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Judentum in Deutschland Die Rabbinerin

Alina Treiger ist die erste in Deutschland ausgebildete jüdische Geistliche seit der Shoah. Die orthodoxen Rabbiner sehen darin einen Verstoß gegen die seit 2000 Jahren gültigen Gesetze. Aber das liberale Judentum ist gewachsen.

03.11.2010 19:58
Kerstin Krupp
Die Ukrainerin Alina Treiger steht mit einer Thorarolle in der Synagoge des Abraham Geiger Institutes in Berlin. Foto: dpa

Einen Tag vor ihrer Ordination, der Smicha, sitzt Alina Treiger – bekleidet mit einem eleganten beigen Blazer, das Gesicht leicht geschminkt – an einem Tisch im jüdischen Gemeindezentrum in der Berliner Fasanenstraße und beantwortet geduldig Fragen von Journalisten. Wendet sie den Kopf, surren die Kameras. Sie hält sich kerzengerade, spricht ruhig und konzentriert, nur ein leichter Akzent verrät die osteuropäische Herkunft. Ihre zwei Mitstudenten, die ebenfalls ordiniert werden, erfahren kaum Beachtung.

Alina Treiger wird am Donnerstag in Berlin als erste Frau in Deutschland seit 1935 zur Rabbinerin ordiniert und nächste Woche ihre erste Anstellung in Oldenburg antreten.

Schon zwei Jahre lang hat die 31-jährige Rabbinatsstudentin Treiger die kleine Gemeinde als Praktikantin betreut. Sara-Ruth Schuhmann, die Vorsitzende der Oldenburger Gemeinde, hat auf der Suche nach einem geeigneten Rabbiner früh Kontakt zum Abraham Geiger Kolleg in Berlin aufgenommen, wo seit 1999 Rabbiner ausgebildet werden. So hat sie die Ukrainerin, die dort seit 2001 studiert und die sie nur Alina nennt, gefunden. Die 72-Jährige ist eine schmale Person in beigem Hosenanzug, kurzen Haaren und randloser Brille. Sehr aufrecht steht die Mitbegründerin und Vorsitzende der Gemeinde da. „Für einen jüdischen Gottesdienst brauchen wir zehn Menschen“, sagt sie. „Zehn Männer“, würde ein orthodoxer Jude entgegnen. „Menschen!“, sagt die alte Dame: „Und Frauen sind auch Menschen, oder?“ Schumann lacht.

Alina Treiger muss sich nicht als Frau, sondern als Rabbinerin beweisen. Dass dies in Deutschland so ist, ist nicht zuletzt der Oldenburger Vorsitzenden mit zu verdanken. Die Gemeinde hatte 1995 die erste Rabbinerin in Deutschland, die in der Schweiz ordinierte Bea Wyler, eingestellt. Damals schlugen die Wellen in der noch überwiegend orthodox orientierten jüdischen Gemeinschaft hoch.

Liberales Judentum ist gewachsen

Der damalige Zentralratsvorsitzende Ignatz Bubis sagte gar, dass er nie einen Gottesdienst der Rabbinerin besuchen werde. Orthodoxe Rabbiner bezeichneten das weibliche Rabbinat als „Verstoß gegen unsere seit 2000 Jahren gültigen Gesetze“ und verweigerten Bea Wyler die Aufnahme in die Deutsche Rabbinerkonferenz.

Die orthodoxen Rabbiner haben ihre Meinung nicht geändert, sie wollen sie aber nicht mehr öffentlich äußern. Das liberale Judentum ist gewachsen und hat – wie schon vor 1945 – seinen gleichberechtigten Platz neben den Orthodoxen unter dem Dach des Zentralrats gefunden. Die nicht traditionellen Rabbiner haben sich zudem 2004 in einer eigenen, der Allgemeinen Rabbinerkonferenz organisiert.

Der Werdegang Alina Treigers ähnelt dem der Oldenburger Gemeinde. Sie ist keine Revolutionärin, keine Feministin. Aber sie hat sich nie aufhalten lassen, den Weg zu verfolgen, den sie für den richtigen hielt, hatte keine Angst, den nächsten Schritt zu tun, auch wenn er unüblich oder sie die Erste war, die ihn wagte.

Alina Treiger spricht nicht davon, wie mühevoll die vergangenen Jahre waren, der Wechsel aus der Ukraine nach Berlin, Deutsch zu lernen, dann Hebräisch, das Studium an der Potsdamer Universität, dazu die Rabbinerausbildung am Kolleg in Berlin und jedes Wochenende die Arbeit in den Gemeinden. Auch legt sie keinen Wert darauf, Frau Rabbiner genannt zu werden, wie es noch Bea Wyler tat.

Eines ihrer Vorbilder ist Regina Jonas. Als erste Frau weltweit erhielt die Berlinerin 1935 ihre Ordination. Eine Anstellung als Rabbiner fand sie nicht. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin beschäftigte sie als Lehrerin und Seelsorgerin. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Mutter ist keine Jüdin

Im Jüdischen Museum in Berlin hängt ein Schwarz-Weiß-Porträt von Regina Jonas. Die junge Frau schaut ernst, trägt eine dunkle Kappe, einen ebensolchen Mantel und ein Buch unter dem Arm. Alina Treiger erinnert sich an den Moment, als sie das erste Mal davor stand: „Das war ein sehr bewegender Augenblick. Mir wurde mir da erst bewusst: „Das war die erste Rabbinerin, und ich werde die zweite sein.“ Dabei war dieser Weg alles andere als vorgezeichnet. Zwar war ihr Vater Jude, ihre Mutter ist es nicht, den liberalen Juden gilt sie damit als Jüdin, den orthodoxen nicht.

Alina Treiger erinnert sich an kein Gebet, keine Synagoge während ihrer Kindheit in der ukrainischen Stadt Poltawa. „Aber ich wusste, dass ich jüdisch bin.“ Außerdem gab es in der Verwandtschaft manchmal Beerdigungen nach jüdischem Ritus. Oder Hochzeiten. „Da schrie man Mazel Tov und lachte und Glas zerbrach.“

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fanden sich nach und nach die jüdischen Gläubigen zusammen. Zum ersten Schabbat traf man sich in einer Privatwohnung. „Da haben wir Kerzen angezündet und Tee getrunken. Wir wussten ja nicht, wie man Schabbat feiert. Aber ich habe gesehen, dass es etwas Besonderes war.“

Sie überlegte nicht lange, als sie die Möglichkeit erhielt, in Deutschland eine Ausbildung zu beginnen. „Alles in meinem Leben war immer wieder neu“, sagt sie, „ich hatte nie geplant, Rabbinerin zu werden.“

Schon im ukrainischen Poltawa kümmerte sich Alina Treiger vor allem um Kinder, eröffnete ein Jugendzentrum und brachte dem Nachwuchs die Religion näher. „Die Jugend ist die treibende Kraft“, sagt die junge Frau. „Wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkt, kann man schöne, große Ergebnisse bekommen, was die Zukunft der Gemeinde angeht.“

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