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Journalisten in der Türkei „Niemand von uns ist frei“

Die türkische Journalistin Asli Ceren Aslan sitzt ohne Anklage im Gefängnis. Wie es ihr geht, darf sie nicht erzählen.

Porträt von Asli Ceren Aslan
Das Porträt der Illustratorin Susanne Köhler ist Teil des Projekts „Wahrheitskämpfer“. Eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern zeichnet seit 2015 Porträts ermordeter und inhaftierter Journalisten aus der ganzen Welt und zeigt sie in einer Wanderausstellung. Infos: www.wahrheitskaempfer.de. Foto: Susanne Köhler

Wie es Asli Ceren Aslan im Gefängnis von Sanliurfa ergeht, wissen wir nicht. Ein erster Brief, den sie an die FR-Redaktion geschickt hat, wurde von der Haftanstalt einkassiert. „Das ist nicht das erste Mal“, schreibt die Chefredakteurin der Zeitung „Özgür Gelecek“ (Unabhängige Zukunft) in ihrem zweiten Versuch. Auf dem handgeschriebenen Brief ist der Stempel der Lesekommission sichtbar, der die gesamte Post kontrolliert. „Sie wollen nicht, dass nach außen dringt, was hier vor sich geht“, schreibt Aslan.

Sie sitzt seit dem 9. Februar im Gefängnis, eine Anklageschrift liegt immer noch nicht vor. Ihr wird Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie Terrorpropaganda vorgeworfen. Zusätzlich ein Grenzverstoß. Sie war von türkischen Sicherheitskräften aufgegriffen worden, als sie sich auf den Weg ins türkisch-syrische Grenzgebiet gemacht hat, um von dort zu den Themen zu recherchieren, auf die sie sich spezialisiert hat: Frauen- und LGBT, also die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. 

„Die Wahrheit zu schreiben, wird in dem Land in dem wir leben, als Schuld verurteilt“, schreibt Aslan. In einem Land, in dem 170 Journalisten im Gefängnis sitzen – „und das ist nur die Mindestzahl“ – sind Solidaritätsbekundungen genauso wichtig wie „unsere Fotoapparate und Stifte“. „Selbst wenn nur ein Journalist im Gefängnis sitzen würde, kann man nicht von Pressefreiheit reden“, sagt Aslan. Es werde versucht, alle Farben, alle Unterschiede aufzuheben.

„Wir sind konfrontiert mit einer Dunkelheit.“ Diese Dunkelheit zu durchbohren und die Wahrheit herauszufinden, sieht sie als ihre Aufgabe. Die islamisch-konservative AKP-Regierung fürchte sich am meisten, dass die Wahrheit über ihre Taten ans Licht komme. Etwa aus dem Krieg in den kurdischen Gebieten oder Arbeiter, deren Tode als Unfälle abgetan werden, auch wenn es sich aus Aslans Sicht um „Blutbäder“ handelt. 

Aus dem Gefängnis heraus schreibt sie immer noch Artikel

Insbesondere nach den Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 sei der Druck auf ihre Zeitung massiv gestiegen. Trotz der fast gleichen Inhalte wie vor diesem Datum, sei eine Kette von Anklagen auf die Zeitung eingeprasselt, schreibt Aslan. Ihr Kollege aus Istanbul, Tugay Okay, wurde im November 2016 verhaftet und im März 2017 freigelassen.

Das Verfahren gegen Rahime Karvar, ebenfalls aus Istanbul, läuft noch. Sie ist immerhin auf freiem Fuß. Kaan Horoz aus Izmir sowie Deniz Akbiyik aus Mersin seien tagelang festgehalten worden und erst wegen einer „Gerichtskontrollbedingung“ freigekommen. „Kurzum, das, was unsere Zeitung und unsere Mitarbeiter erleben, zeigt, wie sehr die Pressefreiheit ignoriert wird“, betont Aslan.

Trotz der Umstände ist es für sie unabdingbar, dem Volk die Wahrheit mitzuteilen. Aus dem Gefängnis heraus schreibt sie immer noch Artikel. Zuletzt am 26. Oktober. „Ich werde meinen Stift gegen die sexistischen und männlichen Medien an der Seite der Frauen und LGBT weitere verwenden“, schreibt Aslan. „Solange wir nicht alle frei sind, ist niemand von uns frei.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Journalisten in Haft

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