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Karl-Marx-Hof Mein Heim, meine Burg

Der Marx-Hof in Wien gilt als revolutionäres Wohnprojekt der 20er Jahre. Karl Treml ist Mieter der ersten Stunde. Er will bleiben, bis zu seinem Tode. Von Alexander Musik

21.01.2009 00:01
Die Fassade des Karl-Marx-Hofes im Wiener Norden. 1,1 Kilometer ist sie lang - Weltrekord. Foto: dpa

Kurt Treml kommt verspätet zum verabredeten Treffpunkt vor seinem Büro, in dem er einmal in der Woche Mieterprobleme zu lösen hilft. Treml, 77 Jahre alt, gelernter Tischler, ist Mieterobmann eines Wiener Sozialwohnungsbaus, mit einer durchlaufenden Fassadenlänge von 1,1 Kilometern. Weltrekord. Es ist darüber hinaus nicht irgendein Wohnkomplex, in dem Kurt Treml seit Babytagen lebt, es ist der Karl-Marx-Hof, ein soziales Projekt von historischer Bedeutung. Womit Kurt Treml selbst so etwas ist wie eine Figur der Zeitgeschichte, auch wenn er kein Mann der großen Worte ist. Er sagt es so: "Der Hof ist mein Leben." Und er war seine Familie, nicht nur, weil er hier seine Frau kennen gelernt hat.

Später beim Treffpunkt wird er erzählen von dieser Familie: "Wenn man Durst hatte, hat man gerufen, dann ist irgendwo a Fenster aufgegangen, ist eine Milchkanne runtergekommen mit Wasser. Einer kannte den anderen, wir wussten, wer a Kommunist war, so viel Kommunisten ham mir nicht gehabt, warn ja nur viere im ganzen Karl-Marx-Hof."

Dass Treml nun aber immer noch nicht da ist, liegt an den Tücken des Objekts, der einschüchternd und dennoch so harmonisch wirkenden, rostrot-gelb getünchten Wohnanlage im Wiener Norden, nahe dem Donaukanal. Und es liegt ganz speziell an den Tücken von Tremls Wohnung, seiner "Bauernstub'n", wie er sie nennt. Postadresse: Boschstraße 17/56/3/14. Nach Wiener Zählung bedeutet das Haus- und Stiegennummer, Stockwerk und Wohnungsnummer.

Tremls Rollstuhl hat sich nämlich im Aufzug verkantet, weil der eigentlich viel zu klein ist. Es dauert, ohne fremde Hilfe von der "Bauernstub'n" in den nachträglich eingebauten Lift zu rollen, der aus baulichen Gründen nur bis zum ersten Stock fahren kann. Danach steigt der alte Mann mit Mühe und vielen Pausen, aber stets heiter in den selbst finanzierten Treppenlift um, der die enge Kurve bis an die Haustür gerade so schafft.

Der "Marxl-Hof", das bedeutete für Tremls Eltern und alle anderen, die bald nach der Erbauung 1928 eingezogen sind, eine Revolution der Wohnverhältnisse, eine für die Arbeiter: jede Wohnung mit fließend Wasser und eigenem WC. Mit Waschküche, Kindergarten, Grünflächen, Mütterberatungsstelle, Zahnklinik und Läden auf dem Gelände. Plus sozialdemokratischem Parteilokal, selbstverständlich. Wer noch kein Roter war, sollte es spätestens im Karl-Marx-Hof werden. Vorbei war damals die Zeit der so genannten Bassena, jenes winzigen Waschbeckens auf der Etage, das noch heute in manchen Wiener Altbauten zu sehen ist und immer gut war für den klassischen Bassena-Tratsch.

Treml ist nun da und geschafft. Auch wenn jeder Gang für ihn mühsam ist, er denkt nicht im Traum daran, wegzuziehen. 192 Euro Miete zahlt er für 52 Quadratmeter Wohnfläche plus vier Quadratmeter Loggia, die er hier bewohnt. Viel ist das nicht. Aber damals, sagt Treml: "Ein Klosett, eine Wasserleitung drin, ein Gasherd und ein Gasbügeleisen! Das haben sie dann wegnehmen müssen, weil, da ham sich viele Mädchen vergiftet."

Der Karl-Marx-Hof, geplant vom Architekten und Otto-Wagner-Schüler Karl Ehn, besteht aus einem zurückgesetzten "Superblock" mit vorgelagertem Platz, an dessen beiden Seiten sich je zwei Höfe anschließen. Riesige halbrunde Portale führen in die geschützte Halböffentlichkeit des Hofinnern. Von dort lassen sich über 98 Stiegen 1382 Wohnungen erreichen. Wohnungen für gut 5500 Menschen, für jeden Bedarf, das war schon damals geplant: vom Ledigenzimmer für entlassene Dienstmädchen oder ausgemusterte Soldaten der Monarchie bis zur Arbeiterfamilie mit mehreren Kindern.

Der Marx-Hof wurde im Wesentlichen in Handarbeit hochgezogen, wobei nur 18 Prozent des Grundstückes bebaut wurden, der große Rest - 156 000 Quadratmeter - blieb Freifläche, auch das eine Revolution selbst im kommunalen Wohnungsbau der Zeit.

Finanziert wurden die Wiener Gemeindebauten durch eine Wohnbausteuer, die der Finanzpolitiker Hugo Breitner angeordnet hatte: Hohe Abgaben waren für die Haltung von Reitpferden, Automobilen oder für die Beschäftigung von Hauspersonal zu zahlen. Der Sozialdemokrat Breitner, seine Gegner nannten ihn einen "Steuersadisten", drückte es so aus: "Die Betriebskosten der Schulzahnkliniken liefern die Besitzer der vier größten Wiener Konditoreien, die Schulärzte zahlt die Nahrungsmittelabgabe des Sacher; das städtische Entbindungsheim wurde aus den Steuern des Stundenhotels erbaut und seine Betriebskosten deckt der Jockey-Club mit den Steuern aus den Pferderennen."

Zwischen 1923 und 1934 entstanden auf diese Weise im "Roten Wien" mehr als 60 000 Wohneinheiten für mehr als 220 000 Menschen. "Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen", prophezeite Bürgermeister Karl Seitz bei der offiziellen Eröffnung des Hofes im Jahre 1930.

Der Baugrund, eine morastige Wiese an einem alten Donauarm, befeuerte die Häme der klerikalen und rechten Presse gegenüber dem Großunternehmen zusätzlich. Auf das Absinken und den Einsturz des Rohbaus und damit der ganzen Wiener Wohnbaupolitik wartete man genüsslich.

Dazu kam es nicht, dafür geriet der Karl-Marx-Hof unter echten Beschuss. Im Februar 1934 brach ein Aufstand gegen den faschistischen Ständestaat los. Hinter den mächtigen Einfassungsmauern hatten sich die Kämpfer des sozialdemokratischen Schutzbundes verschanzt. Fünf Tage dauerte es, bis ihr Widerstand gebrochen war - durch schweren Beschuss von der Hohen Warte aus. Auf der nahe gelegenen Anhöhe hatten sich Bundesheer und Heimwehr postiert. 1934 - das Ende des Roten Wiens.

"Platz des 12. Februar" heißt heute das Zentrum des Marx-Hofes in Erinnerung an damals, auf dem Portal prangt groß der Name, auf den nun Ilse Hubinka, 58, energisch deutet. Hausbesorgerin ist sie, leidenschaftliche Sozialdemokratin, und redet sich fast in Rage, so wie immer, wenn es um den Februar '34 geht. "Auf Leute zu schießen von einem Berg aus, das ist doch Irrsinn, meiner Meinung nach. Nur weil Leut' einen anderen politischen Sinn haben!"

Noch bei der Generalsanierung in den 80er Jahren fürchtete man, auf Blindgänger im Mauerwerk zu stoßen. Hubinka war damals schon Hausbesorgerin, für Ordnung sorgen, für Sauberkeit, jede Woche ist Kehrwoche für sie. Ihre Dienstzeit, sagt sie, beträgt 24 Stunden am Tag, auch sonn- und feiertags: "Ja, es macht mir noch Spaß. Auch wenn die Mieter mich die ganze Nacht aus dem Bett klingeln können, damit ich ihnen aufsperre. Das kostet 4,50 Euro vor Mitternacht und fünf Euro nach Mitternacht. Und bis 1998 wurde die Miete bei mir in bar eingezahlt. Bloß der Zusammenhalt der Mieter ist nicht mehr wie früher."

Woran das liegt? Ilse Hubinka zündet sich die nächste Zigarette an und seufzt: Man kenne sich nicht mehr, man verstehe sich nicht, buchstäblich, besonders die Neo-Österreicher, wie sie hier heißen, Migranten mit österreichischem Pass, die in den Augen vieler immer Ausländer bleiben. Ilse Hubinka überlegt sich in jüngster Zeit genau, wen sie anspricht, wenn jemand im Hof Fußball spielt, Fahrrad fährt, mit dem Hund auf der Wiese Gassi geht oder Sperrmüll einfach vor die Tür stellt. "Die Leute haben keinen Respekt mehr vor der Hausbesorgerin", sagt die Hausbesorgerin.

Sie wird dennoch weitermachen, bis es nicht mehr geht, als eine von 20 Hausbesorgerinnen im Karl-Marx-Hof. Sie hat ja auch ihren Stolz, ihre Berufsehre - und ihren Humor. Auf ihrem Grabstein soll einmal stehen: "Sie kehrt nie wieder."

Die Fotografien von Gerald Zugmann

stammen aus dem Bildband "Karl-Marx-Hof - Versailles der Arbeiter", Hrsg. von Gerald u.

Genoveva Kriechbaum, Holzhausen Verlag Wien 2008, 152 S., 29,90 Euro.

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