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Kenneth Branagh im Interview „Rücksichtslos, arrogant und gefährlich“

„Thor“-Regisseur Kenneth Branagh über die Prinzen der englischen Historie, ihre Nähe zu Comic-Figuren und darüber, wie er selbst zum Pflichtstoff an britischen Schulen wurde.

02.05.2011 17:13
Irisch, blond, interessiert, interessant: Kenneth Branagh (re.) über sich selbst. Foto: rtr

„Thor“-Regisseur Kenneth Branagh über die Prinzen der englischen Historie, ihre Nähe zu Comic-Figuren und darüber, wie er selbst zum Pflichtstoff an britischen Schulen wurde.

Mr. Branagh, gehören Comics zur Weltliteratur?

Das kommt darauf an, was man unter Weltliteratur versteht.

Anders gefragt: Haben Shakespeare und der Comic-Herausgeber Stan Lee etwas gemeinsam?

Beide wissen um die Macht der Mythen und verstehen sich auf die Kunst, Mythen sehr publikumswirksam auszubeuten. Marvel-Comic-Guru Stan Lee schuf – neben vielen anderen – mit Hulk, Spider-Man, Iron Man und Thor Archetypen des Comic-Genres. Und William Shakespeare bediente sich sehr freizügig bei historischen Stoffen, aus denen er dann seine unsterblichen Stücke machte. Niemand auf diesem Planeten könnte zum Beispiel aus Plutarchs Schriften über das römische Leben so einen „Julius Caesar“ ma-chen wie er.

In Ihrer Comic-Verfilmung „Thor“ gibt es viele Anspielungen auf Shakespeare-Figuren…

…und das mit voller Absicht. So kann man Thors eifersüchtigen Adoptiv-Bruder Loki durchaus mit Cassius aus „Julius Caesar“ vergleichen. Und den Donnergott Thor selbst mit King Lear. Außerdem gibt es Analogien zu den beiden Teilen von „König Heinrich IV.“, in denen bekanntlich Heißsporn Heinrich Percy und Prinz Heinrich von Wales um die Gunst ihrer Väter rivalisieren. Sie sind wie Thor rücksichtslos, arrogant und gefährlich. Und niemand hält es – wie auch bei Thor – für möglich, dass sie sich im Laufe der Zeit entwickeln und doch noch gute Könige abgeben. Natürlich fließen in meinen Film auch noch die alten nordische Legenden ein und die mythologischen Schriften der Edda. Es ist also ein ziemlich komplexer Stoff.

Aber vereinfachen Comics nicht gerade die Vielschichtigkeit und Tiefe der mythischen Vorlagen?

Das trifft sicher zu. Und genau so sicher ist es, dass man das von Shakespeare nicht behaupten kann. Bei ihm haben wir es mit einem Dichter zu tun, der sehr ausführlich, fantasievoll, bildhaft und extrem verdichtet über diese Dinge schreibt. Und natürlich ist sein Hamlet-Monolog nicht mit dem von Thor vergleichbar.

Trotzdem haben Sie Ihren Thor-Darsteller Chris Hemsworth dazu angehalten, zur Vorbereitung „König Heinrich V.“-Monologe zu rezitieren.

Das ist ein ausgezeichnetes Sprechtraining. Ich habe ihm aber unter anderem auch Hermann Hesses „Siddhartha“ zu lesen gegeben, diesen sehr tiefgründigen Entwicklungsroman über Buddhas Leben. Und natürlich jede Menge „Thor“-Comics. Denn gerade auch durch diese Comics werden wir von Thor und seinem Schicksal stark berührt. Das geschieht sicherlich weniger auf intellektuellem Niveau sondern eher unterbewusst, intuitiv. Sozusagen im Telegrammstil.

Können Mythen, Legenden, historische Stoffe dem Massenpublikum heutzutage nur noch via Film nahegebracht werden?

Ich denke schon. Jedenfalls kann kein anderes modernes Medium das mit so einer Durchschlagskraft leisten. Woher kennt der Durchschnittsmensch denn Troja, Odysseus, Kleopatra, Beowulf oder Hamlet? Doch nur durch Hollywood-Filme! Ich finde es hochinteressant, dass das menschliche Erinnerungsvermögen anscheinend immer weniger Wissen speichern kann – oder will. Ich habe letztes Jahr in dem Film „My Week with Marilyn“ den großen britischen Schauspieler Sir Laurence Olivier dargestellt. Und da gab es am Drehort einige Leute, die keine Ahnung hatten, wer das eigentlich war. Bald wird sich wohl auch niemand mehr an Marilyn Monroe erinnern können, eine der größten Film-Ikonen überhaupt. Ein Freund hat mir erzählt, dass er auf einem Flug von London nach Los Angeles neben jemandem saß, dem John Lennon nichts sagte. Ist das nicht unfassbar?!

Und was ist schuld an dieser kulturellen Amnesie?

Das liegt, davon bin ich überzeugt, vor allem am Internet und der damit einhergehenden Informations-Explosion. Wir hinken doch alle dem Weltwissen weit hinterher.

Ist das so neu? Man sagt, den letzten Universalgelehrten gab es um 1800.

Das trifft sicher zu. Das war wohl die Zeit, in der sich auch Poeten in den Naturwissenschaften, der Botanik, der Philosophie und der Jurisprudenz auskannten. Leider habe ich den Eindruck, dass das Fundament der Allgemeinbildung seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts erheblich bröckelt. Der Trend geht eindeutig zur Oberflächlichkeit. Es scheint immer mehr in Mode zu kommen, von möglichst vielem möglichst wenig wissen zu wollen.

Wie würden Sie – als ausgewiesenen Shakespeare-Kenner, Schauspieler und Regisseur – einem 18-Jährigen erklären, welchen Platz Sie in der Filmgeschichte einnehmen?

Das Einzige, was ein Teenager an mir wohl interessant finden könnte, wäre, dass ich einen Film über seinen Comic-Helden Thor gemacht habe. Von Thor als Comic-Figur hat er vielleicht schon mal was läuten hören. Und natürlich, dass Natalie Portman mit-spielt. Chris Hemsworth? Nie gehört! Anthony Hopkins? Vielleicht – als Hannibal Lecter! Kurioserweise ist mir vor kurzem folgendes passiert: Ich stand in einem Garten-Center an der Kasse, als mich ein 17-Jähriger erkannte und zu mir sagte: „Ich mag Ihre Arbeit. Großartig, Ihr Jago!“ Zuerst dachte ich, er veralbert mich, aber dann erinnerte ich mich, dass meine Shakespeare-Filme in den Schulen Englands auf dem Lehrplan stehen. Und da fügte mein neuer Freund auch gleich noch hinzu: „Wir mussten uns „Othello, der Mohr von Venedig“ für den Englisch-Unterricht ansehen!“ Das ist also mein Platz in der Filmgeschichte: Ich bin der Typ, dessen Filme man sich in der Schule ansehen muss!

Warum wollten Sie eigentlich nie zur britischen Kultur-Elite gehören? Ist das Ihre ganz spezielle Art von Snobismus?

(Lacht) Das nun wirklich nicht. Da gibt es genug andere Gründe. Ich bin zum Beispiel Ire. Ich komme aus Belfast, Nordirland. Ein großes Handicap, wenn man zur britischen Elite zählen will. Ich habe weder in Oxford noch in Cambridge studiert. Außerdem funktioniert in England das Klassen-System noch bestens. Es ist ein System feiner Abstufungen, wo es für die, die dazu gehören, sehr erkennbare Symbole einer sozialen Akzeptanz und Rangordnung gibt. Es ist immer noch von entscheidender Wichtigkeit, welche Schule und welche Universität man besucht hat und welchen Titel der Vater hat. Man ist dann entweder in oder out.

Aber es gibt doch auch Aufsteiger. Kate Middleton kommt aus der gehobenen Mittelschicht und hat einen Prinzen geheiratet.

Richtig. Ihre Ausbildung in der sehr renommierten St. Andrews Universität in Schottland hat ihre Familie schätzungsweise einen halbe Million Pfund gekostet. Trotzdem schaffen es nur sehr wenige, wirklich integriert zu werden und dieses Misstrauen zu durchbrechen.

Welches Misstrauen?

In der sogenannten Upper Class herrscht eine große Furcht vor Vulgarität. Man beruft sich auch heute noch gerne auf den Ausspruch Wellingtons, der einmal behauptete, die Schlacht von Waterloo sei auf den Spielplätzen von Eton gewonnen worden. Weil damals alle britischen Offiziere eben aus Eton kamen. Und diese Exklusivität nimmt das Kultur-Establishment auch heute noch – berechtigt oder nicht – für sich in Anspruch.

Da hilft es auch nicht, dass Sie den Shakespeare-Kanon rauf und runter gespielt haben?

Nicht wirklich, obwohl gewisse Schauspieler in England schon einen Sonderstatus genießen. Sie werden als Clowns oder Zigeuner wahrgenommen, die vor allem amüsieren. Aber nach der „Hamlet“-Vorstellung sollen sie doch bitte wieder verschwinden. Am besten durch den Lieferanteneingang. Mit diesem Dünkel will ich nun wirklich nichts zu tun haben.

Deshalb kam Ihnen der Ausflug nach Hollywood vermutlich sehr gelegen. Wie hat man Sie diesmal aufgenommen? Vor 16 Jahren, als Sie dort „Mary Shelleys Frankenstein“ drehten, haben Sie ja nicht so positive Erfahrungen gemacht…

…gut, dass Sie mich darauf ansprechen. Da kann ich das endlich mal aufklären. Es stimmt nicht, wie oft berichtet, dass man mich damals schlecht behandelt hat und ich deshalb Hollywood den Rücken gekehrt habe. Ich hatte in den letzten Jahren schlicht andere Projekte, die mich mehr interessierten. Als ich allerdings das Angebot bekam, bei „Thor“ Regie zu führen, habe ich natürlich sofort zugeschlagen. Denn Thor ist, seit ich mir mit sechs Jahren von meinem Taschengeld den ersten „The Mighty Thor“-Comic kaufte, mein absoluter Lieblings-Superheld. Ich hatte auch nie Probleme, gleichzeitig Shakespeare-Stücke und Thor zu lesen. Man sollte mich wirklich nicht nur auf Shakespeare reduzieren. Und die zwei Jahre, die ich zusammen mit meiner Frau in Los Angeles während der Dreharbeiten zu „Thor“ verbrachte, gehören zur schönsten Zeit meines Lebens. Natürlich gibt es auch in L.A. viele dumme Menschen. Wo gibt es die nicht? Aber ich habe dort auch viele hochtalentierte, kreative und gebildete Menschen kennen gelernt.

„Die wirklich guten Schauspieler sind im wahren Leben generös, nicht eingebildet, großartig. Wogegen die Schlechten furchtbare Diven sind, gierig und unsicher“, haben Sie mal behauptet…

…und ich stehe noch immer dazu. Aber natürlich kann man auch darüber streiten. Laurence Olivier ist ein gutes Beispiel: Er war bei den Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ mit Marilyn Monroe sicher nicht der Ausgeglichenste. Aber warum? Er war als professioneller Schauspieler überhaupt nicht auf Monroes Eskapaden vorbereitet. Was ihn am meisten erzürnte war, dass sie nie pünktlich zum Drehen erschien.

Sie hat sich aber noch kurz vor ihrem Tod in einem Interview dafür gerechtfertigt. Sie sagte, ein Künstler sei eben dann be-reit, wenn er bereit sei.

Was natürlich stimmt! Picasso fing dann an zu malen, wenn er bereit dazu war. Und Miss Monroe erschien zu den Dreharbeiten, wenn sie eben erschien.

Immerhin war Sie „die Monroe“.

Genau. Wie sagte Billy Wilder so treffend, als sich ein Mitarbeiter bei den Dreharbeiten zu „Das verflixte 7. Jahr“ über Monroe mit den Worten beklagte, dass selbst seine Tante es schaffen würde, zum Drehen pünktlich zu erscheinen: „Aber niemand will deine Tante auf der Leinwand sehen!“ (Lacht) Und niemand kommt aus einem Film und sagt: „Ich habe gehört, der Drehplan wurde immer korrekt eingehalten.“ Spricht man hingegen mit Anthony Hopkins, Michael Gambon, Derek Jacobi – die alle Protegés von Olivier waren – hört man nur Gutes. Wie warmherzig, hilfsbereit und gütig er war. Olivier war eben ein ganz großer Künstler und deshalb auch ein bisschen schwierig. Na und? Ich finde, das stand ihm zu.

Glauben Sie, dass man durch die Arbeit von ein, zwei genialen Menschen eine ganze Epoche beschreiben kann?

Auf jeden Fall. Um noch einmal auf Shakespeare zurückzukommen: Er spricht ja in seinen Stücken nicht nur von Königen und unglücklich Liebenden. Er beschreibt auch die Zeit, das geistige und kulturelle Klima, in der er lebte und wirkte – die ganze conditio humana.

Wenn Sie das 20. Jahrhundert mit drei, vier Kunstwerken porträtieren sollten – welche würden Sie auswählen?

Was für eine faszinierende Frage, die aber fast unmöglich zu beantworten ist. (Denkt lange nach) Da gibt es Einsteins Relativitäts-Theorie, Picassos Bilder, die Beatles. So vieles kommt mir gerade in den Sinn. Ich würde auf jeden Fall auch den Film „Kinder des Olymp“ von Marcel Carné auswählen. Das ist nicht nur mein Lieblingsfilm, er ist außerdem sehr reich an Metaphern. Er beschreibt die Welt als Zirkus oder Theater, mit all den Menschen, die dort leben und arbeiten. Und die sich in einer schrecklichen Zeit behaupten müssen. Und da gibt es noch diese herrliche, große, aber zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte. Und dieser wunderbare Baptiste, gespielt von Jean-Louis Barrault, der sich verstecken muss und sich am offensten und verwundbarsten zeigt, wenn er eine Maske trägt. Das ist alles ganz wunderbar gemacht – und für mich für das vergangene Jahrhundert sehr essentiell.

Wäre für Sie auch „Ulysses“ von James Joyce relevant?

Auf jeden Fall. Vor allem wegen des Stils, in dem „Ulysses“ geschrieben ist. Das Buch wirft außerdem einen luziden Blick auf das 20. Jahrhundert, der zugleich aber sehr verzerrt ist, wie die Reflektionen in einem zerbrochenen Spiegel. Durch diese kaleidoskopartige Aufsplitterung nimmt das Buch sogar die technologische Revolution des Internets, von der wir eingangs sprachen, vorweg. James Joyce hat schon vor fast hundert Jahren diese konstante Überforderung an Eindrücken und Wissen erkannt und mit seinem brillanten stream of consciousness poetisch artikuliert.

Wie würden Sie sich mit vier Worten selbst beschreiben?

Irisch, blond, interessiert, interessant.

Interview: Ulrich Lössl

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