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Kinderläden der 70er Jahre Nenn mich nicht mehr "Mama"

Im Großen und Ganzen sind aus den Kinderläden - so scheint es - viele ganz normale bildungsbürgerliche Kinder hervorgegangen. Die Kinderläden zeigten neue Wege der Erziehung. Meike Sophia Baader

20.03.2010 00:03
Meike Sophia Baader
Meike Sophia Baader, geboren 1959, ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim. Foto: Privat

Sexualität ist nicht das primäre Thema, wenn Kinderladen-Kinder ihre Geschichte erzählen. Wenn es Vorwürfe gibt, dann eher, dass Kinder für die Utopien ihrer Eltern eingespannt wurden. Im Großen und Ganzen sind aus den Kinderläden - so scheint es jedenfalls - viele ganz normale bildungsbürgerliche Kinder hervorgegangen. Fälle sexuellen Missbrauchs in Kinderläden sind bisher nicht bekannt.

Dass die Ideen einer sexuellen Liberalisierung missbraucht wurden, wie an der Odenwaldschule von Gerold Becker, ist ein Moment von vielen in diesem historischen Szenario. Dass Jugendlichen, die sich sexuellen Übergriffen entzogen, bürgerliche Verklemmtheit vorgeworfen wurde - wie dies in der Odenwaldschule offenbar der Fall war - ist eine Konstellation, die auch Frauen im Umfeld der sexuellen Revolution der 70er Jahre immer wieder erlebt haben.

Ideen der Liberalisierung wurden auch zur Repression eingesetzt, von Männern gegen Frauen, von Männern gegen Kinder und Jugendliche. Die sexuelle Revolution hat nicht für alle gleichermaßen zu Befreiung geführt, und sie hat schon gar nicht die Ambivalenzen, die mit dem Thema Sexualität verbunden sind, aufgelöst.

Kinderläden haben ihre Wurzeln in der Studentenbewegung von ´68. Sie entstanden zunächst in den Zentren Frankfurt und Berlin, wurden dann aber auch in anderen kleineren Universitätsstädten gegründet. 1971 existierten allein in Berlin etwa 100 davon. Sie waren Selbsthilfe-Initiativen von linken akademischen Eltern, die mit den pädagogischen Konzepten der staatlichen und konfessionellen Kindergärten nicht einverstanden waren.

Ziel der Erziehung in den Kinderläden war - vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus - , Kinder zu kritikfähigen, selbstbestimmten und mündigen Menschen zu erziehen, die zum Widerstand fähig wären. Wohlanständigkeit, Gehorsamkeitsorientierung und Angepasstheit als Erziehungsprinzipien sollten der Vergangenheit angehören. Kinder sollten Nein sagen können, wie es das "NEIN-Buch für Kinder" von 1972 programmatisch zum Ausdruck brachte. Für diese Überzeugungen wurde die Chiffre "Antiautoritäre Erziehung" gefunden. Die Motive sowie die Konzepte in den einzelnen Kinderläden waren dabei höchst unterschiedlich, die Spanne reichte "vom buddhistischen Om bis zur proletarischen Erziehung".

Aber auch die Praxis in den unterschiedlichen Initiativen veränderte sich von Anfang an. Eine permanente Weiterentwicklung gehörte zu den Prinzipien dieser Einrichtungen mit hoher Elternbeteiligung. Die Tagesabläufe wurden eifrig protokolliert, man verfasste viele Grundsatzpapiere, stritt etwa über die Frage, ob Kinder mit auf Demonstrationen - zum Beispiel gegen den Vietnam-Krieg - gehen sollten und diskutierte Texte aus der älteren freudo-marxistischen Tradition der Reformpädagogik.

Leitend war dabei, trotz der Differenzen zwischen den einzelnen Konzepten, das Prinzip der Selbstregulation. Das besagte: Kinder sollten bei den Rhythmen in den Kinderläden, den Fragen des Essens, Schlafens und Spielens, mitbestimmen. Die Idee der Erziehung im Kollektiv wurde hoch gehalten, denn man sah sich ja als Gegenentwurf zur bürgerlichen Kleinfamilie und ihrer Triebstruktur. In manchen Läden sollten Kinder ihre Eltern nur noch beim Vornamen nennen, also nicht mehr "Mama" und "Papa" sagen. Für die Erziehung eines freien Menschen bedurfte es, so die Überzeugung, auch einer freien Sexualität.

Kinder wurden grundsätzlich als sexuelle Wesen gesehen, wie es bereits Freud zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt hatte. Deshalb wurde dem Umgang mit Äußerungen kindlicher Sexualität in den Kinderläden auch eine pädagogische Bedeutung beigemessen. Kinder durften nackt spielen, erhielten die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, um ihre Körper zu erkunden und sich Doktorspielen hinzugeben, sie wurden umfassend sexuell aufgeklärt, wobei darauf geachtet wurde, dass sich bei Mädchen keine Minderwertigkeitsgefühle einstellten.

Diese Grundsätze stießen in der Bevölkerung in einzelnen Fällen auf herbe Kritik, wie die Zuschauerreaktionen auf den Film "Erziehung zum Ungehorsam" von Gerhart Bott zeigten, der 1969 ausgestrahlt wurde und die Praxis in Kinderläden dokumentierte. Kontrastiert wurden diese mit einem traditionellen Kindergarten, in dem die Erzieherinnen kontrollierten, ob die Kinder beim Mittagsschlaf auch ihre Hände über der Bettdecke hatten, womit sie von vorneherein der Onanie verdächtigt wurden.

Sexualaufklärung, so wissen wir aus historischen Untersuchungen, war in den 50er und frühen 60er Jahren der Bundesrepublik - auch in den Familien - höchst dürftig, und daher ein Thema in den Kinderläden. In manchen wurde kontrovers darüber diskutiert, wie sich Erwachsene bei sexuellen Annäherungen seitens der Kinder verhalten sollten. In vielen Fällen tauchte dieses Problem aber erst gar nicht auf.

Die Kinderläden muss man vor dem Hintergrund einer "schweigenden Kindheit" und auf Wohlanständigkeit getrimmten Erziehung der 50er und frühen 60er Jahre sehen. Erziehungspraktiken, in denen Kinder beispielsweise festgebunden wurden, gehörten zum pädagogischen Alltag regulärer Kindergärten der 60er Jahre. Bis 1973 besaßen Erzieher, Lehrer oder Heimleiter in der Bundesrepublik das Recht auf körperliche Züchtigung. Die Kinderladenkonzepte rückten dagegen die Bedürfnisse und Emotionen von Kindern - Sexualität und Aggressionen eingeschlossen - ins Zentrum.

Damit wollten sie sich von der Erziehungslehre der Kälte absetzen. Diese hatten sie etwa in dem NS-Erziehungsratgeber von Johanna Haarer: "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (1934) gefunden, der den Nationalsozialismus überlebt hat und bis 1987 - mit leichten Veränderungen - weiter aufgelegt wurde. In diesem Buch wurde Erziehung zur Bindungslosigkeit zum Programm erklärt.

Genervt vom Spagetti-Klischee

Dass es bei den antiautoritären Gegenentwürfen auch zu Extremen kam, bei denen Kinder durch die ihnen auferlegte Selbstregulation überfordert waren und Erwachsene die Generationendifferenz schon mal ignorierten, steht außer Frage. Dies war aber nicht unbedingt der Mainstream der Kinderladenerziehung. "Dass wir bis heute mit an der Wand klebenden Spagettis und permanenten Doktorspielen identifiziert werden, nervt mich", so ein heute 42 -jähriges ehemaliges Kinderladenkind, von Beruf heute Lehrer.

Viele Probleme, die in den Kinderläden diskutiert wurden, waren ganz normale Erziehungsprobleme, denn schließlich ist und bleibt Erziehung ein schwieriges Geschäft - zumal Sexualerziehung. 1968 wurde Letztere erstmals auf Ministeialrebene zur schulischen Aufgabe erklärt. Über die richtige Form wird die Gesellschaft - aller scheinbaren Aufklärung zum Trotz - weiterhin kontrovers diskutieren müssen.

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