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Jobcenter-Attacke Jobcenter-Mitarbeiterin war Zufallsopfer

Die Stimmung in Jobcentern wird immer aggressiver. Daher drängt die Polizeigewerkschaft auf Schulungen für Mitarbeiter. Denn auch die seien überlastet und frustriert. Das Motiv für die tödliche Attacke von Neuss ist weiterhin noch unklar.

27.09.2012 10:36
Das Neusser Jobcenter am Tag nach der Tat. Foto: dpa

Die in Neuss getötete Jobcenter-Mitarbeiterin ist möglicherweise ein Zufallsopfer geworden. Der mutmaßliche Täter habe eigentlich einen anderen Sacharbeiter besuchen wollen, diesen aber nicht angetroffen, sagte der Leiter der Mordkommission, Guido Adler, am Donnerstag in Neuss. Der 52-jährige Arbeitssuchende hatte mit dem Mitarbeiter über eine Datenschutzerklärung sprechen wollen. „Es ging in jedem Fall um eine absolute Nichtigkeit, die in der Form in keiner Weise nachvollziehbar ist“, sagte Adler. Die Staatsanwaltschaft will einen Haftbefehl wegen Mordes beantragen - der 52 Jahre alte Täter habe mit Tötungsvorsatz gehandelt, sagte Staatsanwältin Britta Zur. Die getötete 32-Jährige erlitt bei der Tat am Mittwoch drei tiefe Stichverletzungen. Das genaue Tatmotiv ist den Ermittlern weiter unklar, der mutmaßliche Täter habe in den Vernehmungen eine Tötungsabsicht bestritten.

Nach der tödlichen Attacke will die Gewerkschaft der Polizei unterdessen Deeskalationstrainings für Mitarbeiter von Jobcentern anbieten. Der Gewerkschaftsvorsitzende Bernhard Witthaut sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd, die Stimmung in den Jobcentern werde zunehmend aggressiv. „Wir werden immer wieder zu polizeilichen Einsätzen gerufen, weil Mitarbeiter bedroht werden.“

Bei einer Befragung von 500 Mitarbeitern im Jahr 2009 habe jeder vierte angegeben, Opfer eines Übergriffs gewesen zu sein. Anlass seien häufig ablehnende Bescheide in Hartz-IV-Verfahren. Die komplizierte und oft schwer durchschaubare Gesetzeslage provoziere Wut und Verzweiflung.

Mitarbeiter häufig überlastet

Auch die Mitarbeiter selbst seien häufig überlastet und frustriert, beschreibt der Vorsitzende der Jobcenterpersonalräte Uwe Lehmensiek die Situation. Druck und Sparzwänge trügen zu aggressivem Kundenverhalten bei. Er rät zu einer „vernünftigen Personalausstattung“ und einen realistischen Betreuungsschlüssel. Das könne helfen, Übergriffe zu reduzieren.

Das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, mahnte hingegen: „Nichts, aber auch gar nichts, rechtfertigt eine solche Handlungsweise.“ Die Bundesagentur für Arbeit (BA) plant vorerst keine unmittelbaren Konsequenzen. „Wir müssen immer über die Sicherheit in unseren Dienststellen nachdenken“, sagte Alt am Donnerstag. „Ich bin aber auch der Meinung: Verhindern lässt sich sowas nicht, auch wenn man Sicherheitsvorkehrungen über das jetzt schon vorhandene Maße hinaus trifft“, fügte Alt hinzu.

Keine hundertprozentige Sicherheit

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verurteilte den tödlichen Messerangriff. „Das ist ein abscheuliches Verbrechen und durch nichts zu rechtfertigen“, sagte von der Leyen am Donnerstag in Berlin. Den Angehörigen und Kollegen des Opfers sprach die Ministerin ihr „tiefes Mitgefühl“ aus.

Gleichzeitig räumte sie ein, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben könne. Der persönliche Kontakt zwischen den Jobcenter-Mitarbeitern und ihren Kunden sei zwingend notwendig. Angesichts des tragischen Vorfalls werde die Bundesagentur für Arbeit ihr Sicherheitskonzept aber noch einmal überprüfen, sagte von der Leyen.

Keine Beratung hinter Panzerglas

Denn nun kommen die Sicherheitsmaßnahmen in den Gebäuden auf den Prüfstand. „Man muss alles überdenken“, sagte ein Sprecher der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag in Düsseldorf. Das Büro der 32-jährigen Mitarbeiterin hatte nach Angaben der Jobcenter-Leiterin keine Zwischentür, die eine Flucht oder schnelle Hilfe aus dem Nachbarbüro ermöglicht hätte. Auch gab es in dem Gebäude keinen privaten Sicherheitsdienst.

Das Opfer, eine junge Mutter, hatte noch am Tag vor ihrem Tod an einem Deeskalationstraining teilgenommen. Den Notfallknopf an ihrer Tastatur hatte sie nicht ausgelöst. Möglicherweise kam der Messerangriff so massiv und rasch, dass es der Frau nicht mehr möglich war, Alarm auszulösen.

„Man kann keine Beratung hinter Panzerglas führen“, hieß es bei der Regionaldirektion NRW. Aber über Maßnahmen wie etwa Metallschleusen an den Eingängen wie an den Gerichten in NRW werde man nun diskutieren müssen. „Denkblockaden gibt es da nicht mehr.“

Hintergründe unklar

Unterdessen sind die Hintergründe der Bluttat in dem Jobcenter in Neuss noch nicht klar. Das Opfer war Arbeitsvermittlerin für Arbeitslosengeld-II-Empfänger in einem Projekt für über 50-jährige Kunden gewesen, teilte das Jobcenter mit. Ein 52-Jähriger aus Neuss war am Mittwoch bei einem unangemeldeten Besuch allein im Büro der Sachbearbeiterin - dort soll er die Frau mit einem Messer angegriffen und so schwer verletzt haben, dass die 32-Jährige wenig später im Krankenhaus starb.

Die Polizei fasste den mutmaßlichen Täter kurz nach der Tat in der Nähe des Jobcenters.

Angriff löst neue Sicherheitsdebatte aus

Der Messerangriff hat eine Debatte über eine zunehmende Verrohung des Umgangs in Jobcentern sowie die Sicherheitssituation der Mitarbeiter ausgelöst. Gewerkschaftsvorsitzender Witthaut betonte, bessere Technik in den Ämtern könnte die Sicherheit erhöhen. „Auch Alarmknöpfe oder Kameraüberwachung sind Maßnahmen, über die man nachdenken muss“, sagte der ausgebildete Polizeikommissar.

Zudem riet er Mitarbeitern, nie mit Kunden unter vier Augen zu sein: „Man sollte als Mitarbeiter nie allein im Zimmer sitzen, immer zu zweit oder zu dritt oder in einem Großraumbüro, wenn das aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geht.“ Dennoch solle sich kein Bürger in Ämtern wie in einem Hochsicherheitstrakt fühlen: „Sie sollen nicht, wenn sie ein Amt betreten, durch eine Schleuse gehen müssen.“ (dpa, dapd)

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