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Jubiläum Aus der Ampel in die Welt

Das Ost-Ampelmännchen wird 50. Nach der Wende sollte es ausrangiert werden, inzwischen hat es auch den Westen erobert.

12.10.2011 18:47
Eva Dorothée Schmid
Ein beliebtes Fotomotiv in Berlin: Der Ampelmann mit Hut. Foto: Ampelmann

Das Ost-Ampelmännchen wird 50. Nach der Wende sollte es ausrangiert werden, inzwischen hat es auch den Westen erobert.

Es läuft nach links. Also dorthin, wo auf Landkarten gemeinhin der Westen liegt. Als hätte sein Erfinder Karl Peglau geahnt, dass das ostdeutsche Ampelmännchen mal den Westen erobert. 

Im ersten Entwurf, den der Verkehrspsychologe am 13. Oktober 1961 in Ost-Berlin für die erste Fußgängerampel der DDR vorstellte, lief sein Männchen, damals noch mit Fingern, Mund und Ohren, nach rechts. Als  Peglau seinen Entwurf  zwei Jahre später verkleinern musste, änderte er die Laufrichtung, „meinen Meinungsumfragen folgend“, wie der 2009 Verstorbene einmal gesagt hat. Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht war er inzwischen so sehr  von seiner Kreatur überzeugt, dass er sie losschickte, den Westen zu erobern. Schließlich hatte sie sogar die Oberen begeistert, trotz Peglaus Sorge, dass ihr Hut als unzeitgemäß kleinbürgerlich angesehen und deshalb abgelehnt werden könnte.

Von Baustellenampeln die Republik erobert

Jetzt, zum 50. Geburtstag des Ost-Ampelmännchens, ist es soweit. In Lübeck, direkt vor dem Holstentor, das nicht nur ein Symbol der Hansestadt, sondern auch eines der Bundesrepublik ist –  es schmückte   einst den 50-Mark-Schein –  fordert das knuffige Kerlchen die Fußgänger mit ausgebreiteten Armen auf, stehen zu bleiben. Auf Baustellenampeln erobert es die Republik und seit einem Jahr gibt es in der Nähe von Köln sogar eine  Gemeinde, die komplett umgerüstet hat. Vom nüchtern-steifen West-Männchen zu dem Kerlchen mit dem „leicht molligen Körperbau“, der „Knollennase“ und dem „kecken Auftreten mit Hut“, wie das Ampelmännchen  von seinem Schöpfer  beschrieben wurde.

Hückeswagen, 15?640 Einwohner,  20 Ampeln. Die ziert seit dem 23. Juli 2010 flächendeckend der Ost-Ampelmann. Hückeswagen ist die erste Gemeinde in den alten Bundesländern, die fest in Ampelmännchen-Hand ist. Die Idee dazu kam dem Bürgermeister Uwe Ufer  auf einer Berlin-Reise mit dem Geschäftsführer eines in Hückeswagen ansässigen Unternehmens. Die beiden wetteten.

„Wenn ich es schaffen würde, die Genehmigung für die Ampelmännchen zu kriegen, würde er sie bezahlen“, erzählt der Bürgermeister.  Er bekam sie, denn  seit 1997 darf jede Gemeinde selbst entscheiden, ob sie ihren Fußgängerverkehr mit dem Ost-, West- oder dem EU-Ampelmännchen regelt. Doch bis es soweit war, musste das Kerlchen  einiges durchmachen.

Karriere in DEFA-Filmen

Schon von der Vorstellung des ersten Entwurfs bis zur Inbetriebnahme von Fußgängerampeln, mit denen Peglau hoffte, Verkehrsunfälle zu vermeiden, vergingen acht Jahre. Erst einmal flächendeckend eingeführt in der DDR, machte der Ampelmann dann aber schnell Karriere. Der DEFA-Regisseur Friedrich Rochow setzte es als rote und grüne Zeichentrick-Figur 1982 in seinen Verkehrserziehungs-Filmen ein. In über 80 Folgen, die im Sandmännchen ausgestrahlt wurden, gaben sie Kindern Tipps für den Straßenverkehr.

Mit der Wende drohte dem Ampelmännchen das Aus. Nach und nach wurden ab 1994 Verkehrsanlagen erneuert, „Stoppi“ und „Galoppo“, wie Peglau den roten Steher und den grünen Geher mal genannt hat, mussten ihren dürren West-Kollegen weichen. Die Bürokraten führten die  technische Schwäche der Ost-Ampeln ins Feld und verschlossen sich Argumenten, dass nur die Elektronik oll war, nicht aber die Symbole.

Doch dann kam  ein Schwabe ins Spiel. Markus Heckhausen, wie der Ampelmann Jahrgang 1961, Produktdesigner aus Tübingen, zog 1995 ins damals noch ziemlich graue Berlin, wo ihm die hell leuchtenden Männchen umso mehr auffielen. Aus den  weggeworfenen Ampelmännchen-Scheiben bastelte er eine  Lampe, die reißenden Absatz fand und die bedrohten Ost-Männer ins Bewusstsein der Öffentlichkeit brachte.

Auf Senfglas und CD-Cover

Heckhausen ersann bald weitere Produkte und war so schlau, Peglau zu kontaktieren und sich mit ihm über die Rechte zu einigen. Der Erfinder war zunächst äußerst skeptisch, was seine Männchen auf Tassen und T-Shirts sollten, doch er ließ sich überzeugen. Nicht zuletzt  weil sich  Heckhausen wie er im „Komitee zur Rettung des Ampelmännchens“ engagierte. Das erreichte, dass  der Ampelmann in den östlichen Bundesländern seinen Platz im Straßenbild behalten durfte. Und später dann den Westen erobern konnte – nicht nur auf Ampeln. Schon 1998 zierte das Männchen ein Kühne-Senfglas, die Band Fury in the Slaughterhouse nahm es später aufs Cover und im japanischen Tsuwano sind Busse mit ihm beklebt.

Erfinder und Vermarkter hielten auch zusammen, als es  zum Rechtstreit mit einem  Ampelhersteller aus Sachsen kam. Heckhausen gewann die Nutzungsrechte für alles außer  Likör.  500 verschiedene Ampelmann-Produkte vertreibt er heute, seit neuestem auch Kofferanhänger und eine App. Er hat vier Läden und ein Ampelmann-Restaurant in Berlin. Seit kurzem gibt es auch Ampelmann-Shops in Seoul und Tokio. 80 Mitarbeiter leben in seiner Firma vom Ampelmännchen,  sie erwirtschaftete  im 15. Jahr ihres Bestehens einen Umsatz von 7,5 Millionen Euro.  

Jetzt fehlt nur noch, dass  Karl Peglaus Traum in Erfüllung geht. Er wünschte sich, dass sein Ost-Ampelmännchen irgendwann zum Ampel-Standard in ganz Europa wird.

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