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Kapitalismustribunal Gegen das System

Das „Kapitalismustribunal“ in Berlin will an diesem Wochenende zu einem Generalstreik aufrufen, der dem Arbeitswahn entsagt und den Müßiggang vorzieht.

01.10.2015 13:39
Katrin Gottschalk
So sieht sinnvoller Widerstand gegen das System aus! Foto: Imago

Faulheit ist gerade auf Erfolgskurs. Zumindest die Forderung nach ihr. Auf ihrer Lesetour durch Deutschland in diesem Sommer rief etwa die britische Autorin Laurie Penny zu einer Revolution der faulen Frauen auf. Das alternative Wirtschaftsmagazin „brandeins“ erschien im August mit dem Schwerpunkt Faulheit, am Ende desselben Monats erschien das Buch „Sag alles ab!“ aus dem Hause Bartleby – in dem sogenannten Zentrum für Karriereverweigerung haben sich Menschen zusammengeschlossen, die den Müßiggang vorziehen.

Die Analysen auf allen Ebenen lassen sich auf eine Frage reduzieren: Warum schuften wir uns dermaßen ab, fühlen uns ständig am Rande des Machbaren, wo wir doch genau damit das System stützen, das uns diesen Kraftakt als Freiheit verkauft? Diejenigen, die das fragen, sind größtenteils studierte Kulturschaffende, Wissenschaftlerinnen, Journalisten. So auch im Hause Bartleby. Und „das System“ ist der Kapitalismus.

Das Buch versammelt „Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik“. Ein sehr attraktiver Ansatz. Wer war nicht schon einmal an dem Punkt, einfach laut und stark „Nein“ zu sagen und aus Protest die Arbeit niederzulegen?

Da überrascht es, dass dem Streik selbst letztlich nur ein Text im Buch gewidmet ist. Die Sozialökonomin Lucy Redler berichtet von den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Metall- und Druckindustrie, die 1984 die 35-Stunden-Woche erstreikt haben, und erinnert daran, dass die Gewerkschaft der Lokführer eine der zwei einzigen Gewerkschaften sei, die sich derzeit für eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich eingesetzt haben.

Faulheit ist nicht Müßiggang

Ein wütender Streik würde allerdings nicht ganz zu den Mitgliedern des Hauses Bartleby passen, die tatsächlich vielmehr schöngeistige Flaneure denn Faulenzer sind, die ihre Botschaft in Art déco und lässiger Barmusik verpacken. Wolf Lotter schreibt in „brandeins“: „Der klassische Müßiggang ist aber nicht Faulheit an und für sich. Er ist, wie das Sozialwissenschaftler sagen, ein Distinktionsmerkmal, mit dem sich die besseren Kreise vom einfachen Volk – aber auch untereinander – abgrenzen.“ Man muss sich Müßiggang leisten können.

Es ist aber auch eine Zwickmühle: Echte Faulheit würde zweifelsohne dazu führen, dass kaum eine Person Notiz vom Haus Bartleby nehmen würde, weil es keine Buchveröffentlichung, keine Veranstaltung, keine Webseite dazu geben würde. Öffentlichkeitsarbeit ist auch Arbeit. Und so ist einer der stärksten Texte im Buch einer, der genau diesen Umstand reflektiert.

Auch Liebe ist Arbeit

Ulrich Renz attestiert sich selbst als mit einer Zivilisationskrankheit infiziert, die ihn als verhinderten Müßiggänger genauso trifft wie etwa die namenlosen „Menschen im Hamsterrad“: Auch er wolle mitspielen, wolle gefallen. „Will Anerkennung, will geschätztes Teil einer Gemeinschaft sein. Will die Liebe der Welt. Auch ich habe kein Rezept gegen die große Leere. Auch für mich ist Arbeit die einfachste Lösung.“

Überhaupt zeichnet sich „Sag alles ab!“ dadurch aus, dass die Kritik am Buch schon im Buch selbst enthalten ist. Denn der Arbeitsbegriff der meisten Texte verkennt, dass Arbeit nicht nur Erwerbsarbeit bedeutet, wie Andrea Komlosy feststellt und folgerichtig zusammenfasst: „Leben ist Arbeit“. Auch Liebe in Zeiten des Kapitalismus ist Arbeit, Beziehungsarbeit. Auch Kindererziehung ist Arbeit. Einen Haushalt zu führen ist Arbeit. Alles Arbeiten, die zum Großteil von Frauen erledigt werden. Eine Perspektive, die diesem Buch zwar fehlt, dafür aber im Fokus von Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge“ steht – ebenfalls bei Edition Nautilus erschienen. Ein Verlag, der sich übrigens in einer Zeit gründete, als die situationistische Forderung „Ne travaillez jamais“ – „Arbeiten Sie nie“ – durch die Straßen von Paris geraunt wurde.

In ihrem aktuellen Buch kritisiert Penny einen Feminismus, der in einem Erwerbsarbeitsverhältnis oder einer Führungsposition allein schon den Gipfel der Emanzipation sieht: „Während sich Feministinnen früher über die ‚zweite Schicht‘ beschwerten, die Frauen jenseits des Arbeitsplatzes mit Hausarbeit und Kindererziehung übernahmen, hat heute die Verpflichtung zur bedingungslosen Leistungsbereitschaft sämtliche Lebensbereich infiziert.“ Und die Ansprüche sind an Frauen besonders hoch und widersprüchlich. Sie müssen attraktive, erfolgreiche Mütter sein. Heilige und Hure gleichzeitig.

Auch bei Laurie Penny ist „der Kapitalismus“ schuld an dem Zwang zu ständiger Selbstoptimierung und sinnloser Überarbeitung. Inwiefern „er“ dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden kann, lotet das Haus Bartleby an diesem Sonntag in Berlin zum dritten Mal aus. Das „Kapitalismustribunal“ ist eine Vorverhandlung für das große Tribunal im Frühjahr 2016 in Wien, bei dem ein Gerichtshof über die „Verbrechen“ eines ganzen Systems oder einzelner Akteurinnen und Akteure entscheiden soll. Das Haus Bartleby initiiert dies zusammen mit dem Club of Rome, der schon 1972 die Grenzen des Wachstums prognostizierte.

Und diese sind laut den Organisatoren erreicht: Das zeige die Finanz- und Klimakrise und letztlich auch die Flucht von Millionen Menschen aus ihrer Heimat in Richtung der Länder, die von der Armut anderer profitieren. Etwas gerät gerade gehörig ins Wanken – die Frage ist, ob Stillstand eine Antwort darauf sein kann.

Ein Generalstreik ist nötig

All die Aufrufe zu mehr Faulheit sind spannend, sprechen zweifelsohne vielen Leserinnen aus der Seele, aber sie drohen im Realitätscheck zu zerfallen.

In einem Vorgespräch im Vimeo-Kanal des Haus Bartleby zum Kapitalismustribunal erklärt der Schriftsteller Ilija Trojanow: „Wir brauchen keine Hohepriester, die Herrschaftswissen haben und den Weg zeigen, sondern massenhaften Widerstand.“ Einen wirklichen Generalstreik also, zu dem auch im Untertitel von „Sag alles ab!“ aufgerufen wird. Für diesen reichen ein paar intellektuelle Müßiggänger allerdings nicht aus. Faulheit muss für alle da sein können.

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