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Kinderlosigkeit Das größte Wunder der Welt

Mit 32 trifft sie den Mann ihres Lebens. Als sie 35 ist, wollen sie ein Kind. Aber es klappt einfach nicht. Unsere Autorin erzählt die Geschichte einer großen Hoffnung und eines einsamen Kampfes.

31.03.2012 22:47
Von Claudia Fuchs
Die Entstehung eines Kindes ist einer der kompliziertesten und komplexesten Vorgänge im menschlichen Organismus. Das fängt damit an, dass die Spermien einen Weg zurücklegen müssen, der voller Hindernisse ist. Foto: dpa

Tausende Deutsche kämpfen derzeit im Internet um Unterstützung der Kanzlerin. Unter dem etwas sperrigen Motto „Zukunftsdialog“ kann man Vorschläge zur Zukunft des Landes einbringen. Fast 10.000 sind es inzwischen, darunter die Legalisierung von Cannabis, der Verzicht auf das Amt des Bundespräsidenten und die bessere Dämmung von Wohnungen. Die zehn meistunterstützten werden im April mit Angela Merkel diskutiert. Auf Platz fünf hat es ein scheinbar privates Problem geschafft: „Erfüllung des Kinderwunsches finanzierbar machen“. Die Begründung: Jedes siebte Paar kann auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen und ist auf medizinische Hilfe angewiesen. Wir sind eines dieser Paare.

Als ich 18 Jahre alt war, lag mein Leben wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir: Mit 22?Jahren würde ich mein erstes Kind bekommen, drei Jahre später, mit 25, das zweite. Und weil ich gern einen großen Bruder gehabt hätte, wollte ich erst einen Jungen und dann ein Mädchen.

Mit 25 Jahren war ich immer noch kinderlos, und mit 30 auch. Erst war die Wende dazwischengekommen, dann meine Arbeitslosigkeit, dann ein neuer Beruf. Eine Weile war ich Single. Ich bin gereist, habe Geld verdient und war zufrieden mit meinem Leben. Mit 32 lernte ich schließlich den Mann kennen, mit dem ich alt werden will. Wir wollten ein Kind, aber nicht gleich. Ich war ja noch jung. Dann hatte ich eine Geschwulst an einem Eierstock. „Da sollen mal die Profis ran“, sagte meine Frauenärztin und schickte mich in eine Praxis für Fertilität nach Berlin-Mitte.

Ledersessel, Pflanzen, Aquarium

Ich kannte das Wort Fertilität damals nicht. Inzwischen weiß ich, dass es vom Lateinischen fertilis abstammt und „fruchtbar“ bedeutet. Ich saß also mit meiner kleinen Eierstock-Zyste in dieser Fruchtbarkeitspraxis – und war schwer beeindruckt: Die Gänge waren so breit, dass zwei Rollstühle nebeneinander fahren konnten, an den Wänden hingen imposante Gemälde, es gab zwei riesige Warteräume mit monströsen Ledersesseln, mit großen, tadellos gesunden Pflanzen, einem riesigen Aquarium und gratis Tee, Kaffee und Wasser. Selbst auf der Toilette roch es nach Wohlstand.

Nur die Frauen und Männer, die Patienten, schienen nicht dorthin zu passen. Sie wirkten nicht krank, aber sie waren so schweigsam und sahen so unglaublich angespannt aus, als warteten sie auf ein Wunder.

Damals war ich nur ein einziges Mal in der Praxis – die Geschwulst entpuppte sich als harmlos –, aber ich weiß noch, dass ich zwei Dinge dachte: Ihr armen alten Leute. Mit euch möchte ich nicht tauschen.

Heute bin ich eine von ihnen. Mein Mann und ich sind kinderlos. Ungewollt.

Wickeln lernen mit Buddy

Wir sind eines von etwa 500.000 Paaren bundesweit – grob geschätzt. Wie viele es tatsächlich sind, weiß niemand so genau. Wer betroffen ist, schweigt meist, weil die ungewollte Kinderlosigkeit als Makel empfunden wird. Zwar wünscht sich unsere Gesellschaft seit vielen Jahren nichts sehnlicher als mehr Kinder. Aber kein Ministerium startet eine Aufklärungskampagne über ungewollte Kinderlosigkeit und über mögliche Hilfen.

Um es deutlich zu sagen: Ich habe Kinderkriegen oder Muttersein nie als meine Daseinsberechtigung als Frau empfunden. Ich halte ein kinderloses Leben für gerechtfertigt, und ich verurteile Menschen nicht, die kinderlos bleiben möchten. Ich bin eine Abtreibungsbefürworterin. Jede Frau hat das Recht so zu leben, wie sie möchte.

Aber ich wollte immer Kinder. Und ich bin inzwischen ungemein verletzlich, sensibel und dünnhäutig, wenn es um das Thema geht. Vielleicht, weil ich mich nach all den Behandlungen der vergangenen Jahre verändert habe; vermutlich aber vor allem, weil ich nicht das werden kann, was die Evolution jeder Frau zugedacht hat: Mutter.

Das erste Wesen, das ich gewickelt habe, war etwa 50 Zentimeter groß, hatte ein gelbes Fell, Knopfaugen und große, abstehende Ohren. Als ich in den Besitz von Buddy kam – so hieß der große Teddy – war ich fünf Jahre alt. In den Folgemonaten lernte ich all das, was Mädchen von ihren Müttern beizeiten lernen: Dass Kinderköpfe so schwer sind, dass man sie stützen muss. Dass selbst kleinste Babys einen Greifreflex haben. Und dass sie die Zunge rausstrecken, wenn man sie an der Unterlippe kitzelt.

Ich weiß das schon eine halbe Ewigkeit. Ich kann es nur nicht anwenden, weil ich keine Kinder bekommen kann.

Vielleicht liegt das Übel schon in dieser Formulierung: Ich kann nicht. Das klingt, als könnte ich es noch lernen, irgendwann, wenn ich mir nur genügend Mühe gebe. So, wie Menschen nun mal lernen: Sie üben und üben und üben, und irgendwann klappt es dann schon.

Ich habe mir viel Mühe gegeben. Es klappt trotzdem nicht.

Plötzlich war er da, der Wunsch

Bei anderen schon: 680.000 Kinder wurden im vergangenen Jahr bundesweit geboren, und jene Frauen, die 2011 ihr erstes Kind gebaren, waren durchschnittlich 30 Jahre alt. Doch es gibt auch viele ältere Erstgebärende – zum Beispiel Familienministerin Kristina Schröder, die fast 34 war. 1975 lag der Durchschnitt bei gerade mal 21,8 Jahren (DDR) und 24,8 Jahren (BRD). Heute hat jede Frau im Schnitt 1,6 Kinder, 1935 waren es noch 2,4. Damals blieben nur 6,7 Prozent aller Frauen kinderlos, heute sind es mehr als 25 Prozent.

Weil sie nicht wollen? Oder weil es nicht klappt? Niemand weiß das so genau.

Ich war lange zufrieden mit meiner, unserer Kinderlosigkeit. Bis zu einem Mittwoch im Februar 2005. Ich war 35 Jahre alt, stand auf einem S-Bahnhof in Berlin-Zehlendorf, und plötzlich war er da – der Wunsch nach einem Kind. Bis heute ist mir unerklärlich, warum er gerade dort auftauchte und ausgerechnet an diesem Tag, aber da war der Wunsch plötzlich: warm, vertraut und schön.

Drei Jahre später waren wir noch immer kinderlos.

Viele, die Eltern sind, halten sich für Experten in Sachen Kindermachen – selbst dann, wenn es bei ihnen nur ein einziges Mal geklappt hat. Und viele denken offenbar, dass ein Paar wie wir, das auch nach mehreren Jahren Beziehung noch kinderlos ist, diesen Zustand entweder ganz genau so will – oder sich zu dumm anstellt.

Warum geht ihr nicht zum Arzt?

Anfangs, als es noch ums Kindermachen auf natürlichem Wege ging, haben wir viele Ratschläge von Freunden und Bekannten bekommen, und um keinen einzigen hatten wir gebeten. „Wir haben einen Joint geraucht“, erklärte uns ein Freund. Jemand empfahl uns Sellerie, das würde dem Mann auf die Sprünge helfen. Eine Freundin schenkte mir ein Massageöl namens „Storch“ mit der seltsamen Aufschrift „Für eine sinnliche Partnermassage, die zu dritt enden darf“. Erstaunlich, dass uns niemand empfahl, einfach nur Sex zu haben. Und dass niemand fragte: „Warum geht ihr nicht zum Arzt?“ Eine schwangere Freundin erklärte mir, dass es ganz wichtig sei, dass die Frau nach dem Sex noch eine Weile liegen bleibt. Und entspannt sollte sie sein.

Entspannt bin ich schon lange nicht mehr.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich auf solche Bemerkungen reagieren soll. Lachen? Abwinken? Die Wahrheit erzählen – die ganze, traurige Geschichte? Oder das Thema mit einer Lüge beenden? Erklären, dass ich keine Kinder will?

Niemand spricht einen verpickelten Jugendlichen auf seine Akne an. Niemand tut das, weil klar ist, wie schrecklich Akne ist. Akne trennt die Hübschen von den Hässlichen, die Kranken von den Gesunden, die Beliebten von den Ausgelachten. Niemand fragt einen Kranken, warum er eigentlich krank ist – nur bei den ungewollt Kinderlosen, da plappern viele einfach unbedarft drauflos. In der Kantine sagte mal eine Kollegin zu mir. „Ihr seid übrigens die nächsten, die jetzt an der Reihe sind mit Kinderkriegen.“

Ich bin ungewollt kinderlos, und ich bin eine von vielen. Soll ich es geheim halten wie so viele andere? Ich mag nicht mehr schweigen, nicht nach vier Jahren medizinischer Behandlung, nicht nach zwei Schwangerschaften und zwei Aborten.

Wenn hierzulande öffentlich über Kinderlosigkeit gesprochen wird, dann stets über die freiwillige, die selbstgewählte. In solchen Debatten wird der Egoismus der Frauen beklagt, die im selben Atemzug für den Bevölkerungsschwund in der Bundesrepublik verantwortlich gemacht werden. Politiker fordern schon mal Extra-Abgaben von Kinderlosen, weil diese keinen Beitrag zur Sicherung des Rentensystems leisten.

Wer glaubt denn allen Ernstes, dass es den Leuten beim Kinderwollen um die Rente geht? Kinderwollen ist blanker Egoismus, ich bin da nicht anders. Ich will ein Kind, weil ich es will – und nicht, damit es Deutschland besser geht.

In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es nur Eltern oder freiwillig Kinderlose. Fälle wie meinen Mann und mich gibt es nicht. Ungewollt Kinderlose fallen nicht auf. Im Gegensatz zu verpickelten Jugendlichen sind wir nicht zu erkennen.

Eine Liste im Geiste

Seit vielen Jahren schon wird vor den Folgen der Überalterung unserer Gesellschaft gewarnt. Dennoch reduzierte die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2004 den Zuschuss der Krankenkassen für die künstliche Befruchtung drastisch. Bis dahin zahlten die Kassen vier Versuche vollständig, seitdem gibt es für drei Versuche nur noch 50 Prozent Zuschuss. Den Rest müssen die Paare selbst zahlen – pro Versuch sind das zwischen 1500 und 3500 Euro.

Dennoch war von Betroffenen damals nichts zu hören. Kein Aufschrei, kein Protest, keine Demonstrationen – es gab nicht mal eine öffentliche Debatte. Kein Wunder: Wer will schon öffentlich zugeben, dazuzugehören zu jenen, bei denen es nicht klappt? So blieb der Widerspruch aus, und die Zahl der Kinder, die durch künstliche Befruchtung entstehen, sank schlagartig – um schätzungsweise 10.000 pro Jahr.

Natürlich, es gab zu jeder Zeit Paare, bei denen es mit dem Nachwuchs nicht gleich funktioniert hat. Und es klappt meist nicht beim ersten Versuch. Aber es klappt doch ständig und bei allen, auch dann, wenn schon keiner mehr daran glaubt. Bei der Kollegin hat es geklappt, bei der Nachbarin, bei Schauspielerinnen, Sängerinnen, Musikerinnen, Sportlerinnen, Ministerinnen. Alle werden schwanger, auch die älteren.

Seit vielen Jahren führe ich im Geiste eine Liste: Immer, wenn eine nicht mehr ganz so junge Frau schwanger wird – egal, ob sie aus dem Freundeskreis stammt oder prominent ist, mache ich ein Kreuz auf der Seite „bei der ging es ja auch“. Doch diese Zählweise ist unlogisch: Jene, die nicht schwanger werden, nehme ich nicht wahr. Das Unglück sehe ich nie, ich sehe nur das Glück. Und das haben immer die anderen.

An manchen Tagen halte ich das Kinderkriegen für eine der leichtesten Übungen, die nur uns nicht gelingt – an anderen Tagen für das größte Wunder der Welt, das bei uns nie klappen wird.

Ein Wunder ist es tatsächlich, auch wenn es ständig geschieht.

Ein komplizierter Vorgang

Die Entstehung eines Kindes ist einer der kompliziertesten und komplexesten Vorgänge im menschlichen Organismus – und sie beginnt mit einem Superlativ. Wenn Ei und Spermium verschmelzen, trifft die größte Zelle des menschlichen Körpers auf die allerkleinste. Zuvor allerdings müssen die Spermien einen Weg durch den Körper der Frau zurücklegen, der nur wenige Zentimeter lang ist, aber voller Hindernisse steckt: Noch in der Vagina werden die nur 0,06 Millimeter großen Spermien – im besten Fall sind es bis zu 300 Millionen – von Abwehrzellen empfangen, die Fremdstoffe am Eindringen hindern sollen und auch die meisten Spermien abtöten.

Gleich dahinter wartet das nächste fast unüberwindbare Hindernis: der Muttermund, der für gewöhnlich mit festem Schleim verschlossen ist. Nur zum Zeitpunkt des Eisprungs der Frau verflüssigt sich der Schleim und lässt die bereits stark dezimierten Spermien in die Gebärmutter. Von dort aus geht es weiter bis in die Eileiter, wo die Spermien auf die sogar mit bloßem Auge sichtbare Eizelle treffen.

Nur 500 Samenfäden erreichen dieses weit entfernte Ziel überhaupt, und es braucht viele von ihnen, um die Hülle der Eizelle zu knacken, damit schließlich ein einziges Spermium eindringen kann. Danach muss die befruchtete Eizelle auf einer nächsten langen Reise durch den Eileiter in die Gebärmutter gelangen, wo sie schließlich ihre schützende Hülle verlässt und sich – inzwischen ein vielzelliger Embryo – einnistet.

All das wird von Organen, Hormonen und Drüsen gesteuert und beeinflusst: Gebärmutterschleimhaut, Hypothalamus, Eierstock, Eileiter, Progesteron, Testosteron, Östradiol, Prolaktin, follikelstimulierendes Hormon, Schilddrüse, Hirnanhangdrüse – all das muss exakt aufeinander abgestimmt sein. Hapert es an einer winzigen Stelle, funktioniert das große Ganze nicht. Ich weiß das. Doch es hilft mir nicht beim Schwangerwerden.

Keine Kinder bekommen zu können, ist nichts Ungewöhnliches. Das gab es schon immer, und es gab schon immer Dutzende Gründe dafür: deformierte Spermien, verklebte Eileiter, schwerwiegende Krankheiten – all das kann Ursache sein. Helfen kann da nur ein Arzt.

Vor vier Jahren waren mein Mann und ich zum ersten Mal gemeinsam in der Praxis mit den einschüchternd breiten Gängen. Ab diesem Zeitpunkt ging es nur noch um meinen Körper – und darum, unter ärztlicher Aufsicht gute Bedingungen für eine natürliche Zeugung zu schaffen. Es ging darum, der wievielte Tag meines Zyklus gerade ist, wann ich mir Hormone spritzen muss, wann ich wieder zum Arzt muss, wann ich Ultraschall machen lassen muss, ob wir heute Sex haben sollen oder lieber erst morgen, oder doch heute und morgen, ob ich mal wieder Blut abgeben und Hormonwerte bestimmen lassen muss.

„Geschlechtsverkehr nach Plan“, hieß das Ganze offiziell, kurz GVnP. Meine Biologie wurde das Bestimmende, und wir hatten Sex vor allem, wenn der Arzt das wollte. Ob wir uns liebten, wollte nie jemand wissen. Doch anders als bei vielen anderen blieb bei uns der Erfolg aus. Nach einem halben Jahr empfahlen uns die Ärzte, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen.

Die künstliche Befruchtung ist eine junge Medizin. Als das erste Kind 1978 im Reagenzglas entstand – Louise Joy Brown in England – lief diese Zeugung eigentlich ganz normal ab, nur eben außerhalb des Körpers der Frau. Die Eizelle der Mutter von Louise wurde über die Vagina aus dem Körper herausgeholt, mit dem Sperma des Vaters befruchtet und über den Muttermund der Frau in die Gebärmutter gesetzt – wo der Embryo anwuchs und zu Louise Brown wurde.

Sie ist inzwischen selbst Mutter.

Laien-Expertin in Sachen Kinderwunsch

Ich bin augenscheinlich gesund und sitze seit vier Jahren ständig beim Arzt. Der Reproduktionsmediziner, wie er offiziell heißt, kennt meinen Unterleib vermutlich besser als mein Gesicht, allein im vergangenen Jahr war ich schätzungsweise 30?Mal bei ihm. Kinderkriegen ist immer Sache der Frauen, aber wenigstens beim Machen sind die Männer beteiligt. Nicht bei uns: Fürs Machen ist nun der Arzt zuständig, und mein Mann muss nur manchmal mitkommen. Was soll ein Mann auch beim Frauenarzt?

Ich bin eine Laien-Expertin in Sachen Kinderwunsch geworden. Ich weiß, an welcher Stelle mein Arm am besten Blut gibt, ich kann mich selbst spritzen, ich kenne Medikamente, Dosierungen und Fachbegriffe. Ich kann erklären, wie ein Kind entsteht. Ich kann nur keines bekommen, und ich kann es überhaupt nicht beeinflussen.

Wir haben nie ein großes Geheimnis aus unserer Kinderwunschbehandlung gemacht, wir haben Freunden und Verwandten erklärt, dass wir auf ärztliche Hilfe angewiesen sind. Dennoch reden wir mit den meisten Freunden kaum darüber – und das, obwohl uns das Problem seit Jahren begleitet, und ich oft betont habe, dass mir das Reden wichtig ist. Doch unsere Freunde sprechen uns nur selten darauf an.

Ich habe Schwierigkeiten zu verstehen, dass das nichts mit Desinteresse uns gegenüber zu tun haben soll. Aber vermutlich hat es überhaupt nichts mit uns zu tun: Es ist ihnen einfach unangenehm, darüber zu reden. Was soll man einem Paar wie uns auch sagen? Das wird schon? Seid nicht traurig? Bleibt locker? Akzeptiert doch? Was soll man einem Paar sagen, das in vier Jahren nicht schafft, was anderen in einer Nacht gelingt – mit viel Freude, ganz ohne Arzt und vielleicht sogar völlig ungeplant?

Dieses Schweigen straft mich doppelt. Es ist, als hätte ich etwas Aussätziges an mir.

Nicht morgens um 7 Uhr 25

Mehr als 30 Jahre nach der Zeugung von Louise Brown läuft die klassische künstliche Befruchtung, die In-Vitro-Fertilisation, noch immer nach demselben Grundprinzip ab. Mit einem Unterschied zu damals: Mithilfe von Hormonen, die sich die Frau selbst spritzen muss, reifen gleich mehrere Eizellen in ihrem Körper heran. Im Ultraschall sind sie gut zu sehen: Wie kleine Beeren hängen sie in ihrer Hülle an den Eierstöcken, je nach individuellen Voraussetzungen können es zehn oder mehr sein oder auch nur zwei. Diese werden dann in einer Operation unter Vollnarkose mit einer langen Nadel über die Vagina abgesaugt. Gebraucht werden aber auch die Spermien.

Ein Arzt ist dabei meist nicht nötig: Es geht um Selbstbefriedigung. Doch das Wort Selbstbefriedigung täuscht: Es gibt Männer, die können das nicht auf Kommando, nicht morgens um 7:25 Uhr, nicht in solchen Arzt-Räumen, nicht mit solchen Zeitschriften, und schon gar nicht, wenn eine freundliche Krankenschwester darauf verweist, dass schon der nächste Patient vor der Tür wartet. Diese Männer werden dann meist weggeschickt, kommen eine halbe Stunde später wieder und versuchen es erneut.

Ist die Spermienqualität gut, gibt man Spermien und Eizelle im Labor zusammen und überlässt die Befruchtung der Natur; ist die Spermienqualität schlecht, werden einzelne, gute Spermien ausgesucht und direkt in die Eizelle injiziert.

Wer an diesem Punkt angekommen ist, hat die Erfüllung des Traums vom Kind längst in die Hände von Medizinern gelegt, seitenweise Warnhinweise gelesen und viele Dokumente unterschrieben: Was alles schiefgehen kann, welche Nebenwirkungen es geben kann, und dass Zwillingsschwangerschaften eigentlich unerwünscht sind, weil sie für Mutter und Kinder ein unkalkulierbares Risiko darstellen.

Lesen, unterschreiben. Hoffen.

Einen Tag nach der kleinen Operation teilt die Praxis mit, ob die Spermien die Eizellen befruchtet haben – was übrigens bei jeder dritten Eizelle nicht passiert. Es gibt Paare, bei denen wird keine einzige Eizelle befruchtet, und bei einigen wiederholt sich das wieder und wieder. Unerklärlich, brutal, grausam. Endgültig.

Den anderen Frauen werden einige Tage später die Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt, maximal drei sind nach deutschem Recht erlaubt. Es ist ein seltsames Gefühl, unschwanger zum Arzt zu gehen und die Praxis ein bisschen schwanger zu verlassen – und nicht zu wissen, ob das so bleibt.

Bis dahin hat das Ganze mindestens 3000 Euro gekostet, je nach Behandlungsart auch bis zu 7000 Euro. Den Krankenkassen-Zuschuss gibt es nur, wenn das Paar verheiratet ist, wenn die Frau zwischen 25 und 40 Jahre alt ist und der Mann jünger als 50. Nur wenige Paare machen nach diesen drei von den Krankenkassen teilfinanzierten Versuchen auf eigene Kosten weiter, viele hören auf, weil sie nicht mehr können, finanziell und seelisch. Aber noch viel mehr Paare können gar nicht erst mit der Behandlung anfangen. Ihnen fehlt das Geld für den Eigenanteil.

Ein Privatproblem

Wer sich bei einem selbst verschuldeten Unfall beim Skifahren ein Bein bricht, wird kostenlos behandelt. Wer raucht und an Lungenkrebs erkrankt, ebenso. Zu Recht, das ist das Prinzip der Solidargemeinschaft, dafür zahlen wir Krankenkassenbeiträge. Auch Abtreibungen finanziert die Kasse, jedenfalls dann, wenn sie medizinisch nötig sind oder die Frauen zu wenig Geld verdienen. Doch die Solidargemeinschaft versagt ausgerechnet dann, wenn es um die Entstehung von Leben geht. Ungewollte Kinderlosigkeit gilt nicht als Krankheit. Wenn eine Frau und ein Mann keine Kinder bekommen können, so ist das ihr Privatproblem.

In Deutschland sind die Vorschriften rigide. Unverheiratete und lesbische Frauen bekommen bei der Kinderwunschbehandlung keinen Krankenkassenzuschuss. Kann der Mann keine Kinder zeugen, kann das Paar zur Samenbank gehen und dort Spendersamen holen. Liegt die Kinderlosigkeit nicht am Mann, endet der Weg an dieser Stelle. Eizellspenden sind in diesem Land verboten.

Nach dem Embryonentransfer – so heißt die Übertragung der befruchteten Eizellen offiziell – wird die Frau nach Hause geschickt. Was nun folgt, ist der schwerste und kräftezehrendste Abschnitt überhaupt: Eindeutig kann eine Schwangerschaft erst nach 14 Tagen festgestellt werden, bis dahin heißt es warten. Warten und hoffen. Doch die Medikamente, die die Einnistung des winzigen Embryos unterstützen sollen, haben Nebenwirkungen, die Schwangerschaftssymptomen ähneln.

Jede der Frauen horcht zwei Wochen lang Stunde um Stunde in sich hinein: Sind die Embryonen überhaupt noch da? Was ist, wenn ich auf Toilette bin, können sie nicht rausfallen? Darf ich Radfahren? Baden? Kann es überhaupt klappen, wenn ich so gestresst bin? Darf ich Kaffee trinken? Urlaub machen? Arbeiten?

Zellhaufen die Kinder werden könnten

Jede der Frauen weiß, dass sie theoretisch schwanger sein kann, und jede verfällt dem irrigen Glauben, dass sie das Ergebnis irgendwie beeinflussen kann: durch positives Denken, durch Frauenmanteltee oder Grapefruitsaft, durch Sex oder durch Enthaltsamkeit, durch Sportverzicht, durch Eiweißgetränke. Es gibt Frauen, die geben ihren Embryonen Namen. Andere machen gegen Ende dieser zwei Wochen jeden Tag einen Schwangerschaftstest mit Urin. Viele machen alles.

Dennoch sind die meisten Schwangerschaftstests negativ. Pro Versuch werden nur 20 bis 30 Prozent der Frauen schwanger.

In unserer Praxis werden die Embryonen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter fotografiert, in riesiger Auflösung. Es können Zweizeller sein oder auch Sechszeller, auf einigen unserer Bilder ist gut zu erkennen, dass Spermien in der Hülle der Eizelle steckengeblieben sind. Wir haben etliche solcher Fotos zu Hause. Fotos von wohlgeformten Zellhaufen, die das Potenzial hatten, Kinder zu werden. Unsere Kinder.

Vollständige kleine Menschen mit Fingern und Zehen und Augen. Menschen, die irgendwann laufen lernen, „Mama“ und „Papa“ sagen und andere Menschen zum Lächeln bringen. Die Brei essen und „da“ sagen und uns zum Lachen und um den Schlaf hätten bringen können.

Ich habe Fotos unserer Kinder gesehen, noch bevor diese überhaupt richtig existiert haben.

Die wichtigsten Informationen stecken zu diesem Zeitpunkt schon in diesen Mehrzellern – Haarfarbe, Geschlecht, Augenfarbe. All das wird nicht untersucht, gleichwohl diskutiert unsere aufgeschlossene Gesellschaft aufgeregt über „Designerkinder“, die sich vermeintlich selbstsüchtige Eltern von geldgierigen Ärzten basteln lassen. Ganz ehrlich: Wer ohne ärztliche Hilfe nicht schwanger werden kann, dem geht es nicht um Geschlecht oder Haarfarbe, sondern darum, überhaupt ein Kind zu bekommen – ein gesundes.

Den allerersten Schwangerschaftstest nach einer künstlichen Befruchtung hatte ich am 19. August 2009. Das Blut wurde am frühen Morgen abgenommen, nach acht endlosen Stunden konnten wir das Ergebnis telefonisch erfragen. Mein Mann und ich hatten uns verabredet an diesem warmen Sommertag, um 17 Uhr standen wir eng umschlungen in einem Hauseingang am Alexanderplatz und versuchten, der Stimme aus dem Handy zu folgen. „Sitzen Sie gut?“, fragte die Schwester aus der Fertilitätspraxis, „herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger.“

Es folgte der schönste Abend meines Lebens.

Soviel Ignoranz

Aber ich bin nicht schwanger geblieben, und ich bin es auch bei der zweiten Schwangerschaft zwei Jahre später nicht geblieben. Inzwischen weiß ich, dass es sich mit Fehlgeburten verhält wie mit künstlicher Befruchtung: Viele haben sie erleiden müssen, kaum eine Frau spricht darüber. Aber Grund genug gäbe es: Statistisch gesehen enden 60?Prozent aller natürlichen Schwangerschaften so früh, dass die Frauen nicht mal merken konnten, dass sie schwanger waren. Aber auch 15 Prozent der festgestellten Schwangerschaften – also jede achte – wird nicht ausgetragen: Sie endet in den ersten drei Monaten mit einem Abort.

Eine Million Kinderwunschbehandlungen hat es in Deutschland seit 1996 gegeben, 160.000 Kinder sind auf diese Weise entstanden – so viele Menschen, wie Potsdam Einwohner hat. Eine Million Behandlungen und 160.000 Kinder – und so viel öffentliche Ignoranz. Wieso werden wir Deutsche über Darmspiegelungen und Inkontinenz aufgeklärt, aber nicht darüber, wie schwierig das Kinderkriegen sein kann?

Ende 2010 schrieb ich einem alten Freund von unseren Schwierigkeiten. Die Antwort kam schnell: „Unser Sohn ist auch durch künstliche Befruchtung entstanden. Und jetzt weißt du es als Einzige. Außer meiner Frau und mir und den 25 beteiligten Ärzten.“ Warum gibt das niemand zu – selbst dann nicht, wenn es am Ende geklappt hat?

Das Gefühl die Einzige zu sein

Ich fühle mich leider ausgerechnet von jenen Paaren betrogen, die zu Tausenden vor mir in der gleichen Situation waren, und die es geheim halten. Ich fühle mich ausgerechnet von Gleichgesinnten betrogen. Die ihre Kinderlosigkeit nie begründet haben oder ihre Zwillinge mit über 40.

Ich hätte mein Unglück gern geteilt.

Lange Zeit hatte ich das Gefühl, die Einzige zu sein, bei der es nicht klappt. Alle um mich herum wurden problemlos schwanger. Niemand hatte Probleme. Nur die Sängerin Céline Dion bekannte öffentlich, dass sie auf künstliche Befruchtung angewiesen ist, weil ihr Mann Krebs hatte. Absurd, dass ich mich ausgerechnet mit Céline Dion verbunden fühle.

Vor zwei Jahren habe ich endlich Gleichgesinnte gefunden – im Internet. Es sind Hunderte. Ich habe Katharina kennengelernt, deren Eierstöcke nach einer Entzündung operativ entfernt werden mussten, und die auf natürlichem Weg gar nicht schwanger werden kann. Ich habe Meike kennengelernt, deren Mann Hodenkrebs hatte und nur zwei Spenden erübrigen konnte, bevor die Chemotherapie die Hoffnung auf ein Kind zerstört hat. Ich habe Heide getroffen, die sechs Fehlgeburten hatte, bis endlich ein Arzt feststellte, dass sie unter einer Blutgerinnungsstörung leidet.

Ich habe von Paaren gelesen, bei denen der Mann in die eigene Blase ejakuliert und dessen Spermien nie bei der Frau ankommen; von Frauen, denen Eileiterschwangerschaften die Eileiter zerstörten und die Möglichkeit nahmen, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Von Frauen, die mit 25 Jahren in den Wechseljahren sind. Von Männern, denen einzelne Spermien aus der Hodenhaut operiert werden mussten, damit überhaupt Samen gewonnen werden konnten.

Ich kenne Dutzende solcher Fälle.

Ab 40 zu alt

Wir selbst haben keine Diagnose, wir gehören zu den vielen, bei denen nie ein Grund gefunden wurde. Niemand weiß, warum es nicht klappt. Aber das ist eigentlich unerheblich. Am Ende sind wir das, was so viele sind: ungewollt kinderlos.

Akzeptiert es doch, raten uns Freunde bisweilen. Ich verstehe ihre Gründe – es ist anstrengend, uns bei unseren Bemühungen und dem ewigen Leiden zuzuschauen. Aber was würden sie einem herzkranken Menschen sagen? Dass er seine Krankheit akzeptieren soll, ohne etwas dagegen zu unternehmen? Kinderlosigkeit ist ein Leiden, das in den meisten Fällen heilbar ist.

Ich will mich nicht rechtfertigen für meinen Traum. Und ich will auch nichts begründen. Ich will einfach nur ein Kind. Ich will nur sein wie die anderen, Mutter sein. Adoptieren können wir nicht, nicht in Deutschland. Dafür sind wir zu alt. Auch hier gilt die 40 als Altersgrenze. Es ist paradox: Ab 40 zahlt die Kasse keinen Zuschuss für die Kinderwunschbehandlung, und mit 40 sind Frauen zu alt für Adoption.

Ich habe in den vergangenen Jahren viel gelernt. Über meinen Mann, der diesen Weg mit mir geht und mit mir leidet. Dabei ist das mit dem Leid so ungerecht, weil wir viel Potenzial haben, um glücklich zu sein, und weil er der beste Mann ist, den es gibt für mich. Ich habe viel gelernt über meine Freunde, von denen mir einige wichtiger geworden sind und andere unwichtiger.

Ich habe viel gelernt über mich und meine Fähigkeit, Unglück zu ertragen. Über Frauen, deren Leidensweg so lang ist, dass sich meiner ganz kurz dagegen ausnimmt. Und über einen Staat, der so vieles fördert – aber ausgerechnet Kinderkriegen nicht.

Nur eines habe ich nicht gelernt: Mich mit meiner Kinderlosigkeit abzufinden.

Ich wünschte, ich könnte an dieser Stelle mit einem Happy End aufhören, mit einer Schwangerschaft, die vielleicht ganz spontan entstanden ist, ohne Ärzte.

Doch diese Geschichte hat kein Happy End. Aber noch ist sie ja nicht zu Ende.

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