decke zusammenliefen und ein Dreieck bildeten. Die Stelle fixierte ich unaufhörlich, die ganze Zeit, bis mir etwas Warmes und Flüssiges die Hand herunterlief. Mich packte der Ekel. Der Pfarrer fiel befriedigt in tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen konnte er mich nicht schnell genug loswerden. Er fuhr mich an die Bundesstraße, von wo aus ich nach Hause trampen konnte. Ich fühlte mich schmutzig, schlecht, und ich schämte mich. Niemandem erzählte ich von dem Geschehen, auch meinen Eltern nicht. Ich dachte mir, es sei Teil eines unausgesprochenen Deals gewesen: Der Pfarrer hatte mir Zuwendung und Aufmerksamkeit gegeben, und dafür musste ich nun den abscheulichen Preis zahlen.

Außerdem suchte ich die Schuld bei mir und fragte mich, ob ich durch mein Verhalten den Priester zu der Tat gebracht haben könnte. War es nicht auch mir in einem gewissen Umfang zuzuschreiben, dass ich in diese Falle geraten war, weil ich Anerkennung, Respekt und Wertschätzung beim Pastor gesucht hatte?

Mein Innerstes hatte einen Riss bekommen. Jahrelang dachte ich, ich sei schwul, so wie es mir der Priester früher immer eingeflüstert hatte. Ich war auf eine völlig verkehrte Fährte gelockt worden. Eine Zeit lang hatte ich sogar einen schwulen Freund, einen sehr gut aussehenden Mann, der als Steward für die Lufthansa und auch als Model arbeitete. Mit ihm bin ich noch einmal zu dem Pfarrer gefahren, um ihm meinen schönen Freund zu zeigen. Er schien beeindruckt. Ja, er schien unsere Anwesenheit sogar zu genießen. Soweit hatte mich der Priester manipuliert - noch immer wollte ich ihm gefallen und mich als guter Schüler präsentieren, der seine Hausaufgaben gemacht hat.

Trotzdem träumte ich auch in dieser Zeit nachts von Frauen. Aber ich wusste im Grunde nicht, was ich wirklich war: homosexuell, bisexuell oder hetero? Erst Jahre später, als ich in England an einer Privatschule lehrte, verliebte ich mich wirklich - in eine wunderbare Frau. Seither weiß ich, wer und was ich wirklich bin, nämlich heterosexuell.

Den Kontakt mit dem Priester habe ich dann, als ich Mitte 20 war, endgültig abgebrochen. Seinen sexuellen Übergriff hatte ich schon zuvor tief in mir versenkt. Ich wollte nicht mehr daran denken und schon gar nicht mit jemandem darüber sprechen. Weder mit Freunden, noch mit meinen Brüdern, schon gar nicht mit meinen Eltern. Was hätte meine Mutter denn gesagt? Im besten Fall: Ach, Junge, was habe ich nur falsch gemacht?

Doch es half alles nichts. Es ging mir nicht gut. Ich fühlte mich rastlos, hatte Minderwertigkeitsgefühle, Schlafstörungen, auch Depressionen. Bis ich rund 25 Jahre später einem Arzt von dem Missbrauch erzählte. Er riet mir, auf keinen Fall mehr zu schweigen. Würde ich nicht öffentlich darüber reden, würde ich den Riss in mir nicht heilen können. Ich fragte ihn, ob das nicht wie eine Vergeltung aussähe, wenn ich den Übergriff von damals erst jetzt ans Licht brächte.

Das glaube er nicht, sagte der Arzt. Die moralische Bewertung, die ich anstellte, nehme mein Bewusstsein erst nachträglich wahr. Für das Unterbewusstsein, das unser Leben steuere, sei das völlig gleichgültig. Mit dem Missbrauch habe der Priester mir meine seelischen Gesundheit geraubt. Ich solle sie mir wieder holen, indem ich die Tat öffentlich mache. Dem Rat bin ich gefolgt. Ich habe den Täter angezeigt, bei der Polizei und beim Bistum Münster. Er hat die Tat gestanden, ist vom Dienst suspendiert worden und an den Bodensee gezogen.

Es hat mich nicht interessiert, warum er gestanden hat, ob es vielleicht noch andere Opfer gab. Mir war nur wichtig, dass er mit seiner Tat konfrontiert wurde, dass er in den Spiegel schauen musste. Ich habe von ihm nie ein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung gehört. Aber ich wollte eine Wiedergutmachung von ihm, ein Zeichen des Ausdrucks der Solidarität. Das war das Mindeste, was ich erwartete. Im juristischen Sinne war der Übergriff ja verjährt.

Im Internet fand ich einen Anwalt, der mir Mut machte. Er schrieb auf seiner Website, dass ein Missbrauchsopfer vor einem katholischen Kirchengericht trotz Verjährung einen Ausgleich geltend machen könne, und lieferte eine entsprechende Klageschrift als Muster. Die lud ich mir runter und schrieb nach Münster.

Doch das Bistum stellte sich stur: An eine Wiedergutmachung sei nicht zu denken, teilten mir die Verantwortlichen mit. Eine finanzielle Leistung könne "kein adäquates Mittel im Sinne einer Wiedergutmachung darstellen", schrieb man mir. Außerdem sei das Bistum nicht mehr zuständig, weil der Pfarrer jetzt in Süddeutschland lebe.

Ich war wütend und enttäuscht. Aber ich habe nicht locker gelassen, mich an das zuständige Bistum Rottenburg gewandt, bin dort nicht auf taube Ohren gestoßen und der Priester hat mir dann im Rahmen eines Opfer-Täter-Ausgleichs eine kleine Entschädigung gezahlt. Es ging mir nicht ums Geld, es ging mir um meine Ehre.

Aus der katholischen Kirche bin ich ausgetreten. Ich fühle mich heute viel freier. Es ist, als ob eine Last von mir gefallen wäre. Ich habe mich gewehrt, auch wenn es lange gedauert hat, bis ich mich dazu durchringen konnte. Heute weiß ich: Jeder kann sich wehren. Nein, jedes Opfer muss sich wehren.

Aufgezeichnet von Katharina Sperber

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