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Jeff Goldblum „Ich bin hungrig darauf, täglich zu lernen“

Hollywoodschauspieler Jeff Goldblum spricht über „Independence Day: Wiederkehr“, sein neues großes Glück, die Mysterien des Lebens und warum er so gerne Piano spielt.

11.07.2016 15:24
Ulrich Lössl
Ein guter Schauspieler muss etwas haben, was tief aus ihm herauskommt, sagt Jeff Goldblum, der auch Schauspiellehrer ist. Foto: Getty

Ganze 20 Jahre hat es gedauert, jetzt kommt Roland Emmerich mit der Fortsetzung zu seinem Kinohit „Independence Day“ ins Kino. Und wieder mit dabei ist Jeff Goldblum, 63, der als Wissenschaftler David Levinson in „Independence Day: Wiederkehr“ (ab Donnerstag im Kino) noch einmal dabei hilft, die Welt zu retten.

Jeff Goldblum ist einer der ganz wenigen Hollywoodstars, die es geschafft haben, sowohl in Hollywood-Blockbustern als auch in vielen Independent-Filmen mitzuspielen. Beim Interview im Soho-House in Berlin wird der charismatische Hollywoodstar seinem Image als milder Exzentriker schnell gerecht. Zur Begrüßung schüttelt er mir mit beiden Händen lange und innig meine Hand, schaut mir dabei tief in die Augen und sagt: „Sie kamen den weiten Weg von München nach Berlin, nur um mich zu sehen? Vielen Dank dafür! Und was ist denn das für ein Bonbon, das Sie da lutschen? Das duftet so gut!“ Natürlich gab ich ihm gleich auch ein Pfefferminz-Bonbon – das er mit hörbar großem Genuss lutschte. Nicht jeder hat also auf seinem Aufnahmegerät das halbe Interview hindurch dieses exklusive Goldblum-Schmatzen …

Mr. Goldblum, welche Filme sind Ihnen denn in Ihrer über 40-jährigen Karriere als Hollywoodschauspieler so richtig ans Herz gewachsen?
Da gehört auf jeden Fall „Independence Day“ dazu. Und das sage ich nicht nur aus Respekt und Höflichkeit, weil ich auch in „Independence Day: Wiederkehr“ mitspiele. Die erste Zusammenarbeit mit Roland Emmerich ist mir deshalb noch so gut in Erinnerung, weil ich da eine sehr gute Zeit am Set hatte. Wir verfilmten damals ja eine ganz neuartige und sehr innovative Science-Fiction-Geschichte, die in den folgenden Jahren als Blaupause für viele ähnliche Filme fungiert hat. Und das mit tollen Schauspielerkollegen und einem intelligenten Regisseur, der wusste, was er wollte. Und der sehr viel Spaß beim Drehen hatte. Und der – im Gegensatz zu anderen Regisseuren – mit uns Schauspielern sehr einfühlsam, ja sogar liebevoll umging. Das kam mir sehr entgegen. Denn nichts hasse ich mehr, als einen Regisseur, der versucht einen am Set einzuschüchtern oder einem gar Angst macht. Da funktioniere ich nämlich gar nicht mehr. Ich muss mich gemocht fühlen, um meine Leistung voll und ganz abrufen zu können.

Was ist Ihnen wichtiger: Gute Dreharbeiten oder ein guter Film?
(Lutscht sehr geräuschvoll sein Bonbon) Mir sind Dreharbeiten tatsächlich immer sehr wichtig. Denn am Set verbringe ich ja echte Lebenszeit. Wenn da also die Stimmung nicht gut ist, oder – was ich oft genug erlebt habe – chaotisch, dann ist das für alle Beteiligten sehr frustrierend. Das trübt natürlich extrem das Zen des Filmemachens, auf das ich sehr viel Wert lege. Anderseits kann ich sagen, dass je kompetenter der Regisseur ist, desto entspannter und freudiger ist man selbst auch bei der Arbeit. Zwei Jahre vor „Independence Day“ hatte ich mit Steven Spielberg ja den ersten „Jurassic Park“-Film gedreht, was auch ein ganz wunderbares Erlebnis war. Und davor mit Robert Altman „The Player“ und „Die Fliege“ mit David Cronenberg. Auch daran habe ich nur die besten Erinnerungen. Doch auch mit jungen Regisseuren wie Wes Anderson habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Seinen Filme „Die Tiefseetaucher“ und „Grand Budapest Hotel“ gehören ebenfalls zu meinen Lieblingsfilmen. Mir ist natürlich klar, dass ich in all den Jahren sehr viel Glück hatte, weil ich sowohl in großen Kinohits als auch in feinen Independent-Filmen mitspielen durfte.

Hilft Ihnen die Schauspielerei mit Ihrem Leben abseits der Kamera besser zurecht zu kommen?
Sie hat mich auf jedenfalls davor bewahrt, ständig zum Seelen-Klempner rennen zu müssen. (Lacht) Ich habe mich im Laufe der Zeit in viele fremde Charaktere einfühlen können und dadurch Erfahrungen gemacht, die sicher auch ganz persönlich meinen Horizont erweitert haben. Und das relativ gefahrlos, in einer abgesicherten Spiel-Situation. Das war und ist sicher auch in meinem alltäglichen Leben eine Hilfe. Allerdings darf man nicht mit den Emotionen durcheinander kommen: Vor der Kamera ist alles ein So-tun-als-ob. Im richtigen Leben ist man hoffentlich wahr und echt. Aber ohne die Schauspielerei hätte ich mich sicher nicht so frei und offen entfalten können.

Fällt Ihnen das leicht – sich vor Publikum zu öffnen?
Mittlerweile habe ich meine Unsicherheiten und Ängste weitestgehend überwunden. Anfangs war schauspielern für mich die Hölle. Damals war ich nämlich viel zu schüchtern, um mich wirklich öffnen zu können. Denn dazu gehört sehr viel Selbstüberwindung. Und vor allem Mut. Aber mit der Zeit wurde ich dann etwas sicherer und habe auch immer mehr gewagt.

Was war denn der Auslöser dafür?
Über diese schwierige Anfangsperiode am Theater und auch noch beim Film hat mir vor allem meine Leidenschaft für die Schauspielerei hinweggeholfen. Tief in meinem Unterbewusstsein verspürte ich schon seit ich denken kann den großen Drang, zu spielen. (Macht eine lange Pause) Die Schauspielerei hat mich definitiv zu einem Menschen gemacht, der gerne spielt! Ich liebe es wirklich über alles so zu tun, als sei ich ein anderer Mensch – wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist. Wie zum Beispiel in „Independence Day: Wiederkehr“ diesen supercoolen Wissenschaftler und Umweltschützer zu spielen. Ich spiele auch fast täglich Jazz-Piano und habe in Los Angeles eine Band, mit der ich regelmäßig auftrete. Da bin ich dann völlig losgelöst vom Alltag, den Sorgen, dem Ärger. Dieses Spielerische ist eine große Bereicherung in meinem Leben, die ich sicher nicht hätte, wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre. Ganz zu schweigen davon, dass ich dadurch ein sehr privilegiertes Leben leben darf.

Sicher gehört auch Glück dazu, eine so erfolgreiche Hollywood-Karriere hinzulegen. Aber hatten Sie nicht auch eine Strategie?
Überhaupt nicht. Ich bin relativ früh – ich war damals Anfang 20 – irgendwie ins Filmgeschäft hineingerutscht und habe mich dann eben treiben lassen. Ich hatte keinen Plan und schon gar keine Strategie.

Klingt ziemlich naiv.
Das war es wohl auch. Und das wäre wohl heute auch nicht mehr so möglich.

Warum?
Weil es in den 70er Jahren auch in Hollywood noch oft sehr naiv und unschuldig zuging. Ich meine, das waren doch die goldenen Jahre Hollywoods, in denen die Filmemacher noch viel mehr zu sagen hatten als heute. Da waren Filme wie Robert Altmans „California Split“ oder „Nashville“ und Woody Allens „Der Stadtneurotiker“ nicht nur das Tagesgespräch, sondern richtig große Hits. Solche Filme werden heute kaum mehr gemacht. Na ja, vielleicht von Wes Anderson oder Noah Baumbach und noch einer Handvoll anderer. Damals brauchte man eben jede Menge unverbrauchte Schauspieler, die sich – zu einer sehr überschaubaren Gage – auf solche Filme mit Leib und Seele einließen. Heute ist aus der Filmbranche doch schon längst eine Filmindustrie geworden. Und mir ist durchaus bewusst, dass ich unter diesen sehr veränderten Umständen viel Glück habe, dass ich immer noch mit dabei sei kann.

Kann man die Schauspielerei eigentlich lernen? Ich frage auch deshalb, weil Sie ja selbst Schauspielkurse geben.
Das ist eine gute Frage. Eigentlich kann man das Schauspielen nicht lernen. Techniken ja, auch ein paar Tricks. Aber letztlich muss da noch etwas sein, das „gewisse Etwas“, das man hat – oder eben nicht. Bei einem Komiker sagt man, er muss den „funny bone“ haben, um wirklich komisch sein zu können. Ein guter Schauspieler muss etwas haben, das ganz tief aus ihm herauskommt, heraus will … Und das aufzuspüren, dabei kann ich, glaube ich, schon etwas helfen. Aber finden muss das jeder für sich alleine. Warum ich Schauspielerei lehre hat auch einen ganz egoistischen Grund: Dadurch lerne ich nämlich selbst sehr viel. Bei der Schauspielerei ist es – wie eigentlich bei jeder Kunst – essenziell, dass man sie ständig ausübt. Nur so lernt man hinzu, nur so bleibt man „in the flow“, wie wir sagen, nur so trainiert man sozusagen die Muskeln, die man braucht, um etwas oder jemanden überzeugend darzustellen. Und je öfter man etwas macht, desto besser wird man auch darin.

Was sagen Sie Ihren Schülern, die als Bedienung oder Parkplatzwächter arbeiten müssen, um finanziell über die Runden zu kommen?
Haltet durch! Aber ehrlich gesagt ist diese finanzielle Unsicherheit natürlich ein großes Problem. Schon aus diesem Grund rate ich ihnen, lieber auch mal in nicht so guten Filmen oder TV-Serien mitzuspielen, als in gar keinen. Aber wissen Sie, ich sehe mich eher als einer, der sie führt und sie in die richtige Richtung weist. Dadurch können sie mitunter sehr viel Zeit und Energie sparen, die sie dann effektiver einsetzen können. Als junger Schauspieler habe ich mir selber oft gewünscht, dass jemand da gewesen wäre, der mir gesagt hätte, wo es lang ging, und der mir Mut gemacht und mein Selbstvertrauen gestärkt hätte. Ich war in puncto Schauspielerei ein absoluter Spätentwickler. Aber heute weiß ich, dass das auch ein Vorteil war. Denn ich bin bis heute wissbegierig geblieben und hungrig darauf, täglich etwas zu lernen. Der große Schauspiellehrer Sanford Meisner sagte immer: „Es dauert 20 Jahre, bis man sich ‚Schauspieler‘ nennen darf – und ein Leben lang, um besser zu werden.“

Haben Sie heute schon etwas gelernt?
Ja, ich habe gelernt, auf manche Fragen von Journalisten genauer zu antworten. Und nicht nur mein Standard-Repertoire abzuspulen.

Aber wäre das nicht einfacher?
Einfacher schon, aber nicht besser. Und ganz sicher nicht befriedigender. Ich habe das auch wieder bei den Dreharbeiten mit Roland Emmerich zum neuen „Independence Day“-Movie gelernt. Dass ich nämlich meine Rolle, die ich ja eigentlich noch gut in Erinnerung hatte, wieder mit ganz neuem Leben erfüllen musste. Hätte ich nur die Standard-Version von David Levinson gegeben, wäre das sicher einfacher gewesen, aber nicht so erfüllend.

Wie war es denn, als Sie Roland Emmerich nach 20 Jahren wieder begegnet sind?
Es war so, als ob wir uns vor einer Woche das letzte Mal gesehen hätten. Roland ist ja nicht nur ein hervorragender Regisseur, der sich ganz wunderbar auf uns Schauspieler einlässt, er ist auch einer der liebenswertesten Menschen, die ich kenne. Soll ich Ihnen ein Beispiel dafür geben?

Ich bitte darum.
Wir steckten gerade mitten in den Dreharbeiten zu „Independence Day: Wiederkehr“ in Albuquerque, New Mexiko, als mich meine hochschwangere Frau anrief und meinte, dass es jetzt bald soweit sei und die Geburt unseres Sohne kurz bevorstehe. Als ich Roland das sagte, hat er mir – trotz sehr engem Terminplan – ein paar Tage freigegeben, damit ich zu meiner Frau nach Los Angeles fliegen konnte. Ich kann Ihnen versichern, das hätten nicht viele in Hollywood gemacht. Aber das ist Roland.

Sind Sie noch rechtzeitig angekommen?
Ja, und jetzt werden Sie lachen: Wissen Sie, wann unser Sohn Charlie Ocean zur Welt kam? Genau eine halbe Stunde nach Mitternacht, am 4. Juli! Können Sie es glauben? Ich meine, es war der 4. Juli 1996, als es bei „Independence Day“ zu der alles entscheidenden Schlacht gegen die Aliens kam – die wir ja bekanntlich gewonnen haben. Und dann ist es auch noch einer der größten Feiertage, die wir in den USA haben. Wenn das kein gutes Omen ist! Ich kann es gar nicht erwarten, das alles irgendwann einmal meinem Sohn zu erzählen.

Sie sind mit 62 zu ersten Mal Vater geworden …
… und das ist das größte und schönste Glück in meinem Leben. Ich hätte mir das nie träumen lassen. Aber als mich meine Frau Emilie vor ein paar Jahren fragte, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihr ein Kind zu haben … Okay, da musste ich erst einmal schlucken … Aber dann habe ich vor Freude fast geweint.

Ihre Frau ist 30 Jahre jünger als Sie. Steckt man so einen Altersunterschied eigentlich leicht weg?
Wenn man sich wirklich liebt und das Gefühl hat, dass man wirklich zusammengehört – oder wie wir in Amerika sagen: seine „Seelenverwandte“ gefunden hat -, dann spielt das Alter keine Rolle. Emilie ist die Frau meines Lebens. Deshalb haben wir auch letzten November geheiratet. Und mit unserem einjährigen Sohn ist unser Glück jetzt komplett.

„Das Leben ist am schönsten, wenn es einen überrascht“, sagten Sie mal. Wann haben Sie sich denn das letzte Mal selbst überrascht?
Ich überrasche mich jeden Tag selbst. Und werde – und das ist das viel schönere Erlebnis – jeden Tag von anderen Menschen überrascht. Das liegt sicher auch daran, dass ich mit offenen Augen und offenem Herzen durchs Leben gehe und mir einen Sinn für das Wunderbare bewahrt habe.

Was ist Ihre Hauptantriebskraft im Leben?
Gute Frage… Das Mysterium des Lebens zu entdecken. Das treibt mich immer noch an. Jeden Tag, jede Nacht. Ich finde es faszinierend, am Leben zu sein auf diesem wunderbaren Planeten und fast mit jedem Atemzug immer noch etwas Neues dazulernen zu können. Und ich will Liebe geben und empfangen. Ich muss sogar sagen, je älter ich werde, desto mehr will ich geben. Denn darin liegt doch die allergrößte Befriedigung: Wenn man sieht, dass man jemanden glücklich gemacht hat.

Sind Sie heute ein besserer Mann als früher?
Ich will nicht behaupten, dass ich heute ein besserer Mann bin, aber ich hoffe doch sehr, dass ich ein besserer Mensch bin. Ich bin auf jeden Fall reifer und einsichtiger geworden. Und diese ganz persönlich Verbesserung habe ich zu einem sehr großen Teil meiner Frau Emilie zu verdanken – und natürlich meinem Sohn.

Was werden Sie Ihrem Sohn denn einmal als Lebensregel mit auf dem Weg geben?
Ich werde zu ihm sagen: Mein lieber Charlie, lebe dein Leben immer nach deiner Vorstellung und lass dich von nichts und niemandem von deinem Weg abbringen. Sei begeistert vom Leben und begeistere vielleicht auch noch andere Menschen dafür. Lerne zu akzeptieren, was immer auch kommen mag. Und vor allem: Genieße jeden Tag.

In Woody Allens Film „Der Stadtneurotiker“ sind Sie der Mann, der sein Mantra vergessen hat. Wie lautet denn Ihr heutiges Mantra?
Wow, daran können Sie sich noch erinnern?! Mein heutiges Mantra lautet (denkt lange nach) Space – Raum! Raum geben, Raum einnehmen, Raum zu träumen …

Interview: Ulrich Lössl

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