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Katastrophenschutz Rennen, so schnell wie möglich

Tsunamis gefährden auch Nordamerika – doch der Katastrophenschutz ist lachhaft. Den Menschen bleibt im Ernstfall viel zu wenig Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen.

Tofino auf Vancouver Island: Für die meisten Einwohner käme jede Flutwarnung zu spät, weil es nicht einmal Sirenen gibt.

Als in Japan die Erde bebt, ist Josh Lewis auf der anderen Seite des Globus gerade auf dem Weg ins Bett. Da blinkt sein Handy auf dem Nachttisch. Eine SMS. „Achtung“, liest Lewis auf dem Display. „Erdbeben in Japan. Seien Sie wachsam und meiden sie die Nähe des Ufers.“ So liest sich eine Tsunami-Warnung.Es ist Mitternacht am 11. März in Tofino, einer kleinen Küstengemeinde auf Vancouver Island im Westen von Kanada. In 7000 Kilometer Entfernung hat sich gerade ein Jahrhundertbeben ereignet. Die Ausläufer der Tsunami-Wellen sind schon auf dem Weg über den Pazifik nach Nordamerika. In ein paar Stunden werden sie da sein. Lewis rennt sofort zum Fenster. Draußen tobt ein Wintersturm. Es schüttet in Strömen, das Meer ist aufgewühlt und voller weißer Schaumkronen. Brecher spülen Baumstämme an den Strand. Kurz denkt der Surflehrer darüber nach, auf dem Fahrrad zu flüchten. Doch wohin? Tofino ist abgelegen, bis zur sicheren Küstenseite von Vancouver Island sind es merh als 150 Kilometer. Also verbringt Lewis die Nacht im Haus einer Freundin, das etwa 30 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Das gilt als sicher. Schlaf wird er auch dort kaum finden,„Keiner von uns wusste, mit welcher Gewalt die Tsunami-Wellen auf unser Ufer treffen würden“, erzählt er heute, drei Monate nach der Katastrophe. „Wir haben die ganze Nacht Radio gehört und gehofft, dass alles gut geht.“ Es geht gut. Dieses Mal verschont der Tsunami Tofino weitgehend. Doch es hätte auch anders kommen können.

Immer wieder wird die Westküste Kanadas von gewaltigen Tsunamis heimgesucht. Der bekannteste Vorfall ereignete sich am Karfreitag 1964. Nach einem Beben in Alaska spülten riesige Wellen in einer Nachbargemeinde Tofinos mehr als 50 Häuser ins Meer und zerstörten weitere 380. Archäologen haben in der Region Nachweise für mindestens acht weitere Tsunamis gefunden.

Gefahr droht nicht nur aus der Ferne. Die Pazifikküste von Oregon bis Vancouver gilt als eines der seismologisch am stärksten gefährdeten Gebiete der Welt. Forscher nennen es Cascadia-Subduktionszone. In dem Areal im Pazifik schiebt sich die San-Juan-de-Fuca-Platte unter die Kontinentalplatte Nordamerikas und verkeilt sich da. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auf Vancouver Island zur Katastrophe kommt.

Das weiß auch Eric Graham. Der Kommunalbeamte ist der Tsunami-Beauftragte von Tofino. Er ist dafür verantwortlich, dass die 1800 Bewohner und die vielen Besucher im Ernstfall rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Graham sagt: „Wir werden nicht immer so viel Glück haben wie am 11. März. Als die Wellen hier ankamen hatten wir Ebbe, auch deswegen gab es kaum Schäden. Beim nächsten Mal kann das ganz anders sein.“

Nur 15 bis 20 Minuten Zeit

Am Chesterman-Strand, ein paar Kilometer außerhalb des Ortes, wird die Gefahr sichtbar. Auf dem Meer reiten gerade einige Surfer in ihren farbigen Neopren-Anzügen auf den bis zu sechs Meter hohen Wellen. Strandgänger klettern über Baumstämme, die die gewaltige Brandung angespült hat. Zwischen den roten Zedern und Sitka-Fichten des pazifischen Regenwaldes stehen am Ufer ein paar Holzhäuschen von Aussteigern und Naturliebhabern, daneben Luxushotels direkt am Wasser. Spezielle Bauvorschriften für die gefährdeten Küstengebiete gibt es nicht.

In der Nacht des Japan-Bebens hatten die Behörden alle Strände gesperrt und nach Menschen abgesucht. Polizisten und Feuerwehrleute waren stundenlang unterwegs, klopften an die Türen und warnten die Leute. Öffentliche Lautsprecher gibt es keine.In jener Nacht galt die Gefahrenstufe zwei. Das bedeutet, dass nur gewarnt wird, wer direkt am oder auf dem Wasser lebt oder wessen Haus unterhalb der kritischen Marke von 15 Metern liegt. Erst bei der höchsten Stufe, drei, gibt es umfassende Evakuierungen. Dann soll in Tofino die gesamte Bevölkerung in einer höher gelegenen Schule versammelt oder auf den Radar Hill geführt werden. Das ist ein felsiger Hügel 15 Kilometer außerhalb des Ortes, auf dem im Zweiten Weltkrieg eine Radarstation stand. Die Regierung verlässt sich auf die pazifischen Tsunami-Frühwarnsysteme auf Hawaii und in Alaska. Bojen im Pazifik liefern die nötigen Daten.

So weit die Theorie. In der Praxis aber gibt es viele Probleme. In Tofino, aber auch in vielen anderen Küstengemeinden. Da die Wellen die Geschwindigkeit eines Düsenjets erreichen können, bleiben bei einem Tsunami lokalen Ursprungs nur 15 bis 20 Minuten Zeit, um die Menschen in Sicherheit zu bringen. In Tofino weisen nagelneue Schilder mit der Aufschrift „Tsunami Evacuation Route“ den Weg. Allerdings gibt es in der Gegend nur eine einzige Straße. Und sie liegt so tief, dass sie schnell überschwemmt würde. Bei Übungen, die eigentlich einmal im Jahr stattfinden sollen, bildeten sich lange Staus. Dieses Jahr wird die Übung wegen Personalmangels ganz ausfallen.

Kommunikation ist ein Problem

„Es gibt noch viel zu tun“, sagt Geoff Johnson vom kleinen Sender „Long Beach Radio“. In der Nacht des Japan-Bebens war sein Sender neben dem Internet die wichtigste Informationsquellen für die Bürger. Doch nicht jeder hört Radio oder schaut ins Internet. Also hat die Gemeinde zwei Sirenen gekauft. Die Bewohner aber streiten sich seit Monaten, wo man sie aufstellen soll. „Ich verstehe, dass wir Sirenen brauchen“, sagt Tammy Shymko, eine Anwohnerin. „Aber ich bin dagegen, mit den Ungetümen die schönen Strände zu verschandeln.

„Unser größtes Problem ist die Kommunikation“, sagt Dave McVetty. Der Mann mit der braunen Uniform und der kleinen kanadischen Flagge am Ärmel ist Leiter des Pacific-Rim-Nationalparks an der Küste. Er sorgt sich um die vielen Tausend Paddler, Bootsfahrer, Surfer, Camper und Wanderer, die die einsamen Fjorde und Strände jeden Sommer besuchen. Sie wären kaum rechtzeitig zu warnen.

Die Behörden setzen vor allem auf die Eigeninitiative ihrer Bürger. In Flugblättern werden die Bewohner aufgefordert, zweimal im Jahr alle Fluchtwege abzulaufen. Für den Ernstfall lautet die schlichte Empfehlung: „Rennen Sie so schnell wie möglich.“ Mitnehmen sollen die Flüchtenden nur eine Art Notfalltüte. Zum empfohlenen Inhalt gehören unter anderem: Vitaminpillen, Zahnseide, Kaugummi.

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