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Juden in Berlin Schalom, Berlin

Mehr als 10 000 Israelis leben in Berlin. Viele von ihnen seit Jahren und am liebsten in Kreuzberg oder Neukölln, angeblich „No-Go-Zonen“ für Juden.

Rosenthaler Straße
Bunt und kosmopolitisch – den wachsenden Anteil junger Israelis bezeichnen manche bereits als weiteren Beleg für die Weltläufigkeit Berlins. Foto: Imago

Salam Aleikum“ – sie begrüßen ihn auf Arabisch, wenn Mati Shemoelof zum Haareschneiden beim Friseur seines Vertrauens in Berlin-Kreuzberg kommt. Ihm, dem Israeli mit dem Drei-Tage-Bart, gefällt das. „Ich seh‘ für sie arabisch aus“, sagt er schmunzelnd. Auf diesen Teil seiner Identität legt er genauso Wert wie darauf, jüdisch zu sein. Und während er sich die Haare vom arabischen Barbier stoppelkurz scheren lässt, erzählt Mati Shemoelof gerne, dass seine Mutter in Bagdad geboren ist und sein Vater aus dem Iran stammt. Meist löst er damit verwunderte Blicke aus, bisweilen auch den Versuch, ihn mit der Frage festzunageln, wie er denn zum israelisch-palästinensischen Konflikt stehe. „Ich sage ihnen dann“, sagt Shemoelof, der Gedichte schreibende linke Aktivist, „dass ich für einen Staat bin, in dem alle zusammenleben.“

So einen wie ihn, der stolz ist, ein Misrahi zu sein, ein orientalischer Jude, kennen die wenigsten im Multi-Kulti-Kreuzberg. In Israel machen die Misrahim, wie sie in der Mehrzahl genannt werden, etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung aus. Aber unter den mehr als 10 000 Israelis in Berlin gehört der 46-jährige Shemoelof zu den Exoten. „Meine Herkunft“, sagt er, „erlaubt mir keinen zweiten Pass“ – im Unterschied zu seinen aschkenasischen, also europäisch-jüdischen Landsleuten, deren Vorfahren vor den Nazis fliehen mussten. Diese haben das Recht, neben der israelischen die deutsche oder polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen. 

Eigentlich sei es „ein Irrtum“, hier in Berlin gelandet zu sein, kokettiert Shemoelof. Denn wie die beiden anderen Israelis, die in dieser Geschichte vorgestellt werden, hat auch ihn nicht zuletzt die Liebe an die Spree verschlagen. Seine Frau Charlotte, eine Journalistin aus Ost-Berlin, hat er zwar in Tel Aviv kennengelernt. Aber geheiratet wurde auf einem Berliner Standesamt. Danach folgte – der israelischen Familie und Freunde zuliebe – eine recht unkonventionelle jüdische Hochzeitsparty in Haifa. Dann ging es zurück nach Berlin, wo sie inzwischen zu dritt, mit der kleinen gemeinsamen Tochter, leben. Kreuzberg und Neukölln sind die bevorzugten Wohnbezirke vieler Israelis, die gerade deren Dichte an Gegenkultur, alternativer Kneipenszene, nächtlichem Straßenleben und ja, auch an arabischen und türkischen Migranten cool finden. Wer immer medienwirksam die Warnung ausrief, es gebe hier „No-Go-Zonen“ für Juden, hat sie offenbar nicht gefragt.

Mati Shemoelof jedenfalls hatte sich von dem zwanglosen, pulsierenden Leben gleich angezogen gefühlt, als er, der Poet, 2012 erstmals zu einem Übersetzungsworkshop der Berliner Literaturwerkstatt herkam. „Alles war so kosmopolitisch und offen“, sinniert er beim Interview im Café Strauss, seinem Lieblingsort am Rande des Kreuzberger Friedhofs, nah und doch fern des Trubels. Aber seine Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, brauchte länger, um zu reifen. Bis sich sein Frust über die Vergeblichkeit der sozialen Zeltproteste in Tel Aviv und die Wiederwahl einer rechten israelischen Regierung akkumulierte. Als schließlich noch eine Rakete aus Gaza neben seinem Haus einschlug, packte er die Koffer. 

Aus ähnlichen Beweggründen haben in den letzten zehn Jahren viele der kreativen, kritischen Israelis ihrer Heimat den Rücken gekehrt, um zumindest eine Zeit lang ihr Glück in Berlin zu suchen. Nur weil das Leben dort einfacher oder auch nur billiger sei, wären sie bereit, den einzigen Staat, den Juden besitzen, wegzuschmeißen, hat ihnen einmal Jair Lapid, Chef der israelischen Zukunftspartei, erbost vorgeworfen. Die deutsche Hauptstadt bejubelte hingegen ihr Kommen von Beginn an, ist dieses doch gewissermaßen Beleg der eigenen, wiedergewonnenen Weltläufigkeit. Aber Klischees werden dem realen Leben nie gerecht. Jenseits von Klezmer-Folklore sei Berlins Interesse an den weniger bekannten Facetten jüdischer Kultur eher gering, beklagt Shemoelof.

So ganz stimmt das nicht. In der Subkultur mit ihren Techno-Parties, Hinterhofbühnen und Lifestyle-Kursen mischen die zugezogenen Israelis kräftig mit – und zwar unter verschärfter medialer Beachtung. Seit 2012 gibt es auch „Spitz“, das erste hebräische Magazin seit der Weimarer Zeit, als das Schreiben in Ivrit unter jüdischen Literaten in Berlin als besonders avantgardistisch galt. „Spitz“, was soviel wie „scharf“ bedeutet, kommt allerdings inzwischen nur noch online heraus. Für die gedruckte Ausgabe fehle es unter anderem an Geld, berichtet Tal Alon, die 43-jährige Chefredakteurin. Dabei ist „Spitz“ für die über Berlin verstreute israelische Gemeinde unverzichtbar, um über neue Initiativen und politische Debatten auf dem Laufenden gehalten zu werden. 

Tal Alon kennt sich aus in dieser Szene. Sie ist bereits im Sommer 2009 nach Berlin umgesiedelt. Olaf, ihr deutscher Mann, der in Israel aufgewachsen ist, hatte darauf gedrängt. Drei Jahre sollten es werden, schwebte ihr damals vor – geblieben sind Tal, Olaf und die beiden Söhne bis heute. Als Immigrantin sieht Tal Alon sich dennoch nicht. Irgendwo im Hinterkopf lauere ständig die Frage, „wann wir nach Israel zurückkehren“, sagt sie. „Mit halbem Herzen bin ich immer dort.“ Dem Land, in dem sie und auch ihre Eltern geboren sind, weil die Großeltern – anders als viele Verwandte väterlicherseits, die im Holocaust umkamen – rechtzeitig in das britische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert waren. 

Haben diese Erinnerungen es ihr nicht besonders schwer gemacht, sich mit Berlin, der ehemaligen Reichshauptstadt, anzufreunden? Ihre Antwort kommt prompt und zeugt davon, dass Tal Alon über diese Frage schon viel nachgedacht hat: „Für mich“, sagt sie, „ist der Fakt, dass ich eine Geschichte in Berlin habe, ein Vorteil.“ Sie empfinde eine „spezielle Verbindung“ zu diesem Ort. Das sei eben das Besondere an dem Berlin von heute, dass Vergangenheit und Gegenwart auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig existierten. Immer wieder stoße sie in der Stadt höchst unerwartet auf ihre jüdische Identität, die Orte gäben allem irgendwie Sinn und Bedeutung. Sie lacht und wirft die dunklen Haare zurück. „Das hätte mir Madrid oder irgendeine andere europäische Metropole nicht zu bieten.“ 

Und die Schattenseiten? „Berliner können ganz schön unfreundlich sein“, entgegnet sie da. Aber nein, anti-jüdische Ressentiments habe sie persönlich nicht erlebt. Ihr jüngster Sohn besucht eine Kreuzberger Schule. Dass er dort Migrantenkinder kennenlerne, sei großartig. Berlin, das heißt für sie, israelisch und kosmopolitisch sein zu können. Wenn nur das Heimweh nicht wäre. 

Dafür ermöglicht Berlin in seinen besten Momenten Begegnungen jenseits des Nahostkonflikts. Hier hat sich Mati Shemoelof, der israelische Aussteiger, der von einer „Nahost-Union“ träumt, mit Iranern und Palästinensern angefreundet, den Austausch zwischen jüdischen und arabischen Autoren gesucht und mit ihnen ein literarisches Kolloquium initiiert. Demnächst, am 25. Oktober, wollen sie gemeinsam in Wannsee auftreten, ein Israeli, ein Iraker, ein Libyer, ein Syrer, dazu gibt es Musik vom Berliner Orient Ensemble.

Selbstverständlich, erwidert er auf Nachfrage, kenne er keine Berührungsängste, er gehe er überall hin, unbeirrt von antisemitischen Ausfällen. Aber die gibt es, auch Shemoelof hat so Einiges mitbekommen. Wie in dem Humus-Lokal in Neukölln, in dem ein Palästinenser ihm den Nebenplatz verwehrte, als er ihn Hebräisch sprechen hörte. „Ich bin aufgestanden und gegangen“, sagt der 46-Jährige und zuckt die Achseln. Einem israelischen Freund, der an einem Badesee versehentlich auf ein fremdes Handtuch trat, ist Ähnliches passiert. Dort war es allerdings ein Deutscher, der lospöbelte, „mach dich ab nach Hause“.

Von einem Erlebnis der dritten Art berichtet wiederum Noam Brusilovsky, der vor sechs Jahren von Tel Aviv nach Berlin zog, um Theater zu studieren. Es geschah an einem Wochenende in der U-Bahn, neben ihm gerieten zwei Teenager in Streit. „Du Jude“, schimpfte der eine. „Selber Jude“, gab der andere zurück. Noam konnte nicht anders, als sich einzumischen. „Habt ihr ein Problem mit Juden?“, stellte er die beiden zur Rede. Woraufhin sie erklärten: „Halt dich raus, das ist Privatsache, lern‘ erst mal Deutsch.“ Wahrscheinlich wussten sie nicht mal, dass sie einen Juden vor sich hatten. 

Wie die meisten Israelis in Berlin, die eher links und säkular sind, trägt der 29-Jährige keine Kippa, bei deren Anblick bereits junge moslemische Flüchtlinge oder Neonazis rot sahen und zum Angriff übergingen. Er selbst habe auch mehr Angst vor Homophobie als vor Antisemitismus, betont Noam Brusilovsky. Wenn er mit seinem deutschen Ehemann – die beiden haben erst kürzlich geheiratet – händchenhaltend durch die Straßen flaniere, hörten sie manchmal ein hinterher gezischeltes „ihr Schwuchteln“. Immer wieder würden Schwule auch zusammengeschlagen. „Für uns ist das genauso bedrohlich“, meint Brusilovsky. Aber für die Gesellschaft wögen antisemitische Attacken ungleich schwerer. 

Andererseits sind diese Widersprüche des Alltags, denen er als Israeli in Berlin begegnet, für ihn auch Inspiration, gewissermaßen Drehbuch-Futter. Vor allem das Absurde und Skurrile, das nicht in die gängigen Schemata über das jüdische Leben passt, liefert den Stoff für seine Hörspiele. Bereits sein Erstlingswerk „Woran man einen Juden erkennen kann“ lief erfolgreich im Deutschlandfunk. Sein zweites, „Broken German“, nach dem Roman von Tomer Gadi, gewann 2017 gleich den ARD-Hörspielpreis. Eine Collage, erzählt in gebrochenem Deutsch mit selbstironischen Pointen. Kostprobe gefällig? „Wenn ein Jude ins Jüdische Museum geht, ist er dann Teil der Ausstellung?“ 

Auch seine mit Ofer Waldman in diesem Frühjahr für den SWR produzierte Podcast-Serie „We love Israel“ wurde von der Kritik gelobt und von der Frankfurter Akademie der Künste sogar zum Hörspiel des Monats gekürt. Gefragt hatte ihn der Redakteur, zum 70. Geburtstag des jüdischen Staates doch „mal was Positives“ zu schreiben. Heraus kam eine Satire über die Liebe der Deutschen zu Israel und der Israelis zu den Deutschen, in der Realität und Fiktion wie die Bälle eines Jongleurs durcheinander wirbeln. „Das Verrückteste daran ist“, sagt Brusilovsky, „dass das alle gut fanden“ – rechts wie links, sogar BDS-Anhänger, die sonst Israel boykottieren. So ganz kann er es selbst noch nicht fassen, wie sich seine Karriere gerade entwickelt. 

Wir sitzen im „Vereinszimmer“, einer beliebten Kreuzberger Café-Bar mit türkischen Kuchen und italienischen Panini, direkt an einem der dunklen Holztische vor offenem Fenster. Drinnen dämmriges Licht, draußen praller Sonnenschein. „Noch was“, sagt Brusilovsky, „wir verlangen nicht Respekt, weil wir Juden sind.“ Er verweigere sich der Rolle, den moralischen Zeigefinger zu heben oder den Israel-Erklärer zuspielen. Lieber gibt er den Schalk, der jetzt grinsend hinzufügt: „Letztlich sind wir doch hier, weil man in Berlin so schön feiern kann wie nirgends sonst“.

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