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„Jahrbuch Sucht“ Die stille Sucht älterer Damen

Bis zu 1,9 Millionen Deutsche sind von Medikamenten abhängig. Betroffen sind laut dem „Jahrbuch Sucht“ vor allem ältere Menschen und davon zwei Drittel Frauen.

Tabletten
In Deutschland werden rund 150 Millionen Packungen unterschiedlichster Schmerzmittel verkauft, 70 Prozent davon ohne Rezept direkt in den Apotheken. Foto: dpa

In Deutschland sind mehr Menschen von Medikamenten abhängig als von Alkohol. Die Zahl der Arzneimittelabhängigen wird auf bis zu 1,9 Millionen geschätzt, wie aus dem am Dienstag in Berlin veröffentlichten „Jahrbuch Sucht“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervorgeht. Als alkoholabhängig gelten rund 1,77 Millionen Menschen. Im Jahrbuch Sucht werden jedes Jahr neue Daten zu Süchten von Kokain über Tabak und Glücksspiel bis hin zu Medikamenten und Alkohol zusammengetragen.

Etwa vier bis fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel besitzen demnach ein erhebliches Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit, darunter vor allem die Schlaf- und Beruhigungsmittel mit Wirkstoffen aus der Familie der sogenannten Benzodiazepine, zu denen auch das bekannte Valium gehört. In den vergangenen Jahren sind die Verordnungen dieser Mittel in der gesetzlichen Krankenversicherung zwar zurückgegangen, der Anteil der privat verordneten Mittel nahm allerdings zu.

Der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaeske kritisierte eine „hohe Intransparenz“ in diesem Bereich. Privatrezepte für Schlaf- und Beruhigungsmittel seien heutzutage eher die Regel als die Ausnahme. „Sie verschleiern letztlich eine kritische Arzneimittelversorgung, weil sie an keiner Stelle systematisch erfasst und ausgewertet werden“, erklärte Glaeske.

Betroffen von diesen Verordnungen sind demnach vor allem ältere Menschen über 65 Jahre und davon zwei Drittel Frauen. Eine Arzneimittelabhängigkeit habe gravierende Auswirkungen auf die älteren Menschen, erklärte der Gesundheitsexperte. Die tägliche Einnahme führe bei ihnen zu immer mehr Wirkstoffmengen im Körper und damit zu unerwünschten Wirkungen wie Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit oder der Gangunsicherheit, oft verbunden mit Stürzen und schwer heilenden Knochenbrüchen.

Intransparent ist Glaeske zufolge auch die Schmerzmittelversorgung in Deutschland. So werden rund 150 Millionen Packungen unterschiedlichster Schmerzmittel verkauft, 106 Millionen Packungen davon und damit 70 Prozent ohne Rezept direkt in den Apotheken. Der Bremer Experte forderte eine bessere Kooperation von Ärzten und Apothekern, um den problematischen Konsum von Schmerzmitteln zu begrenzen.

Der Tabakkonsum ist im Jahr 2016 merklich zurückgegangen. Die Zahl der konsumierten Zigaretten sank um 7,7 Prozent – von etwa 81 300 auf rund 75 000 Millionen. Auch beim Feinschnitt ging der Konsum zurück: Allerdings nur um 1,1 Prozent auf etwa 24 000 Tonnen.

Die Autoren schreiben aber auch, dass die Raucherquoten im mittleren und höheren Alter stagnieren und dass nur sehr wenige Raucher die vorhandenen Tabakentwöhnungsangebote nutzen. Vor allem in den sozial benachteiligten Schichten werde verstärkt zum Glimmstängel gegriffen, heißt es. Das bedeute, dass sich nicht nur die gesundheitliche Situation, sondern auch die wirtschaftliche Lage dieser Raucher verschlechtere.

Rauchen ist führende Ursache für vorzeitige Sterblichkeit durch Atemwegs- und Krebserkrankungen. Im Jahr 2013 starben rund 121 000 Menschen durch Tabakkonsum (13,5 Prozent aller Todesfälle) und 3300 Menschen durch Passivrauchen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), beharrt daher auch auf ein Verbot der Tabakaußenwerbung noch vor der Bundestagswahl im September. Ein Gesetzesentwurf gegen die Tabakaußenwerbung wird schon seit langem diskutiert. Doch es gibt Widerstände sowohl bei der SPD als auch in der Union. Auch Kommunen und Werbewirtschaft fürchten das Verbot verständlicherweise.

Unsicher sind sich Forschung und Politik über die Chancen und Risiken von E-Zigaretten und E-Shishas. Die Autoren schreiben in dem Jahrbuch, dass der Konsum in Zukunft an Bedeutung gewinnen werde.

Man ist sich bisher jedoch nicht sicher, ob der Konsum von E-Zigaretten eher eine wirksame Ausstiegshilfe ist – oder zumindest den Schaden begrenzt – oder ob die elektronischen Zigaretten vielmehr den Einstieg in das Rauchen erleichtern. Das Konsumverhalten beim Alkohol hat sich dagegen in den vergangenen Jahren kaum verändert. Im Jahr 2015 trank jeder Deutsche 9,6 Liter reinen Alkohol – genauso viel wir im Jahr davor. Berücksichtigt man, dass der meiste Alkohol von 15- bis 65-Jährigen getrunken werde, erreiche der Durchschnittskonsum der Bevölkerungsmehrheit mit 14,6 Liter Reinalkohol einen „sehr hohen Wert“, heißt es in dem Bericht.

Wie die Ergebnisse repräsentativer Umfragen und Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, waren knapp 3,4 Millionen Erwachsene in Deutschland von einer alkoholbedingten Störung in den letzten zwölf Monaten betroffen – bei rund 1,6 Millionen Menschen spricht man von Missbrauch 1,8 Millionen sind abhängig von Alkohol. Jährlich sterben 74 000 Menschen an den Folgen dieser Abhängigkeit. (mit dpa/afp)

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