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Justiz in Russland Wie Moskau die Pussy Riots bekämpft

Die russische Justiz geht extrem hart gegen die feministische Punkgruppe „Pussy Riot“ vor. Die Demonstrantinnen müssen vermutlich bis der Prozess beginnt im Gefängnis bleiben.

Mit Plakaten von Nadjeschda Tolokonnikowa und Maria Alyokhina fordern Unterstützer vor dem Gericht deren Freilassung. Foto: dpa

Die russische Justiz geht extrem hart gegen die feministische Punkgruppe „Pussy Riot“ vor. Die Demonstrantinnen müssen vermutlich bis der Prozess beginnt im Gefängnis bleiben.

Im Gerichtssaal des Moskauer Stadtgerichts hängt ein Bildschirm. Das Gesicht einer jungen Frau ist darauf zu sehen, gefilmt durch weiße Gitterstäbe. Jekaterina Samuzewitsch, 29 Jahre alt, sitzt in Untersuchungshaft – wie lange noch, das wird das Gericht entscheiden, dafür hat man sie aus ihrem Käfig zugeschaltet.

Ein Gottesdienst hat sie ins Gefängnis gebracht, oder eine Protestaktion, oder eine Gotteslästerung. Wie man es nennt, ist in der Öffentlichkeit umstritten. Tatsache ist, dass am 21. Februar ein Trupp junger Frauen mit bunten Sturmhauben in Moskaus Kathedrale eindrang, vor dem Altarraum „Gottesmutter, vertreibe Putin!“ sang, sich bekreuzigte und niederwarf. Zu dem „Punk-Gottesdienst“, der einen Tag vor den Präsidentschaftswahlen stattfand, bekannte sich die feministische Gruppe „Pussy Riot“mit einem Video vom Auftritt im Netz.

Tatsache ist auch, dass daraufhin eine selbst nach russischen Maßstäben extrem harte Verfolgung begann. Zwei der Frauen, beide Mütter kleiner Kinder, warten in Untersuchungshaft auf ihren Prozess. Vorgeworfen wird ihnen „Hooliganismus“, der dehnbare Paragraf des russischen Strafgesetzbuches sieht bis zu sieben Jahre Haft vor. Die drohen auch Jekaterina Samuzewitsch.

„Dieser bescheuerte Feminismus“, seufzt ihr Vater Stanislaw. Bei ihm hat Jekaterina gewohnt, er hat verfolgt, wie die Ingenieurin neue Freundinnen gewann und neue Ideen. Feminismus passt doch gar nicht nach Russland, sagt er, wir sind ein weibliches Land – wo immer man hinschaut, es arbeiten bloß Frauen!

Drakonische Maßnahmen

Wie um seine Worte zu bestätigen, sitzen drei Richterinnen über seine Tochter zu Gericht. Eine Staatsanwältin in Lackstiefeln ist da und eine Verteidigerin. Deren Ausführungen helfen nichts – Samuzewitsch bleibt in Untersuchungshaft, mindestens noch einen Monat und vermutlich bis der Strafprozess beginnt. Vater und Tochter blicken einander über die Liveschaltung an.

Es ist eine drakonische Maßnahme, aber sie passt zum harten Vorgehen in der Sache „Pussy Riot“. Nadjeschda Tolokonnikowa zum Beispiel, Mutter einer vierjährigen Tochter, ist ebenfalls in U-Haft. Anders als Jekaterina ist sie eine Veteranin der Krawallkunst-Szene. Als Wladimir Putin sein Präsidentenamt an Dmitri Medwedew abgab, Spitzname „Bärchen“, da machte die schwangere Tolokonnikowa bei einer Gruppensex-Aktion im Biologie-Museum von Moskau mit. Hinter den Paaren hing ein Transparent: „Bumst für einen Nachfolger des Bärchens!“, stand darauf. Die Aktion lief unter der Flagge der Kunstgruppe „Wojna“, zu deutsch: Krieg.

Im Vergleich dazu sind die Aktionen von „Pussy Riot“ intellektueller, politischer und weniger verrätselt. Die Feministinnen verlasen Manifeste in der U-Bahn und schrien Losungen gegen Putin auf dem Roten Platz, was mit einer geringen Geldstrafe endete.

Der Auftritt in der Kathedrale wird teurer. Patriarch Kirill schaltete sich am Wochenende selbst ein, er sprach vom Wirken des Teufels und davon, dass seine Hauptkirche „entweiht“ worden sei. Ihn, den obersten Kirchenmann, hatten die Frauen direkt angegriffen. „Er glaubt an Putin – besser wär’s, er glaubte an Gott“, heißt es in ihrem Lied.

Auf unabsehbare Zeit im Gefängnis

Nicht wir, sondern der Patriarch selbst entweiht die Kirche, verteidigen sich die Verfolgten. Eine der Frauen, die am 21. Februar auftrat und untergetaucht ist, gab mit Sturmhaube und dem Decknamen „Blondie“ ein TV-Interview. „Heuchlerisch“ sei die Kathedrale, man könne ihre Räume für Privatfeiern anmieten. Tatsächlich gibt es sogar eine Autowaschanlage im Keller der Kirche.

„Das war kein Kunstprojekt, das war das heiße, aufrichtige Gebet einer gläubigen Jugend“, sagt Pjotr Wersilow, der Mann von Nadjeschda Tolokonnikowa. Eben das habe den abergläubischen Putin so aufgebracht! Wersilow ist ein ehemaliges Mitglied der Gruppe „Wojna“, bis man sich im Streit trennte. Wie er da im Gerichtskorridor spricht und sich in den Hüften wiegt, weiß man nicht, ob seine Worte Verteidigungsstrategie oder Aktionskunst sind.

Tatsache ist aber, dass drei Frauen auf unabsehbare Zeit im Gefängnis sitzen für etwas, worin auch viele Gläubige kein Verbrechen erkennen können.

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