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Keychange „Es wird der gesamten Musikwirtschaft nutzen“

Keychange-Mitinitiator Alexander Schulz über Geschlechterverhältnisse auf den Bühnen, Hindernisse für junge Talente und ambitionierte Ziele.

Denmark Roskilde Festival 2018
Nur die Musikbegeisterung kennt keine Geschlechterdifferenzen. Foto: rtr

Warum sind Frauen denn in der Musikbranche überhaupt derart unterrepräsentiert? 
Mit der Musikgeschichte Deutschlands muss man unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg anfangen. Deutschland war ein Verkaufsland für die Alliierten. Damals gab es fünf Major-Record-Companies mit Hauptsitzen in Nordamerika und Großbritannien. Deutschland selbst hatte keinen Einfluss auf die Entwicklung der Popmusik, das hat sich erst in den letzten knapp vier Jahrzehnten verändert. Die ersten Gehversuche waren dann mehr ein Nacheifern dessen, was aus dem angloamerikanischen Kulturraum hier ankam. Dann kam irgendwann die nächste Generation, die war aber auch erst mal männerdominiert. Dann kamen die Erfolge der Hamburger Schule, Hip-Hop, die ersten Strömungen, von denen man sagen konnte: „Okay, da gibt es eine eigene popkulturelle Identität aus Deutschland“. Das waren aber hauptsächlich Männer, weil das Abbild in Nordamerika so war. Ich vermute, dass bei weiblichen musikalischen Talenten das Vertrauen in das eigene Talent noch nicht so ausgeprägt ist. Das geht bei der musikalischen Schulbildung los. Keychange macht das „klein und light“, sozusagen „education nach der Schule“. Aber man muss da sicherlich früher ansetzen. Ich fürchte, dass da schon der erste Schritt in die falsche Richtung geht. Ich glaube aber, wir wären jetzt in der Lage, Dinge zu verändern. 

Sie sehen darin demnach auch eine politische Aufgabe?
Schulpolitik ist Ländersache. Die Lehrpläne sind sehr stereotyp, aber eine Kampagne kann auch auf einzelne Personen wirken. In der Ausgestaltung des Unterrichts ist ja jeder Musiklehrer frei. Ich weiß nicht, ob wir Lehrer mit unserer Kampagne erreichen. Das Selbstbewusstsein für die eigene Stärke in einem männerdominierten Feld zu entwickeln, in einem so frühen Stadium, wird immer schwieriger, weil die Wahrnehmung der jungen weiblichen Talente für das, was da draußen passiert, leider immer noch männlich dominiert ist. Irgendwo muss dieser Knoten zerschlagen werden. 

Keychange setzt auf Freiwilligkeit, Sie vermeiden Druck und Quoten. Wie sieht es bei Major-Labels aus? Wichtige Positionen sind ja eher in Männerhand. 
Wir müssen zwischen Künstlerseite und Musikwirtschaft unterscheiden. Ich bin für einen starken Appell für unsere Quote bis 2022. Im Moment versuchen wir aber noch zu überzeugen. Auf der Wirtschaftsseite – egal ob Labels, Konzertagenturen oder Musikverleger – ist alles extrem männerdominiert. Man darf auch nicht quantitativ die Quote aus der Gesamtbelegschaft ziehen, sondern man muss schauen, wie sieht es an Entscheiderpositionen aus. Man kann nicht genau sagen, wie hoch oder niedrig die Frauenquote auf Entscheiderebene ist. Gefühlt ist sie verschwindend gering. Das ist nicht mehr zeitgemäß. 

Interview: Andreas Sieler

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