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Kenia Afrika 4.0

Über Jahre wurde in Kenia das Handyguthaben als informelle Währung genutzt. Inzwischen werden Millionen transferiert. FR-Korrespondent Johannes Dieterich hat Menschen getroffen, die den digitalen Wandel im Silicon Savannah mitgestalten.

Derrick Muturi
Zunächst fiel Derrick Muturi auf einen betrügerischen Kaninchenhändler rein – inzwischen vermarktet er das Fleisch seiner Tiere übers Internet. Foto: Marl Lewis

Derrick Muturis Karriere begann, wie so mancher Höhenflug, mit einem Desaster. Auf der Suche nach einem Job stolperte der frisch diplomierte Betriebswirtschaftler und Informatiker über die Anzeige eines Kaninchenhändlers mit folgendem Vorschlag: Er verkaufe ein Zuchtkaninchenpaar für umgerechnet 80 US-Dollar und nehme dem Käufer anschließend jedes nachgewachsene Tier für sieben Dollar ab. Angesichts des legendären Vermehrungsdrangs der Tiere hörte sich das nach einem verheißungsvollen Deal an: Bereits nach drei Monaten, rechnete der Kenianer aus, könnte sein Zuchtbetrieb profitabel sein.

Muturi schlug ein und verfügte bald über mehr als hundert Karnickel, die sich in den viel zu kleinen Käfigen im Erdgeschoss des väterlichen Hauses am Rand der kenianischen Hauptstadt Nairobi drängelten. Als Muturi den Händler kontaktieren wollte, musste er allerdings feststellen, dass dieser längst über alle Berge war – nicht ohne zuvor noch andere gutgläubige Möchtegernzüchter um ihre 80-Dollar-Einlage gebracht zu haben. Doch Muturi wusste aus seiner Not eine Tugend zu machen: Er beschloss, sich um den Absatz seines Kaninchenfleischs eben selbst zu kümmern.

An dieser Stelle kam dem rasend schnell sprechenden Jungunternehmer sein Informatikstudium zugute. Als professioneller Computerfreak verfügte Muturi über eine ausgedehnte Facebook-Gemeinde: Fortan bekamen seine sozialen Netzwerkfreunde frisches Kaninchenfleisch direkt vom Züchter angeboten. Das Geschäft lief so gut, dass Muturi beinahe seinen gesamten Bestand geschlachtet hätte – gerade noch rechtzeitig kam ihm die Idee, andere Kaninchenzüchter anzuzapfen und sich vom Produzenten zum Händler zu entwickeln. Später fügte der findige Entrepreneur seinem exklusiven Sortiment noch Rinderfilet und frischen Thunfisch bei, schließlich kamen auch Obst und Nüsse dazu. Längst hat der IT-Experte seine Facebook-Page auf eine eigene Webseite übertragen: Sie heißt www.herdy.co und schickt sich an, zum kenianischen Amazon für Lebensmittel zu werden.

Derrick Muturi ist das 27-jährige Vorzeigeexemplar eines kenianischen Unternehmers, der sich die vierte industrielle Revolution zunutze zu machen wusste, aber keineswegs der einzige. Digitale Start-ups schießen in Nairobi derzeit wie Pilze aus dem Boden: Ob es sich dabei um zwei junge Frauen handelt, die Tickets für Fernbusse übers Internet verkaufen, einen Tüftler, der eine Handy-App für oft übers Ohr gehauene Milchfarmer geschrieben hat, oder die Freundin eines Taubstummen, die gegenwärtig eine Applikation für Zeichensprache entwickelt. Meist stehen die Jungunternehmen mit einem der drei Dutzend „iHubs“ in Verbindung, die in den vergangenen Jahren in Nairobi entstanden sind. Diese „iHubs“ sind vom Staat oder privaten Institutionen gesponserte Einrichtungen, in denen man preiswert ins weltweite Web gelangen, sich mit Kollegen austauschen oder Rat von erfahrenen Business-Mentoren einholen kann. Auch Muturi wäre ohne dieses virtuelle Labor nicht weit gekommen: „Die haben mir immer wieder die entscheidenden Impulse gegeben“, sagt er im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin brand eins.

Noch vor zehn Jahren lebten die Kenianer – zumindest virtuell – im Land der Ahnungslosen. Ihre Internetverbindungen waren betulich wie der Gang eines Chamäleons und teurer als ein Schengen-Visum. Solange der ostafrikanische Staat durch kein Unterseekabel mit der Welt verbunden war, funktionierte der Zugang zum Internet nur über Satelliten – zu für die meisten Kenianer unerschwinglichen Preisen. Ein aufgeweckter Ministerialdirektor im Kommunikationsministerium sorgte schließlich dafür, dass der Staat gegen den Widerstand der Weltbank mit dem globalen Kabelnetzwerk im Ozean verbunden wurde: Heute wird Bitange Ndemo als Vater der kenianischen Digitalisierung verehrt.

Inzwischen ist das Land mit fünf Unterseekabeln versorgt, fast 18 Millionen Menschen verfügen bereits über einen Breitbandanschluss. In Nairobis Straßen kann man übers Handy ein Taxi bestellen, in Hunderttausenden von abgelegenen Hütten sorgen Sonne und Mobilfunktechnologie für Strom. Nirgendwo in Afrika wurden mehr neue Apps als in Kenia entwickelt. In Anlehnung an Silicon Valley gaben Fachleute dem ostafrikanischen Land den Beinamen „Silicon Savannah“. Was Jahrzehnte von Entwicklungshilfe und Milliarden von US-Dollar nicht ausrichten konnten, scheint die Informationstechnologie in nur wenigen Jahren zu schaffen: Afrika wird von der Digitalisierung in die Moderne katapultiert.

Was den meisten der kenianischen Startups gemein ist: Sie hängen vom bargeldlosen Bezahlsystem M-Pesa ab – wie Derrick Muturis Motorradkurier, der in „Nai-robbery“ mit Banknoten in der Tasche nicht einmal die nächste Kreuzung passieren könnte, ohne ausgeraubt zu werden. M-Pesa ist der Stolz der Kenianer: Die einzigartige Methode der mit dem Handy per SMS getätigten Geldüberweisungen wurde in Nairobi erfunden und entwickelt, bevor sich ihr Siegeszug über zahlreiche afrikanische Staaten hinweg bis nach Europa und Asien fortsetzte. Es handelt sich um die erste bedeutende Erfindung in der Digitaltechnologie, die in Afrika ihren Ausgang nahm und das Potenzial hat, das Geldwesen weltweit durcheinander zu wirbeln.

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