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Kinderbuch Winnie Puuhs trauriger Freund

In Büchern und im neuesten Film sind der Bär und Christopher Robin unzertrennlich. Im wahren Leben auch. Die Geschichte eines Mannes, der nie erwachsen werden durfte.

12.04.2011 18:37
Rudolf Novotny
A.A. Milne, der Autor von „Pu der Bär“, mit seinem Sohn Christopher Robin. Foto: Everett collection/dpa

In Büchern und im neuesten Film sind der Bär und Christopher Robin unzertrennlich. Im wahren Leben auch. Die Geschichte eines Mannes, der nie erwachsen werden durfte.

Manche Menschen können gut mit Kindern umgehen. Andere nicht. Es ist eine Gabe... Mein Vater besaß sie nicht.“

Christopher Robin Milne, „The Enchanted Place“

Plötzlich tauchen sie auf. Ein silberner Schwarm, mitten im menschenleeren Ashdown Forest. Nur ein paar Pferde auf einer Weide heben den Kopf, als die vier Minibusse vorbei jagen. In den verdunkelten Busscheiben spiegeln sich die Frühlingssonne und das alte England. Mächtige Bäume, geduckte Häuser, hügelige Landschaften. Der Ashdown Forest liegt in East Sussex, einer Grafschaft ein paar Meilen südlich von London. Hinter den dunklen Scheiben sitzen Journalisten aus Japan, Schweden, Deutschland, aus der ganzen Welt. Sie blicken hinaus in die malerische Gegend. Die meisten haben noch nie etwas vom Ashdown Forest gehört. Doch jetzt sollen sie hier eine Geschichte finden. Die berühmteste Geschichte des Waldes: Die von Pu dem Bären. So wünscht es sich zumindest ihr Gastgeber, der Disney-Konzern. Er wird alles dafür tun, dass die Journalisten diese Geschichte finden. Und nicht die andere.

Der Disney-Film läuft dieser Tage in den Kinos an

Dieser Tage läuft der in den Disney-Studios erschaffene „Winnie Puuh“-Film in den deutschen Kinos an, der erste seit 35 Jahren. Ein einstündiges, handgezeichnetes Werk, angelehnt an drei Geschichten aus den beiden Original-Büchern, in denen Winnie Puuh noch „Pu der Bär“ hieß. Der Film ist wichtig für Disney. Winnie Puuh ist ein Merchandise-Milliardengeschäft. Deshalb soll das Werk möglichst viele begeistern. Nicht nur Freunde klassischer Disney-Animation, sondern auch die Anhänger der Original-Bücher, die der Brite A. A. Milne vor fast 90 Jahren schrieb. Um das sicherzustellen, hat der Konzern vor Beginn der Dreharbeiten Regisseure, Story-Experten und andere Mitglieder des Filmteams in den Ashdown Forest geschickt. Dorthin, wo die Bücher spielen, wo Milne 1925 ein Landhaus kaufte, in dem er seine freie Zeit mit Angestellten, Frau und Sohn Christopher Robin verbrachte. Die Spiele, die Christopher Robin im Ashdown Forest mit seinen Stofftieren spielte, gingen als die Abenteuer von Pu dem Bären im Hundertsechzig-Morgen-Wald in die Literaturgeschichte ein. Und auch Christopher Robin ging in die Literaturgeschichte ein. Als Christopher Robin. Es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte. Sie ist kein Milliarden-Geschäft. Sie ist traurig.

Der Disney-Historiker klärt die Reporter auf

Die Busse halten auf einem staubigen Parkplatz. Eine Wiese erstreckt sich dort, ein Baumgruppe. Auf einem Schild steht „Gills Lap“. In den Büchern heißt Gills Lap „Gideons Nadelöhr“, es ist jener Platz, an dem sich Christopher Robin und Pu der Bär ein letztes Mal treffen, an dem die Geschichte endet. Von „Gills Lap“ können Touristen heute zu all jenen Stellen im Wald wandern, die in den Büchern beschrieben werden. Zu der Sandgrube in der das Känguruh-Baby Klein-Ruh spielt, oder der Brücke an der das Pu-Stöckchen-Spiel erfunden wird. Ein beleibter Mann mit türkisfarbener Krawatte empfängt die Reporter. Er stellt sich als Brian Sibley, Disney-Historiker, vor. Dann liest er die letzten Zeilen des Buches „Pu baut ein Haus“ vor: „,Pu’, sagte Christopher Robin ernst, ,wenn ich – wenn ich nicht...’, er hörte auf und fing noch mal an: ,Pu, egal, was passiert, du verstehst es doch, oder?’“ Auf der Krawatte turnen kleine Winnie Puuhs herum. Der Disney-Historiker atmet schwer. Er blickt in die Runde. „Denken Sie darüber nach, während Ihrer Tour.“

„Und wenn ich heute glücklich über jene einfachen Dinge schreibe, die kleine Jungs machen, wenn sie auf dem Land leben, dann deshalb, weil dies jene Zeit in meiner Kindheit war, auf die ich am liebsten zurückschaue.“ C. R. Milne, „The Enchanted Place“

Christopher Robin Milne wird am 21. August 1920 als Sohn des Schriftstellers Alan Alexander Milne und seiner Frau Dorothy im Londoner Stadtteil Chelsea geboren. Im Laufe seines Lebens wird er zwei Bände mit Erinnerungen schreiben. „The Enchanted Place“ und „Path Through The Trees“. Dazu noch mehrere andere Bücher. Verlegt wird heute keines mehr. Christopher Robin Milne wird nicht als Schriftsteller berühmt. Er bleibt der Junge, dessen bester Freund ein Bär war. Ein Junge, über den der Vater voller Wärme schrieb. Der ihn mit seiner Fantasie in gemeinsamen Stunden zu millionenfach verkauften Geschichten inspirierte. In „The Enchanted Place“ erinnert sich Christopher Robin Milne: „Schwierig zu sagen, was als erstes kam. Machte ich etwas, über das mein Vater dann eine Geschichte schrieb? Oder war es andersherum?“ Doch es gibt wenige dieser Stunden. Eine Nanny kümmert sich um das Kind, Zugang zu den Eltern hat es nur zu bestimmten Zeiten. Kostbare Zeiten. Es gibt Bilder von damals. Eines zeigt zwei Menschen auf einer Bank. Ein hagerer Mann im Anzug und ein Junge mit Pagenkopf. Der Mann lächelt unsicher in die Kamera. Der Junge sitzt daneben, seine Hand liegt auf einem Oberschenkel des Mannes. A. A. Milne und Christopher Robin berühren sich kaum. Nur in seinen Büchern überwindet der Vater die Distanz. Für das Kind werden diese „zu einem Teil unseres Lebens: Wir lebten sie, dachten sie, sprachen sie.“ 1926 erscheint „Winnieh-the-Pooh“, 1928 „The House at Pooh Corner“.

Die Bücher sind sehr erfolgreich

Die Bücher sind sehr erfolgreich. Ein öffentlicher Liebesbeweis des Vaters. Den das scheue, schwächliche Kind genießt – bis es mit zehn Jahren auf ein Internat kommt. Die Mitschüler kennen den Jungen aus den Pu-Büchern, besorgen sich eine Platte, auf der Milne ein Gedicht des Vaters singt. „Ich erinnere mich lebhaft, wie ungemein schmerzhaft es für mich war, als meine Zimmernachbarn die berühmte – und jetzt verfluchte – Aufnahme wieder und wieder abspielten. So lange, bis der Witz, vielleicht sogar die Platte selbst, abgenutzt war und sie sie mir überreichten. Ich nahm sie, zerbrach sie in hundert Stücke und verstreute diese auf einem Feld.“

Ein paar Meilen von den Originalschauplätzen entfernt, auf einem Landsitz in East Sussex, empfängt ein älterer Herr mit weißem Vollbart und Kugelbauch zum Gespräch. Burny Mattinson ist einer von denen, die für Disney im Ashdown Forest waren. Er ist bei dem neuen Film für die Geschichte verantwortlich. Er kann sehr viel über den neuen Film sagen – und sehr wenig über Christopher Robin Milne. Mattinson schüttelt heftig den Kopf. „Nein, nein, nein. Ich habe ihn nie kennen gelernt. Unglücklicherweise nie.“ Burny Mattinson, 75, ist seit 1953 bei Disney, hat an den preisgekrönten Winnie Puuh-Kinofilmen der 60ern und 70ern mitgearbeitet. Mattinson sagt: „Aber wir waren uns bewusst, dass es Christopher Robin gab. Und auch, dass er nicht so glücklich war mit den ganzen Geschichten.“

Rowohlt nennt die Disney-Filme ein Verbrechen

Die alten Disney-Filme sind hochdekoriert, sogar einen Oscar gab es. Trotzdem war die Pu-Gemeinde wütend. Der Pu-Übersetzer Harry Rowohlt nannte die Disney-Filme „ein Verbrechen, das nie verjähren wird“. Die meiste Kritik entzündete sich an der neuen Figur, einer Art Maulwurf, die Disney einführte. Ein Fehler sei das gewesen, sagt Mattinson. Diesmal sei man Milnes Werken treu geblieben. „Die Puuh-Geschichten haben genügend Substanz.“ Eine letzte Frage: Fühlt man sich verantwortlich, wenn man weiß, dass es einen echten, unglücklichen Christopher Robin gab? „Wir fühlten uns den Büchern von Milne verantwortlich.“

„Es gab zwei Dinge, die mein Leben überschatteten und denen ich entkommen musste: Dem Ruhm meines Vaters und ,Christopher Robin’.“ C. R. Milne, „The Path Through the Trees“

Als Disney mit seinen Winnie Puuh-Filmen die Bären-Fangemeinde spaltet, hat Christopher Robin Milne ein Vierteljahrhundert Flucht hinter sich. Nach seinem Abitur erhält er ein Stipendium in Cambridge, dann dient er freiwillig als Pionier im Zweiten Weltkrieg in Italien. Sein Studium in Englischer Literatur beendet er 1947. Berufswunsch: Autor. Doch der Markt, den sein Vater bediente, existiert nicht mehr. Nachkriegsengland hat kein Geld für Literatur. Erst recht nicht für einen Mann, in dem jeder nur das Kind aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald sieht. Christopher Robin Milne wechselt die Jobs fast monatlich. „Es schien mir, als wäre mein Vater zu seinem Erfolg gelangt, in dem er sich auf meine kindlichen Schultern gestellt, meinen guten Namen geklaut und mich zurückgelassen hatte, mit nichts als dem leeren Ruhm, sein Sohn zu sein.“ 1948 heiratet Christopher Robin Milne seine Cousine Lesley de Selincourt. Gegen den Willen der Eltern. Drei weitere Jahre vergehen mit Vater-Sohn-Konflikten, mit Jobsuche, mit Stillstand. Dann entschließt sich das Paar, aus London wegzuziehen, nach Dartmouth, um dort einen Buchladen aufzumachen.

Als Milne sein Buchgeschäft eröffnet, ist Pu der Bär schon eine globale Marke

Die Journalisten haben mittlerweile die Sandgrube von Klein-Ruh besichtigt und den Tümpel, in dessen Nähe der Esel „I-Aah“ wohnt. Jetzt soll es zur Pu-Stöckchen-Brücke gehen, einige halten schon Tannenzapfen in den Händen. Gesammelt an denselben Stellen, an denen sie einst Christopher Robin Milne sammelte, bevor er sie an der Brücke ins Wasser warf. Eine Disney-Angestellte mit großer Sonnenbrille ruft die Journalisten zu sich. Man werde leider nicht zur Brücke gehen können. Der Zeitplan sei zu eng. Die Journalisten schauen traurig auf ihre Tannenzapfen. Einer wirft seinen weg. „Ist ja nichts Besonderes. Pu-Stöckchen kannst du an jeder Brücke spielen.“

„Für 21 Jahre lebten Lesley und ich von den Gewinnen, die der Buchladen machte. Wir hatten keine andere Einkommensquelle. Und das sage ich laut und stolz.“ C. R. Milne, „The Path Through the Trees“

Als Christopher Robin Milne 1951 sein Buchgeschäft eröffnet, ist Pu der Bär längst eine globale Marke. Noch vor dem Weltkrieg durchbricht der Umsatz aus den Geschäften die 50 Millionen Dollar-Marke. Vermarktet wird der Bär zu diesem Zeitpunkt von dem US-Produzenten Stephen Slesinger, dem A. A. Milne 1930 einen Großteil der Rechte überträgt. Slesinger baut das Pu-Merchandising immer weiter aus, so lange, bis Disney Kontakt aufnimmt. Die Verhandlungen über die Rechte an der Figur beginnen, doch ihr Ende erleben weder Stephen Slesinger noch A. A. Milne. Slesinger stirbt 1953, Milne 1956. Fünf Jahre später unterzeichnen ihre Witwen einen Merchandise-Vertrag. Christopher Robin Milne geht leer aus, muss sich, seine Frau und seine kleine behinderte Tochter selbst durchbringen. Dass Dorothy Milne auch die Manuskripte ihres Mannes verkauft, ist für Christopher Robin Milne ein Verrat. „Als ich erfuhr, was meine Mutter getan hatte, fühlte ich Wut und einen Stich im Herzen. Mein armer Vater! Dass sie ihn so behandelte.“ Christopher Robin Milne wird seine Mutter nie mehr sehen. Gegenüber dem Vater hat er Schuldgefühle. Jenem Mann, der seine Liebe nur in Büchern ausdrücken konnte. Liebe, die der Sohn in den letzten Jahren zurückgewiesen hatte, der er manchmal mit Hass begegnet war. Christopher Robin Milne übergibt die Führung des Buchgeschäftes an seine Frau. Dann beginnt er zu schreiben.

Die Serien haben nicht viel mit den Büchern zu tun

In einem der Hotelzimmer in East Sussex steht eine junge Frau. Sie arbeitet für Disney, als Eventmanagerin. Der Raum ist gefüllt mit Winnie Puuh-Produkten. Nach den preisgekrönten Filmen beginnt der Disney-Konzern, Fernsehserien über Winnie Puuh zu produzieren. Sie haben nicht mehr viel mit den Büchern zu tun. Ein Babyelefant taucht darin auf, ein Stinktier und das rothaarige Mädchen Darby. Der Ersatz für Christopher Robin. Doch die Erlöse aus dem Merchandise-Geschäft entwickelten sich nicht wie erhofft. Daher habe der Konzern sich entschieden, „bei den Produkten zum klassischen Winnie Puuh zurückzukehren.“ Der Film sei sehr hilfreich. „Wir hatten nicht genug Inhalt, um das neue Konzept zu unterstützen.

„Vor einigen Jahren bekam ich einen Brief von einem kleinen Mädchen aus Amerika. Sie war sehr, sehr wütend auf mich, weil – so hatte sie es gehört – ich nicht Christopher Robin sein wollte.“ C. R. Milne, „The Enchanted Place“

1974 erscheint der erste Teil der Erinnerungen von Christopher Robin Milne, fünf Jahre später der zweite. 1971 war seine Mutter gestorben. Die Einnahmen aus dem Geschäft mit dem Bären steckt er in einen Treuhandfonds für seine Tochter. Seine Stofftiere schenkt er 1987 der Öffentlichen Bibliothek von New York. Christopher Robin Milne gibt seine Kindheit weg. Er ist jetzt 67 Jahre alt, krank, doch endlich kann er seinen Namen einsetzen. Er kämpft für bessere Bibliotheken, verhindert Ölbohrungen im Ashdown Forest und unterstützt Wohltätigkeitsprojekte. Nicht ohne seinen loyalen Freund in „the Enchanted Place“ um Verzeihung dafür zu bitten, dass er die letzten Jahre ohne ihn verbringt: „,Pu’, sagte Christopher Robin ernst, ,wenn ich – wenn ich nicht...’, er hörte auf und fing noch mal an: ,Pu, egal, was passiert, du verstehst es doch, oder?’

Ich mag die Vorstellung, dass Pu verstanden hat. Und ich hoffe, dass jetzt auch andere verstehen können.“

Am 20. April 1996 stirbt Christopher Robin Milne friedlich im Schlaf.

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