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Kanarische Inseln Die Höhlen-Frau von La Palma

Krankheit, Pleite, Haft: Hinter Gabriella lagen schwere Jahre des Leidens und der Frustration. Bis die Aussteigerin inmitten der felsigen Natur der Kanareninsel endlich ihr Glück fand.

30.08.2018 14:06
Gabriella
Angekommen: Gabriellas blauen Augen strahlen aus einem sonnengebräunten Gesicht. Foto: dpa

Als die 68er-Bewegung vor 50 Jahren freie Liebe, Pazifismus und einen alternativen Lebensstil propagierte, da war Gabriella noch gar nicht geboren. Aber mit dem „Spirit“ dieser Zeit kann sich die 44-Jährige identifizieren. Sie sei ein „stolzer Hippie“, sagt sie und ihre blauen Augen strahlen aus einem sonnengebräunten, glücklichen Gesicht.

Seit rund vier Jahren lebt die Deutsche in einem schwer zugänglichen Winkel von La Palma in einer Höhle – oder genauer gesagt in mehreren Höhlen, die einst die Urbevölkerung der Kanareninsel bewohnte.

Wer jetzt an dunkle Gewölbe denkt, an klaustrophobische Enge und Kälte, der liegt ganz falsch. Es ist gemütlich in Gabriellas Wohnhöhle, luftig und hell. Sie liegt leicht erhöht und ist an zwei Seiten offen. Ein mit einem Sonnenschutz aus hellem Stoff ausgekleidetes Fenster und der Eingang wurden von Zeit und Erosion in den Fels gemeißelt, ganz natürlich also.

Zwei Korbsessel an einem Holztisch, eine Küchenecke mit allerlei Schränkchen und Utensilien und ein Hochbett mit Moskitonetz leuchten bei Sonne im blauen Licht des Nachmittags. Eine sonderbare Energie liegt über dem Ort. Die Ahnen, die „Guanchen“, die einst hier lebten, seien noch immer präsent, sagt Gabriella. „Ich habe versprochen, den Ort nicht durcheinanderzubringen und nur minimal invasiv hier zu leben.“ Sollte sie eines Tages wieder fortziehen, werde alles so zurückgelassen, wie sie es vorgefunden habe.

Gabriellas Höhlen liegen in einem der vielen „Barrancos“ von La Palma. Das sind tiefe Schluchten, unzugänglich und unberührt, voll mächtiger Natur – darunter Feigenkakteen, duftender weißer Ginster, heimische Bäume und hohe Gräser. Die Höhlen sind so gut in die Landschaft integriert, dass sie erst sichtbar werden, wenn man direkt davorsteht. Und das ist auch gut so.

Denn Gabriella und ihr Lebenspartner Christian, der vor zwei Jahren zu ihr gezogen ist, lieben die totale Abgeschiedenheit. Bereits jetzt leben in der Schlucht weitere Aussteiger in Höhlen. Dass das Paradies von Schaulustigen überrannt und die Stille und Magie des Ortes dadurch zerstört werden könnten, ist ihrer aller Alptraum.

Nur acht Katzen und der alternde Hund von Gabriellas Tochter gehören zum Höhlenidyll – sowie gelegentlich Gäste, die „Retreats“ bei dem Paar buchen, um ihr stressiges Alltagsleben für ein paar Tage hinter sich zu lassen. Dabei helfen eine gemütliche Massagehöhle, deren Öffnungen mit Autofenstern ausgekleidet wurden, und eine etwas abseits gelegene Gästehöhle.

Spanien ist seit Jahrzehnten ein Mekka für Blumenkinder, Aussteiger und Lebenskünstler. Auch auf Teneriffa und La Gomera und im südspanischen Andalusien haben sich Menschen niedergelassen, die abseits aller Konventionen nach einem simpleren Lebensmodell suchten.

Gabriella wurde in der DDR geboren, in einem Dorf bei Dresden. Ihr Stiefvater geriet mit der Stasi aneinander und ging in den Westen. Als sie 14 war, erhielt die Familie die Ausreisegenehmigung. „Nur mit ein paar Koffern reisten wir ab und zogen in die Nähe von Recklinghausen.“

Der jugendlichen Gabriella fiel es schwer, sich im Westen zurechtzufinden. Die Freunde in der DDR wollten nichts mehr von ihr wissen, aber auch in der Bundesrepublik litt sie unter Vorurteilen. „Ich habe schon früh den Glauben an das politische System verloren“, sagt sie jetzt.

Mit 15 Jahren zog sie aus, putzte und kellnerte, um sich über Wasser zu halten, machte dann eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. „Aber ich habe gemerkt, dass ich in Deutschland einfach nicht klarkam.“ Nach vielen Umwegen, Irrungen, Wirrungen und Krankheiten gelangte sie vor 20 Jahren nach La Palma. „Die Insel hatte von Anfang an etwas Magisches. Hinter jeder Kurve gibt es etwas zu entdecken“, schwärmt sie und streichelt ihren Kater, der auf ihren Beinen schnurrt.

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