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K.I.Z. Dicke Hose mit Grips

Derbe, witzig, selbstironisch: Die Berliner Hiphopper K.I.Z. schaffen einen neuen Rappertyp. Für Songs wie "Hurensohn" werden sie gefeiert und gehasst. Von Daniel Erk

24.07.2009 00:07
Daniel Erk
Zum Niederknien: K.I.Z. Foto: Universal/BJ

Der kleine "Magnet Club" im Prenzlauer Berg ist gerammelt voll. Vorne drängen sich pubertierende Mittelschichtjungs in weiten Hosen, hinten stehen Musikjournalisten, Studenten und vereinzelte Mittdreißiger an der Bar. Auf der Bühne laufen die Rapper Nico, Maxim und Tarek vor dem Pult von DJ Sil-Yan auf und ab. Mit ihrer Band K.I.Z. machen sie, wie im Hiphop üblich, einen auf dicke Hose, geben markige Sprüche zum Besten und amüsieren sich über ihre eigene Proletenhaftigkeit.

Der übliche, Testosteron-gepowerte Hiphop-Abend halt - würden die K.I.Z.-Jungs nicht Zeilen wie diese rappen: "Ich dring ein, wo ich will wie Bushs Militär, danach zieh ich ihn aus dem Loch, als ob er Saddam wär." Kleine Club-Auftritte wie dieser liegen weitgehend hinter dem K.I.Z.-Kombinat; in diesem Sommer rappen sie Texte wie den oben zitierten "Hurensohn" auf größeren Open-Air-Bühnen. Und das Publikum reagiert euphorisch. Sie feiern die Berliner Band für die Dreistigkeit, mit der sie die gängigen Hiphop-Klischees übertreibt - ob besonders geistreich oder nur besonders derbe, darüber wird in der Presse derweil gestritten.

Die Diskrepanz zwischen den Inhalten einerseits und dem Witz und den Ferkeleien andererseits erklärt sich auch aus der Biografie der Band. Hier prallen Kreuzberger Schulhöfe und Bildungsbürgertum, Soziologiestudium und die Begeisterung für den Battle-Rap aufeinander - Letzteres eine rüde Spielart von Hiphop, bei der es darum geht, andere Rapper möglichst heftig zu beleidigen.

"Grotesk übersteigerte Alphatier-Lyrics"

Diese wilde Mischung hat ihren Ursprung als Spaß von Westberliner Gymnasiasten; in den Anfangstagen von K.I.Z. tat auch einer der Söhne Daniel Barenboims mit bei den rappenden Witzbolden mit. Doch nun hat der Spaß den Weg in die große Öffentlichkeit gefunden, und die Wellen schlagen höher.

Einerseits sind die Konzerte fast durchweg ausverkauft und die Albumverkäufe erstaunlich - "Hahnenkampf", die erste Veröffentlichung von K.I.Z. auf einem großen Label, kletterte prompt in die Top Ten. Journalisten, die wie Spiegel-Autor Jan Wigger loben den "unerhörten Einfallsreichtum und die Comic-haften, grotesk übersteigerten Alphatier-Lyrics".

Andererseits ist auch die Kritik heftig: Das Kölner Musikmagazin Intro, das sich selbst im links-progressiven Spektrum verortet und dem guten Geschmack verpflichtet sieht, verweigerte sich K.I.Z. grundsätzlich. Und Emma-Autorin Chantal Louis vermutete in den sexistischen, oft auch gewalttätigen Texten von K.I.Z. gar einen Verstoß gegen den §-130 des Strafgesetzbuchs - also die Verbreitung von "Schriften, die zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstacheln".

Nico Seyfried, einer der Rapper von K.I.Z., gibt sich im Gespräch genervt. Er hat vor dem Erfolg der Band Soziologie studiert und in einer freien Theatergruppe in Berlin Steglitz mitgespielt; nun fühlt er sich und sein Bühnen-Alter-Ego unverstanden. Immer wieder werde die Band eingeladen, um ihre Texte zu erklären, und schließlich heiße es: "Ja, ihr könnt das jetzt ja toll erklären, aber das verstehen eure jugendlichen Hörer ja nicht", sagt Seyfried. "Aber ich glaube, ehrlich gesagt, dass man dazu die Jugendlichen selbst befragen sollte und nicht 40-Jährige. Da wird unseren Hörern sehr schnell das Abstraktionsvermögen abgesprochen. Auch wenn die vielleicht keine Abhandlung darüber schreiben können, was wie gemeint ist, verstehen die schon den Unterschied zwischen Ironie und Ernst."

Über die Grenzen des guten Geschmacks

Vor dem Vertrag mit einem namhaften Label hatten sich K.I.Z. schon mit den beiden Alben "Böhse Enkelz" und "Rap Deutschland Kettensägen Massaker" einen veritablen Ruf in der Rapszene erspielt. Wo die Rapstars der 90er wie aufmüpfige, aber letztlich brave Schulbuben wirkten, übertreten K.I.Z. tatsächlich die Grenzen des guten Geschmacks. Und mit ihrer selbstironischen Distanz stehen sie meilenweit über dem dumpfen Gemaule und Gegrunze selbst ernannter Gangsterrapper wie Bushido und Fler, die strukturell humorunfähig sind.

Gegen deren Gewalt-Phrasen wirken manche Texte der K.I.Z. beinahe feinsinnig, wie "Was willst du machen", das ein ironisches Soziogramm eines männlichen Migranten in Kreuzberg oder Neukölln entwirft: "Sein Vorbild ist 2Pac, seine starken Arme bringen jeden Deutschen in die Notaufnahme. Ich kenne ihn schon lange, durch seine Eltern habe ich jeden Tag Schawarma und eine Knoblauchfahne."

Auf dem jüngsten K.I.Z.-Album geht das Spiel mit ironischen und politischen Untertönen weiter. Titel: "Sexismus gegen Rechts"; auf dem Cover sieht man die Band mit einer an Nazi-Symbolik gemahnenden Flagge - und geschwärzten Gesichtern. Starke Frauen, Armut, Erwachsenwerden: Auch das sind zunehmend Themen bei K.I.Z. - die Band, könnte man sagen, entwächst ihrer Pubertät.

Wohin das möglicherweise führt, das zeigt eine Band aus einem ganz anderen Genre. Die begann vor Jahren ähnlich provokant und sexistisch, wird heute aber gerade für ihre politische Haltung und ihren eigenwilligen Witz gelobt - die Rede ist von den "Ärzten".

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