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Kenia Ein Zug ins Ungewisse

Lange eine Schmalspurbahn aus der Kolonialzeit die Lebensader Kenias. Seit neun Monaten rollt eine neue Bahn durchs Land – und sorgt immer wieder für Streit.

Bahn in Kenia
So sieht Bahnfahren im Kenia des 21. Jahrhunderts aus: Die Zugbegleiterinnen lächeln, in den Abteilen plätschert leise Musik, zwei Mal wird durchgewischt. Foto: Florian Sturm

Das Steuerpult für die Signalanlage des Bahnhofs von Nakuru erinnert an eine elektronische Orgel. Unzählige Hebel, Knöpfe und mit Instruktionen versehene Messingplatten lassen die Komplexität der Apparatur erahnen. Voller Stolz steht Mary W. Kimani im Signalhäuschen des Bahnhofs und streicht behutsam den Staub von der Anlage: „Lange hatten wir hier eines der modernsten Weichensysteme im ganzen Land. Von hier oben konnten wir jedes einzelne der 19 Gleise ansteuern. Alles lief elektronisch.“ Wenn die Bahnhofsvorsteherin jetzt die Schalter umlegt, passiert: nichts. 2009 ordnete die Regierung die Rückkehr zur manuellen Steuerung an. Seither müssen Kimani und ihre Kollegen jede Weiche wieder per Hand umlegen. Fortschritt sieht anders aus.

Der einst drittgrößte Bahnhof Kenias, 160 Kilometer westlich von Nairobi, wirkt wie aus einer Geisterstadt: Die Farbe blättert von den Wänden, drinnen liegt Bauschutt in der Ecke, darüber hängt noch das Foto eines prächtigen Dampfers auf dem Viktoriasee. Viele der Gleise sind längst von Gestrüpp überwuchert.

Dabei steckt ganz Kenia im Eisenbahnfieber. Am 31. Mai 2017 weihte Präsident Uhuru Kenyatta die Standard Gauge Railway (SGR) ein – Kenias bislang teuerstes Infrastrukturprojekt seit der Unabhängigkeit 1963. Gebaut mit chinesischem Geld. Die neue Bahn hat den sogenannten Lunatic Express, eine noch aus Kolonialzeiten stammende und zuletzt kaum funktionstüchtige Schmalspurbahn, ersetzt. Und soll den Personen- und Güterverkehr von den überfüllten Straßen zurück auf die Schienen holen. Doch inzwischen bezweifeln immer mehr der 45 Millionen Kenianer, dass die Pläne der Regierung aufgehen werden – und erkennen stattdessen andere Gründe dafür, dass der Lunatic Express nach und nach aufs Abstellgleis befördert wurde.

Kaum etwas ist für Kenia wichtiger als die Eisenbahn. Wirtschaftlich, kulturell und politisch. Die Briten bauten über die Jahrhundertwende den Lunatic Express, der über 100 Jahre zur Lebensader des Landes werden sollte. Sie führte von Mombasa, dem wichtigsten Hafen Ostafrikas, über Nairobi bis nach Kisumu am Victoriasee und wurde über die Jahrzehnte bis weit nach Uganda hinein erweitert. Zu Hochzeiten profitierten mehr als 30 Millionen Menschen entlang des Nördlichen Korridors, der bedeutendsten Handelsroute Ost- und Zentralafrikas, von der Bahn. Ohne sie wären die Binnenländer Uganda, Ruanda, Burundi, Südsudan und die Demokratische Republik Kongo vom Welthandel abgeschnitten.

„Diese Eisenbahn hat Kenia zu dem Land gemacht, das es heute ist. Viele Orte gibt es nur, weil dort Schienen verlegt wurden“, sagt Maurice Barasa. Er ist seit 1972 Kurator des Nairobi Railway Museum, aber Besucher führt er nur noch selten über das Gelände im Herzen der Hauptstadt. Der Souvenirshop neben seinem Büro ist abgeschlossen. Die Miniaturloks, Bildbände und Postkarten, die einst in den Regalen standen, sind längst verschwunden.

Mit seinem müden Blick, der leicht untersetzen Figur und dem blauweiß-karierten Hemd wirkt auch Barasa wie aus der Zeit gefallen. Dennoch berichtet er voller Enthusiasmus von der glorreichen Vergangenheit des Lunatic Express: von Tausenden Passagieren und Güterwaggons, die täglich im gesamten Land umherfuhren; von zahlreichen Hindernissen während der Bauphase und luxuriösen Erste-Klasse-Fahrten, in deren Verlauf adrett gekleidete Kellner Fünf-Gang-Menüs servierten.

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