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Katholische Kirche Das Kreuz der polnischen Frauen

Die katholische Kirche versucht, Polinnen auf ihre Rolle der drei Ks zu begrenzen – doch diese scheren sich immer weniger darum. Und endlich hilft auch die Politik – ein bisschen.

Vor allem die konservativen Polen und Anhänger der katholischen Kirche wehren sich dagegen, das traditionelle Frauenbild zu verändern. Foto: REUTERS

Es ist ein typisch inhaltsloses Streitgespräch. Es geht um Gewalt gegen Frauen, und die Argumente grenzen an Absurdität. „Die Konvention wird unsere Gesellschaft und die Identität junger Menschen zerstören“, empört sich die konservative und kirchennahe Politikerin Marzena Wrobel im TV-Studio. Ihr Hassobjekt: die im Februar von den beiden Parlamentskammern Polens durchgewinkte „Konvention des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt“. Die Konvention war in Polen, anders als in Deutschland, wo die Ratifizierung noch aussteht, mehrere Monate Topthema, die Positionen extrem schrill.

Durch solche Diskussionen geraten diejenigen in den Hintergrund, um die es eigentlich geht. Frauen wie Agnieszka Kowalska*. Die zweifache Mutter lebt seit vier Monaten mit rund dreißig anderen Frauen in einem Frauenhaus einer Großstadt im südpolnischen Oberschlesien. Die Schutzstelle liegt am Rande der Stadt, die Fenster sind vergittert. Die 35-Jährige ist inzwischen geschieden, sie hat in ihrer Ehe jahrelang physische und psychische Gewalt erfahren, auch ökonomisch sei sie von ihrem Ex-Mann drangsaliert worden. „In der Wohnung meines Ex-Mannes, die er vor unserer Hochzeit gekauft hatte, habe ich mich nur als Zusatz gefühlt, der rausgeworfen werden konnte, wenn er nicht mehr gebraucht würde.“ Er habe die Finanzen kontrolliert, ihr fehlende Sparsamkeit vorgeworfen und verlangt, dass sie ihren Lohn auf sein Konto überweist. Über mehrere Jahre habe sich die Gewalt gegen sie hingezogen. Zunächst habe sie gearbeitet. Später, als sie wegen der Kinder nicht berufstätig war, habe er von ihr Einkaufsquittungen verlangt, sie psychisch und physisch missbraucht. Auch sexuell sei sie genötigt worden, er habe stets danach verlangt, „was ihm zusteht“. Die Gewalt nahm stetig zu, bis sie von ihrem Mann bewusstlos geschlagen wurde. Sie klagte ihn daraufhin wegen Misshandlung an, das Gericht gab ihr Recht und bestätigte seine Schuld – und die Scheidung. Nun hat sie wieder ihren Mädchennamen angenommen. „Ich wollte wieder fühlen, dass ich etwas Eigenes habe“, sagt sie.

Einen wichtigen Grund sowohl für seine Gewalt, als auch für ihr jahrelanges Ertragen sieht sie in ihrer ökonomischen Abhängigkeit. „Ich hätte viel früher einen Schlussstrich gezogen, wenn ich finanziell unabhängig gewesen wäre und mich und meine Kinder hätte allein unterhalten können.“

Um Gewalt wie jener gegen Agnieszka Kowalska besser als bisher einen Riegel vorzuschieben, ratifizierte das polnische Parlament (Sejm) im Februar dieses Jahres die besagte Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt. Mit Ministerpräsidentin Ewa Kopacz brauchte es dazu einer Frau in Regierungsverantwortung, denn ihr männlicher Vorgänger Donald Tusk hatte die Ratifikation stets aufgeschoben. Kopacz, gelernte Kinderärztin und seit September 2014 im Amt, brachte ihre Partei auf Linie. Endlich, sagen Frauen-Organisationen. Denn nach Angaben des staatlichen Instituts für Rechtsprechung (IWS) gibt es in Polen jährlich mindestens 700 000 weibliche Opfer physischer und sexueller Übergriffe. Etwa 150 Frauen sterben jedes Jahr allein infolge familiärer Konflikte.

Konservative Kritiker verweisen zwar darauf, dass die geltenden Gesetze ausreichten und auch, dass laut Zahlen der Agentur für Menschrechte der Europäischen Union (FRA) die Gewalt gegen Frauen in Polen geringer sei als in anderen Staaten Westeuropas, darunter in Deutschland. Frauen-Organisationen und Befürworterinnen betonen jedoch, dass die FRA-Angaben irreführend seien. „In anderen Staaten, etwa in Skandinavien, ist das Bewusstsein der Frauen ob ihrer Rechte wesentlich größer, und auch die Polizei unterstützt dort von Gewalt betroffene Frauen viel stärker als in Polen“, sagt die bekannte Feministin Kazimiera Szczuka.

Die Konvention soll Abhilfe schaffen. Wichtige Instrumente sind dabei eine stärkere Unterstützung durch Polizei und Justiz, Bildungsprogramme, eine schnellere Isolierung des Täters vom Opfer oder ein strikteres Annäherungs-Verbot. Bislang haben 36 Staaten die im Jahr 2011 in Istanbul ausgearbeitete Konvention unterzeichnet, inzwischen ist sie in 16 Ländern ratifiziert. Deutschland hat die Umsetzung für die laufende Legislaturperiode angekündigt. Es dauert wohl auch deshalb so lange, weil es hierzulande kein Thema für die ersten Seiten ist. Anders in Polen. Präsident Bronislaw Komorowski, der die Konvention gegenzeichnen musste, hielt sich lange ob des schrillen Störfeuers von Seiten der Konservativen und der Kirche bedeckt. Etwas überraschend hat er die Konvention dann doch vor den Präsidentschaftswahlen unterzeichnet.

Beobachter spotteten, dass er wohl noch abschätzen musste, ob er durch seine Unterschrift mehr liberale und linke Wähler gewinnen, als er auf der konservativen Seite verlieren dürfte. Vor allem aber zögerte Komorowski deshalb, weil die mächtige katholische Kirche im Land gegen die Konvention wettert. Das Dokument übergehe „natürliche biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau“ und gefährde die „traditionelle polnische Familie“. Die Kirche stört sich vor allem an Artikel 12, wonach „gesellschaftliche und kulturelle Verhaltensmuster von Frau und Mann“ zu ändern und als eine der Ursachen von Gewalt zu beseitigen seien. Nach Ansicht der kirchennahen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die rund ein Drittel der Polen repräsentiert, gefährdet die Konvention gar die „Grundlagen der Zivilisation“.

Tatsächlich ist ein Großteil der Polen – über 90 Prozent bekennen sich zum katholischen Glauben – deutlich konservativer als etwa in Deutschland. Gender-Mainstreaming, Abtreibung, In-vitro-Fertilisation – alle Parteien rechts der liberal-konservativen PO schreien im Einklang mit der katholischen Kirche dagegen. „Gender“ sei eine dem Marxismus nahe Ideologie, tönen Kirchenhierarchen und Politiker. Das Abtreibungsrecht, bereits jetzt mit das schärfste in der EU, sollte nach dem Willen von vielen Erzkonservativen und auch Bürgerinitiativen den Schwangerschaftsabbruch auch bei Vergewaltigungen verbieten. Ob solcher Positionen war die Konvention bereits vor der Ratifizierung über mehrere Monate Gegenstand intensiver Debatten. Eines eint die vom Klerus und den Erzkonservativen vorgetragen Streitpunkte: Sie betreffen alle die Versuche, das traditionelle Bild von Frauen als „Mutter Polin“ zu verändern. „Die kirchlich geprägten Rollenmuster in der Familie begünstigen mitunter Gewalt, sie stärken in den Frauen die Überzeugung, dass sie ihr Kreuz tragen und stets verzeihen müssten, und sich bloß nicht scheiden lassen sollten“, kritisiert Urszula Nowakowska, Direktorin des Zentrums für Frauenrechte in Warschau.

Die traditionellen Rollenmuster, die die drei Ks – Kirche, Küche und Kinder – voranstellen, spiegeln sich auch in der deutlich schlechteren Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt wider. So liegen die durchschnittlichen Monatsbruttolöhne polnischer Frauen mit umgerechnet rund 870 Euro etwa 250 Euro niedriger als bei Männern. Ein Großteil der Polinnen muss mit kaum mehr als dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 420 Euro auskommen. Hinzu kommt, dass die Erwerbsquote von Frauen mit 58 Prozent (Dtl.: 73 Prozent) mit die niedrigste innerhalb der EU ist.

Der schwierige Arbeitsmarkt mit der wachsenden Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse diskriminiert Frauen stärker als Männer, die zaghaften Ansätze der staatlichen Familienpolitik festigen traditionelle Rollenmuster mehr, als sie zu schwächen. Und während die Scheidungsrate steigt, weigern sich viele Männer, Unterhalt zu zahlen – bislang kann der Staat durch lasches Einwirken nur 15 Prozent der Verweigerer zur Zahlung zwingen. Dies verwundert kaum. Denn die Verantwortlichen in staatlichen Institutionen teilen mitunter die Linie der Kirche: Ehe und Familie sind heilig, Scheidung ein Verstoß gegen Gottes Gesetze. Die Psychologin Magdalena Filipczak berichtet aus ihrer Erfahrung bei der Arbeit in einem städtischen Frauenhilfezentrum, dass staatliche Organe vor allem psychische Gewalt bagatellisierten und auch Verwandte oder Geistliche dazu neigten, das Opfer zur Täterin zu machen.

Doch vor allem junge Polen lassen sich immer seltener von den Geistlichen vorschreiben, den Zusammenhalt der Familie über ihr eigenes Leben zu stellen. Laut einer repräsentativen Erhebung ist die Zahl der Menschen, die auf kirchliche Weisungen Wert legen, innerhalb der letzten zehn Jahre von 66 auf 39 Prozent gesunken. Bei jüngeren Personen noch deutlich stärker. Zu diesen jüngeren Frauen gehört auch die 28-jährige Marta Bednarska. Die dreifache Mutter hat nach über einem Jahr Aufenthalt im Frauenhaus schon so viel Selbstbewusstsein getankt, dass sie keine Angst hat, ihren tatsächlichen Namen in der Zeitung zu lesen. Auch bei ihr hat sich die Gewalt innerhalb der acht Ehejahre gesteigert – zunächst psychisch, dann kamen die Schläge. „Am Anfang habe ich die Schuld bei mir gesucht, meinen Partner entschuldigt und weil ich nicht gearbeitet habe, traute ich mich lange nicht, wegzugehen.“ Doch dann habe es einen „Aha-Effekt“ gegeben – „und ich habe festgestellt: Ich schaffe es alleine.“ Inzwischen hat sie keine Scheu mehr, sofort die Polizei zu rufen, wenn ihr Ex-Partner sie belästigt. Bednarska spricht selbstbewusst über ihre Zukunft. „Keine Ehe bis zum Tod – ich warte sehnsüchtig auf die Scheidung. Zum Glück sind einige Frauen klug und gehen rechtzeitig weg.“

*Name geändert

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